Christentum ist keine Privatsache

Es geht um eine erkennbar gelebte Praxis des Evangeliums

Christsein bedeutet auch solidarisches Handeln. Machen wir es mal ganz konkret. Foto: Alexas Fotos/Pixabay

 

Wie am schon vergangenen Sonntag steht auch diesmal im Evangelium ein Abschnitt aus der sogenannten Aussendungsrede Jesu im Fokus. Die Aussendungsrede ist die zweite von fünf größeren Redekompositionen, welche das Christusbild des Matthäusevangeliums signifikant prägen (vgl. dazu Infokasten).

von Christiane Koch

Die Grundstimmung in der matthäischen Aussendungsrede ist von zwei Linien bestimmt, die in dem Redekomplex miteinander verwoben sind: Eine Linie ist deutlich negativ gefärbt durch Themen wie Bedrohung, Verfolgung und Auslieferung (vgl. z.B. Mt10,16 „…ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe“); daneben zeigt sich aber auch eine positive Linie, die von Furchtlosigkeit, Schutz und Vertrauen spricht.

Auch der aktuelle Abschnitt weist diese beiden Dimensionen auf. Deutlich klingt einerseits die Erfahrung der Bedrohung und massiven Anfeindung aufgrund des Bekenntnisses zu Christus an (die Formulierung „Fürchtet euch nicht vor ihnen“ in Vers 26 lässt etwa auf nicht näher bezeichnete Verfolger schließen); dem gegenüber steht andererseits die feste Zusage der Rettung (vgl. kein Sperling fällt vom Dach ohne den Vater… Vers 29) und das fast refrainartige „Fürchtet euch nicht!“.

In welche Situation hinein sprechen diese Verse? Im Blick sind hier einmal mehr die jungen christlichen Gemeinden im ausgehenden 1.Jahrhundert n.Chr., die sich in der fremden, ja feindlichen Umgebung des römischen Reiches mehr und mehr etablieren. Und sie tun dies in voller Überzeugung– denn schon damals scheint eines klar: Christentum ist nicht Privatsache. Die Botschaft Jesu ist keine esoterische Geheimlehre, sondern Frohe Botschaft, die „von den Dächern“ also wahrnehmbar verkündet werden soll. Dabei meint „Verkündigung“ hier in erster Linie nicht lautstarke, verbale Predigt (auch im 1.Jahrhundert wurde nicht von den Dächern gepredigt!), sondern die erkennbar gelebte Praxis des Evangeliums. Wer sich allerdings inmitten der römischen Gewaltherrschaft durch ein Lebenskonzept der Hoffnung, durch Solidarität und Engagement für Benachteiligte und durch eine Entschiedenheit im Alltag zur Lehre und zum Leben Jesu bekennt, der/die setzt sich aus und riskiert Anfeindung und Infragestellung. Diese Erfahrung macht in seiner Zeit auch der Prophet Jeremia.

Nach den Wochen des Rückzuges in die eigenen vier Wände und den virtuellen Versammlungen aller Art gilt es in besonderer Weise, diesen zentralen Aspekt einer im Pfingstgeschehen verwurzelten Kirche in Erinnerung zu rufen. Wenn das Christentum Bestand haben soll, darf es auch heute nicht als Privatsache gelten. Dabei geht es nicht primär um öffentliche Bekundungen, sondern um eine, dem Evangelium entsprechende, glaubwürdig und erkennbar gelebte Haltung. Es geht beispielsweise um Strategien der Solidarität in der Gesellschaft, um den Verzicht auf Lebensmittel, die andere Menschen ausbeuten, oder um die Achtung des Körpers und der Gesundheit nicht nur in Corona-Zeiten. Es geht aber auch um die Aufmerksamkeit auf das, was einem/einer anderen neben mir guttut. Doch diesem Anspruch des Evangeliums geht der Zuspruch voraus, dass ein Leben an der Hand Gottes von Angst und Sorge befreit– und das ist im Vergleich alternativlos.

 

Info

Fünf große Reden Jesu im Matthäusevangelium:

Zur Besonderheit des Matthäusevangeliums gehört das Konzept der fünf großen Reden, die der Verfasser in den Kapiteln des öffentlichen Wirkens Jesu eingebaut hat. Die erste und bekannteste davon ist die Bergpredigt (Mt5–7). Dann folgen die Aussendungsrede (Mt10), die Gleichnisrede (Mt13), die Gemeinderede (Mt18) und die apokalyptische Rede (Mt24–25). Dieses Konzept scheint sich an der Vorlage des alttestamentlichen Buches Deuteronomium zu orientieren, in dem Mose ebenfalls fünf Reden hält. Für den mehrheitlich jüdisch geprägten Adressatenkreis des Matthäusevangeliums wird Jesus damit neben Mose gestellt und als Befreier und Lehrer Israels charakterisiert.

 

Zur Autorin:

Christiane Koch, Professorin für Exegese und Biblische Theologie an der KatHO NRW, Abteilung Paderborn, und Diözesanleiterin des Katholischen Bibelwerkes.

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