„Bemüht euch mit allen Kräften!“

Gedanken zu Lk 13,22-30

Eigentlich weiß man, was zu tun ist. Aber irgendwas hindert einen oft, es zu tun. Foto: MacRein/photocase

 

Das Reich Gottes ist in der Nachfolge Jesu nicht zum Nulltarif zu haben.

von Nicole Hennecke

Das heutige Evangelium ist keine leichte Kost. Der „liebe Gott“, der im Gleichnis vom barmherzigen Vater auch seinem auf Abwege geratenen Sohn noch die Tür offen hält, scheint sich hier von einer ganz anderen Seite zu zeigen: Es scheint schwierig zu sein, ins Reich Gottes zu gelangen. Und wenn die Tür zum Reich Gottes geschlossen wurde, scheinen diejenigen draußen zu bleiben, die Unrecht getan haben.

Auf der Suche nach Hinweisen für eine mögliche Auslegung dieser Perikope ging ich in die Bibliothek. Es war an einem sehr warmen Tag dieses Sommers. Auf dem Rückweg zum Auto sah ich auf einem großen Platz eine Frau am Boden liegen. Sie hatte die Beine angestellt, aber ansonsten lag sie nur da. Kaum war ich an ihr vorübergegangen, kamen mir Zweifel: Soll ich sie ansprechen? Braucht sie wohl Hilfe? Ich zögerte einen Moment. Dann fasste ich mir aber ein Herz, ging noch mal zurück und sprach die Frau an: „Geht es Ihnen nicht gut?“ Sie öffnete die Augen, schaute mich verärgert an und sagte: „Es geht mir nicht gut. Mein Leben ist schwierig. Aber das geht Sie überhaupt nichts an!“ Ich hakte noch mal nach: „Soll ich Ihnen einen Arzt rufen?“ „Nein, auf keinen Fall!“ Daraufhin bin ich weitergegangen.

Zu Hause habe ich noch länger darüber nachgedacht. Vielleicht sind es Situationen wie diese, die Jesus im Hinterkopf hatte, wenn er sagt: „Ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan!“ Es war mir unangenehm gewesen, die fremde Frau anzusprechen. Vielleicht war sie obdachlos und ruhte sich nur aus. Aber was wäre die Alternative gewesen: Einfach weitergehen – nach dem Motto: Ist doch nicht mein Problem! Zudem weiß ich nicht, wie die Person reagiert; ich könnte mir mindestens einen dummen Kommentar einhandeln. Gut, den dummen Kommentar habe ich erhalten. Aber durch mein Ansprechen der Frau habe ich mich zumindest vergewissert, dass kein ernster medizinischer Notfall vorlag, für den ich den Notarzt gerufen hätte.

Allerdings habe ich auch nicht wirklich Anteil genommen. Schließlich habe ich nicht nachgefragt, ob sie mir erzählen möchte, inwiefern ihr Leben so schwierig ist. Wenn ich ihr auch vermutlich nicht hätte helfen können, so hätte ich zumindest zuhören können. Vorausgesetzt sie hätte das gewollt.

Aber dazu habe ich der Frau keine Gelegenheit gegeben. Ich fürchtete, dass mein Tages­plan aus dem Ruder läuft und bin eilig weitergegangen. Zurückgeblieben ist mein schlechtes Gewissen – gerade im Angesicht des heutigen Evangeliums. Nicht, weil ich Angst hätte, vor der geschilderten geschlossenen Tür zu stehen, sondern weil ich versuche, die Botschaft Jesu in meinem Leben umzusetzen. Seine Ideale zu leben. So vermute ich, dass er sich die Zeit zum näheren Nachfragen und Zuhören genommen hätte.

Ich muss aber erkennen, dass ich in dieser Situation hinter seinem Anspruch zurückgeblieben bin. Und so versuche ich mein schlechtes Gewissen zu lindern, indem ich mir sage: „Immerhin hast du überhaupt nachgefragt.“ Und: „Andere sind einfach weitergegangen.“ Dabei ist letzteres wohl die ganz falsche Fährte. Ich muss nicht das Verhalten der anderen beurteilen. Das kann ich getrost dem HERRN überlassen. Ich bin völlig damit ausgelastet, mein eigenes Verhalten zu beurteilen, zu verbessern und in die rechten Bahnen zu lenken.

Und so kann ich letztlich nur sagen: Ich habe noch einen langen Weg vor mir. Verzagen ist nicht angezeigt. Jesu Aufruf ist klar und deutlich: „Bemüht euch mit allen Kräften!“ (Lk 13,24)

Zur Autorin:

Dr. Nicole Hennecke, gebürtig aus Medebach, ist Pastoral­referentin und Kirchenrecht­lerin, wohnhaft in Trier.

Diesen Artikel teilen:

Ähnliche Artikel