Auf den Spuren spiritueller Orte

Wein, Heilige und die westfälische Toskana: unterwegs im Kreis Höxter

Die Himmelsbergkapelle, auf einer Anhöhe zwischen Feldern gelegen, ist seit jeher ein lohnendes Ausflugsziel mit einem hohen Entspannungsfaktor. Foto: Schäfer

 

Kreis Höxter. Es ist eine Landschaft wie aus einem Bilderbuch: weite Wiesen und Felder, vielfältige Mischwälder, bizarre Felsformationen, sanfte Hügel und einsame Täler. Ein echtes Postkartenidyll, das zu kleinen Erkundungen anregt.

von Martina Schäfer

Denn die Region zwischen Weserbergland, Egge und Teutoburger Wald hat viele Gesichter und beherbergt ebenso eine Vielzahl an spirituellen Orten. Orte der Ruhe, die den Lärm der Welt hinter sich lassen, die Entspannung vermitteln, zur Meditation anregen und das Herz berühren. Diese Oasen lassen sich zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem Auto entdecken. Auch wenn die spirituellen Orte oft einsam oder jenseits großer Straßen liegen, führen doch immer bekannte und gut ausgeschilderte Wander- und Pilgerwege an ihnen entlang. Lassen Sie sich von den Schätzen vor der Haustür faszinieren!

Malerisches Fachwerk

Die Weserstadt Höxter ist berühmt wegen ihres malerischen Stadtkerns, der hübschen Fachwerkhäuser und natürlich wegen des UNESCO-Welterbes Corvey. Gegenüber der ehemaligen Reichsabtei liegt oberhalb der Bundesstraße 64 ein barockes Kleinod – die Kapelle St. Josef im Weinberg. Der Corveyer Fürstabt Christoph von Bellinghausen, der von 1678 bis 1696 regierte, ließ die dem hl. Josef geweihte Kapelle in den Jahren 1689/90 errichten. Das Schmuckstück mit dem von Weinreben hübsch verzierten Portal erinnert an die Weinbaugeschichte Corveys am Räuschenberg, die leider von wenig Erfolg gekrönt war. Denn eine kleine Eiszeit, der kalkhaltige Boden und die empfindlichen Reben machten den Benediktinern im 17. Jahrhundert einen Strich durch die Rechnung. Als qualitativ zu schlecht und zu sauer galt der Corveyer Wein. Heute ist die weiß getünchte Weinberg-Kapelle der Ausgangspunkt für den ökumenisch-biblischen Weinpfad, der auf rund drei Kilometern über die terrassenartigen Wege des Räuschenberges führt. An sieben Stationen lässt sich an den aufgeschlagenen „Büchern“ mehr erfahren – über Landwirtschaft, den Weinanbau, die Bedeutung Corveys und über die biblischen Geschichten rund um den Wein. Am Ende des Pfades können sich Besucher davon überzeugen, dass auf dem sonnenverwöhnten Räuschenberg ein neues Weinkapitel aufgeschlagen wird – mit robusten Phönix- und Regentreben, die dem Klimawandel angepasst sind. Wer auf dem neuen Weinberg steht, erlebt ein wunderbares Panorama: den Blick auf die Stadt Höxter und die mächtigen Türme von Corvey.

Dem Himmel so nah

Dem Himmel ganz nah fühlt man sich zwölf Kilometer westlich von Höxter. Oberhalb der kleinen Ortschaft Ovenhausen geht es steil hinauf zur St.-Michaels-Kapelle, die ebenso wie die Abteikirche Corvey am Jakobsweg liegt. Die Kapelle auf dem Heiligenberg ist mehr als 940 Jahre alt, wurde von zwei Corveyer Mönchen gegründet und war stets ein besonderer spiritueller Ort, der nicht nur zu Pfingstmontag die Gläubigen zur Festmesse anzieht.

Mitten in der Natur zwischen alten, knorrigen Bäumen ragt das katholische Gotteshaus mit dem charakteristischen Vordach hervor und lädt dazu ein, einmal innezuhalten. Denn dort auf dem Höhenplateau ist die Hektik der Welt ganz weit weg. Auf der weitläufigen Wiesenlandschaft eröffnen sich reizvolle Blicke – auf das Wesertal, den Solling und das lippische Bergland mit dem Köterberg.

Im Oberwälder Land, westlich der Oberweser gelegen, finden sich einige spirituelle Orte und Denkmäler. So auch im Kulturmusterdorf Bökendorf, wo zwischen Feldern, Wiesen und Obstbäumen die Marienkapelle liegt die im Jahr 1933 von Bökendorfer Bürgern erbaut wurde. Das „Marien-Heiligenhäuschen“ mit einer Marienstatue im Inneren wird rege von der Bevölkerung für Andachten und Prozessionen genutzt, ist aber ebenso eine gute Station auf dem sogenannten „Kommunikationsweg“ in die alte Hansestadt Brakel mit ihren historischen Fachwerkhäusern.

wildromantischer Forst

In früheren Zeiten erreichten die Menschen auf diesem Verbindungsweg durch den auch heute noch wildromantischen Hinnenburger Forst auf kürzestem Wege den Krämer, den Arzt oder den Apotheker. Die Wanderung auf dem Pilgerpfad „Sieben Heilige auf einen Streich“   führt vorbei an den Bildstöcken des hl. Antonius und hl. Hubertus sowie der eindrucksvollen Kapelle „Maria Schnee“, die idyllisch eingebettet zwischen Wald und Obstbäumen liegt. Diese Marienkapelle, gesegnet am 5. August 1844, an der auch gern Gottesdienste gefeiert werden, erinnert an die Weihe der römischen Papst-Basilika Santa Maria Maggiore am 5. August 434, die aufgrund eines „Schneewunders“ gesegnet wurde, daher der Name „Maria Schnee“.

Am Stadtrand von Brakel direkt an der Bundesstraße 252 erwartet den Besucher eine der berühmtesten Kapellen in der Region: Die Annenkapelle, welche die Verehrung der hl. Mutter Anna in Brakel widerspiegelt, wurde 1719 von der Familie Asseburg neu errichtet. Auffällig sind die achteckige Form des Bauwerks und der barocke Stil mit vorgelegter offener Halle. Der Vorbau ist mit regionalen Sollingplatten gedeckt und wird von schmalen Säulen gestützt. Seit mehr als 500 Jahren pilgern zahlreiche Gläubige rund um die Zeit der Kirmes „Annentag“ zur Kapelle, um die hl. Mutter Anna zu ehren. e

Sehenswert ist auch die kleine einschiffige Schonlaukapelle im romantischen Höhenort Dringenberg mit seiner imposanten Burg, rund 17 Kilometer südwestlich von Brakel gelegen. Dem hl. Liborius gewidmet, wurde die jetzige Kapelle, die auf der Anhöhe steht, im Jahr 1780 errichtet. Früher tagte dort das für den Oberwäldischen Bezirk zuständige Freigericht. Vor wenigen Jahren haben rührige Bürger aus Dringenberg das Gebäude aufwendig renoviert.

Einer der Höhepunkte auf den Spuren spiritueller Orte folgt im Süden des Kulturlandes Kreis Höxter,  in Altenheerse, einem Ortsteil von Willebadessen. Dort am Fuße des Eggegebirges, auf dem sogenannten Himmelsberg, befindet sich eine kleine Kapelle, die 1948 von zwei Brüdern mit Unterstützung der Bevölkerung erbaut wurde. Ihre Entstehungsgeschichte reicht allerdings weit in die Vergangenheit zurück. Finanzielle Unwägbarkeiten hatten den Bau der Kapelle, der eigentlich schon Mitte des 18. Jahrhunderts realisiert werden sollte, immer wieder verhindert.

Blick schweifen lassen

Wer auf einer der Bänke sitzt und den Blick schweifen lässt, erkennt vom Hang aus nicht nur Wald, Wiesen, Hügel und Ortschaften. Die atemberaubende Fernsicht umfasst das Warburger Land, das nordhessische Bergland, den Reinhardswald und Teile des Eggegebirges. Das ist einmalig und macht sogar der Toskana Konkurrenz. Es ist ein Ort, der zu jeder Jahreszeit einfach faszinierend ist und den Alltag vergessen macht. Ein magischer Platz zum Durchatmen und Genießen.

Infos und Karten:

www.orte-verbinden.de

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