Freude über die Augenblicke der Stille – Sr. Judith Beule im Interview

Sr. Judith Beule arbeitet in der Koordination der Gehörlosenseelsorge des Erzbistums ­Paderborn. Sie selbst ist taubblind und weiß daher nur zu gut, was Menschen mit einer ­solchen ­Einschränkung benötigen.

Augenblicke der Stille
veröffentlicht am 25.12.2023
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Sr. Judith Beule arbeitet in der Koordination der Gehörlosenseelsorge des Erzbistums ­Paderborn. Sie selbst ist taubblind und weiß daher nur zu gut, was Menschen mit einer ­solchen ­Einschränkung benötigen und welche Herausforderungen sich in ihrem Leben stellen.

Was sind Ihre konkreten Aufgaben als Koordinatorin der Seelsorge für und mit Menschen mit Hör- und Sprachbehinderung und taubblinde Menschen im Erzbistum Paderborn? Welche Rolle spielen dabei Ihre eigenen körperlichen Einschränkungen?

Sr. Judith Beule: „Meine Aufgaben sind vielfältig und das ist gerade so spannend und macht Freude. Einige Beispiele: Bei mir können sich Taube und Taubblinde sowie Menschen mit oder ohne Gebärdensprachkompetenz melden. Ich führe seelsorgliche Gespräche. Ich übernehme auch Vorbereitungsgespräche für Erstkommunion und Firmung. Auch Dolmetscher für Beerdigungen oder religiöse Veranstaltungen vermittele ich. Ich biete Gottesdienste, Fahrten wie in diesem Jahr zum Weltjugendtag und Projekt- und Workshoptage in Gebärdensprache an. Angebote für Besinnungstage für taube Menschen und Tipps für den Umgang mit Tauben und taubblinden Menschen gehören auch zu meinen Aufgaben. Ich erkläre religiöse Gebärden im biblischen Kontext. Durch meine zusätzliche Qualifikation als Dozentin für Gebärdensprache kann ich auch Kurse für Gebärdensprache anbieten.

Für mich selbst gibt es immer noch Barrieren: Ich muss viele Anträge stellen, um mit meinen Einschränkungen gut arbeiten zu können. Hilfsmittel, die ich dringend benötige, werden im ersten Durchgang ganz oft abgelehnt. Das heißt für mich, ich muss Widerspruch erheben, um das notwendige Hilfsmittel zu bekommen. Für das Telefonieren benötige ich ein Dolmetschprogramm (Tess/Telesign), das mir nach einem Jahr endlich bewilligt wurde. Damit kann ich auch mit hörenden Kolleginnen und Kollegen im Bistum telefonieren.“

Was nehmen Sie konkret von Ihrer Umwelt wahr und wie gestaltet sich der Alltag in ihrem Kloster zwischen hörenden und nicht hörenden Schwestern?

Sr. Judith Beule: „Diese Frage ist zum Teil in nachfolgenden Aussagen schon beantwortet. Zur Wahrnehmung der Umwelt möchte ich ergänzen: Machen Sie selbst einen kleinen Versuch, um meine Sichtfeldeinschränkung zu verstehen: Nehmen Sie ein Stück Pappe und schneiden Sie aus der Mitte eine Fläche von einem Fünf-Cent-­Stück aus. Schließen Sie ein Auge und halten Sie das Stück Pappe mit dem „Loch“ vor das andere Auge. Was sehen Sie? Was sehen Sie nicht? Jetzt können Sie sich z. B. meine Sichtfeldeinschränkung vorstellen.“

Wie kommunizieren Sie mit anderen Menschen, welche Hilfsmittel gibt es und welche nutzen Sie?

Am liebsten kommuniziert Sr. Judith Beule über die Deutsche Gebärdensprache. Sie selbst ist Dozentin für Gebärdensprache. (Foto: privat)

Sr. Judith Beule: „Ich kommuniziere am liebsten über die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Mit nicht gebärdensprachkompetenten Menschen muss ich Lautbegleitende Gebärden (LBG) oder Lautsprache sprechen. Ich habe meinen Mitschwestern Grundkenntnisse in Gebärdensprache vermittelt. Auch Lormen ist eine mögliche Kommunikationsform. Das bedeutet, dass sich meine Mitschwestern bewusst auf meine Einschränkungen einstellen, zumindest müssen sie deutlich und langsam sprechen.

Ich benutze für meine Behinderung verschiedene Hilfsmittel: Ich nutze Hörhilfen, FM-­Anlage, Kantenfilterbrillen, Langstock, Navigürtel, bestimmte Apps am IPhone/MacBook, das z. B. Schrift vergrößern, Kontrast erhöhen oder die Farben ändern kann. Als Arbeitsassistenz nutze ich auch Gebärdensprachdolmetscher*­innen und Taubblindenassistenten.“

Tun wir gesellschaftlich genug für Menschen mit Hör- und Sprachbehinderungen und auch für taubblinde Menschen?

Sr. Judith Beule: „Nein, leider nicht. Es wird oft bei Barrierefreiheit an Rollstuhl oder Leichte Sprache gedacht. Aber Gebärdensprachdolmetscher*­innen und Taubblindenassistenten sind leider nicht selbstverständlich bei Veranstaltungen dabei.“

Wie stellen Sie sich Inklusion von tauben Menschen in der Kirche im Idealfall vor?

Sr. Judith Beule: „Es wäre schön, wenn mehr Priester oder Gemeindereferentinnen und -referenten selbst ­Gebärdensprache könnten und sie im Gottesdienst einsetzen würden. Sehr hilfreich wäre es auch, wenn von vornherein Gebärdensprachdolmetscher*­innen für den Gottesdienst zur Verfügung gestellt würden. Die tauben Menschen, die gerne am Gottesdienst teilnehmen ­möchten, würden dann nicht noch Anträge stellen und ­Kosten übernehmen müssen. Unter ­diesen Voraussetzungen ­könnten taube Menschen auch öfter an ­Gottesdiensten teil­nehmen.“

Viele Menschen sehnen sich gerade in der Adventszeit nach mehr Stille in ihrem Leben. Wie nehmen Sie persönlich Stille wahr? Eher belastend oder erleichternd?

Ich bin froh, wenn ich meine Hörhilfen mal ausschalten und mich ganz der Stille überlassen kann. Ich bin es gewohnt, ich vermisse nichts und gerade im Advent freue ich mich trotz vieler Arbeit auf Augenblicke der Stille.

Die Fragen stellten Patrick Kleibold
und Andreas Wiedenhaus

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