Haus der Stille – Sogar die Farben sind leise

Ein Ort, an dem man Ruhe finden kann: Vor gut 20 Jahren eröffneten die ­Benediktiner in Königsmünster ihr „Haus der Stille“. Aus ganz unterschiedlichen Gründen ­verbringen Menschen dort Zeit und suchen Ruhe – auch über die Weihnachtsfeiertage.

Ein Ort, an dem man Ruhe finden kann: Vor gut 20 Jahren eröffneten die ­Benediktiner in Königsmünster ihr „Haus der Stille“. (Fotos: Patrick Kleibold)
veröffentlicht am 24.12.2023
Lesezeit: ungefähr 8 Minuten

Ein Ort, an dem man Ruhe finden kann: Vor gut 20 Jahren eröffneten die ­Benediktiner in Königsmünster ihr „Haus der Stille“. Aus ganz unterschiedlichen Gründen ­verbringen Menschen dort Zeit und suchen Ruhe – auch über die Weihnachtsfeiertage.

Meschede-Königsmünster. Beton, buchstäblich „hingeklotzt“: Groß und schmucklos liegt es da, das „Haus der Stille“ der Benediktinerabtei Königsmünster; hingeworfen auf eine Wiese. Nicht umsonst ist oft von „Brutalismus“ die Rede, wenn es um Bauwerke aus Beton geht. Immerhin: Die weiße Außenfarbe übertüncht das Grau des Materials, nimmt ihm etwas von der Rohheit, von seiner Bedrohlichkeit.

Beton bestimmt das Bild

Im Inneren dann Beton ganz unverfälscht und pur, grau und grob. Das Stäbchenparkett auf dem Fußboden bildet geradezu einen Kontrast. Die Finger freuen sich direkt über den Kontakt mit dem hölzernen Handlauf der Treppe, man meint direkt, die Wärme des Materials zu spüren. In die Wände eingelassene Leuchten setzen Lichtakzente. Bilder sucht das Auge vergebens.

Bruder Jonas Wiemann geht vo­ran. Er leitet das Haus, gibt Kurse und kümmert sich um die Gäste. Treppenhaus und Flur – überall das gleiche Bild: Alles ist puristisch, minimalistisch, auf das Wesentliche reduziert. Am ausgeprägtesten in dem Raum, dessen Tür der Benediktiner gerade öffnet: die Kapelle. Wären da nicht das große schmale Kreuz aus Edelstahl an der Wand und der kleine Tabernakel, könnte man sich auch in einer Zelle eines Hochsicherheitstraktes wähnen.

Ein Ort, an dem man Ruhe finden kann: Vor gut 20 Jahren eröffneten die ­Benediktiner in Königsmünster ihr „Haus der Stille“. (Fotos: Patrick Kleibold)
In keinem anderen Raum des Gebäudes ist die Reduktion auf das Wesentliche so konsequent umgesetzt wie in der Kapelle: Sogar der Fußboden ist aus Beton.

Vor dem Tabernakel brennt eine Kerze, zwei einfache Hocker auf zwei Matten – mehr gibt es nicht. Das Licht fällt von oben in den Raum, doch der graue Himmel heute lässt keine Sonnenstrahlen durch. Hier ist so gut wie alles Beton; sogar der Fußboden. Kein Parkett schmeichelt den Sohlen.

„Viele sind regelrecht schockiert, wenn sie diesen Raum zum ersten Mal betreten“, sagt der Benediktiner: „Es gibt hier nichts, was vom Wesentlichen ablenkt.“ Und genau das funktioniere, setzt Bruder Jonas hinzu: „Man muss sich allerdings da­rauf einlassen.“ Und das ­brauche manchmal seine Zeit.

„Einlassen“ ist auch das richtige Stichwort, wenn es um die Architektur des Hauses und die Akzeptanz in der Öffentlichkeit geht. „Über den Stil wurde viel diskutiert“, erklärt der Leiter des Hauses: Den Vorwurf, einfach einen „Betonklotz“ in die Landschaft und auf das Klostergelände zu setzen, habe es oft gegeben – außerhalb des Ordens, aber auch innerhalb. „Die Idee und das Projekt an sich waren aber immer unumstritten“, setzt Bruder Jonas hinzu. In Fachkreisen gab es hohes Lob für das Haus.

Ein Ort, an dem man Ruhe finden kann: Vor gut 20 Jahren eröffneten die ­Benediktiner in Königsmünster ihr „Haus der Stille“. (Fotos: Patrick Kleibold)
Bruder Jonas Wiemann leitet das Haus seit 2016. Er selbst ist immer wieder fasziniert von der Wirkung der Architektur auf die Menschen. (Fotos: Patrick Kleibold)

Freier Blick in die Natur

Der Benediktiner öffnet die Tür zum nächsten Raum. Die Helligkeit ist fast ein wenig irritierend. Durch die Glasfront gegenüber der Tür fällt Licht in den großen quaderförmigen Saal. Die Fenster geben den Blick frei auf eine Wiese mit alten Apfelbäumen. „Die Abgrenzung durch die Betonwand auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses wird hier vom Glas durchbrochen“, erklärt der Benediktiner „Abgeschottet gegen die Umwelt, offen gegenüber Gottes Schöpfung“, fasst er das architektonische Prinzip des Hauses zusammen.

Die Gruppe, die aktuell zu Gast ist und den Saal nutzt, macht gerade Pause. Auch dieser Raum ist durch und durch funktional. Doch die hohen Wände aus Beton wirken hier überhaupt nicht bedrohlich. Beton – ein Material mit einem schlechten Ruf, aber vielen Facetten, wenn man es genauer betrachtet: Furchen und kleine Risse, glatte Flächen wechseln ab mit rauen Stellen. Die Finger fahren über die Wand, ertasten ganz unterschiedliche Strukturen. Der Blick von Bruder Jonas fällt auf eine Terminübersicht, die die Gruppe an die Wand geklebt hat. „Das sollte ­eigentlich nicht sein“, erklärt er und muss ein wenig lächeln. Er hat recht: Das Stück Papier – dick mit einem Edding beschriftet – stört, wirkt wie ein Fleck auf der Wand. Eigentlich möchte man es direkt abreißen.

Der Benediktiner öffnet die Tür zu einem Sprechzimmer. Beim Gespräch wird bereits eines deutlich: Die Sicht auf Haus und Räume hat sich gewandelt. Die Empfindung der Bedrohlichkeit beim ersten Anblick ist verschwunden. Nicht, dass die Atmosphäre jetzt „gemütlich“ wirkt, doch man hat das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein: „Es passt.“ Alles ist durchdacht, aus einem Guss; die Möbel aus der eigenen Tischlerei der Abtei sind funktional und gleichzeitig ansprechend gestaltet. Es gibt nichts, was einen „anschreit“ – weder optisch noch akustisch. „Laute“ Farben sind ebenso tabu wir Radio oder Fernseher.

Menschen sind spirituell auf der Suche

„Meine Ruhe“ haben – wie oft gebraucht man diese Redewendung. Manchmal genervt, oft sehnsuchtsvoll. Hier kann jeder seine Ruhe ganz individuell gestalten. Bruder Jonas leitet das „Haus der Stille“ seit 2016, kann von vielen Begegnungen berichten. Und er ist immer noch fasziniert von diesem Gebäude, von seinen Möglichkeiten, von seiner Wirkung auf die Gäste: „Ich weiß zum Beispiel, dass 20 Menschen gerade hier zu Gast sind, aber ich höre nichts von ihnen.“

Allerdings, so der Benediktiner, brauche man eine gewisse psychische Stabilität, um sich auf Schweigen, Ruhe und Stille einlassen zu können: „Für Menschen, die sich beispielsweise gerade in einer depressiven Phase befinden, ist das dann hier nicht der richtige Ort.“ Schließlich – diese Erfahrung mache er genauso wie die Gäste – komme „vieles ans Licht“, wenn man sich wie zum Beispiel in der Hauskapelle, ganz auf die Gegebenheiten einlasse und sich öffne.

Er habe den Eindruck, so Bruder Jonas, dass die Menschen durchaus spirituell auf der Suche seien, dass sie aber mit dogmatisch vorgefertigten Antworten heute schlicht nichts anfangen könnten: „Sie suchen individuelle Erfahrungen.“ Damit das an diesem Ort möglich wird, nimmt er sich selbst sehr zurück: „Ich bin da, wenn ich gefragt werde, dränge mich aber nicht auf, das ist ganz wichtig.“

Verschiedene Erwartungen

Denn die Gäste kämen mit ganz unterschiedlichen Erwartungen: „Manche wollen wirklich absolut ungestört sein. Da ist die Begrüßung dann der einzige Kontakt. Und ich merke in diesem Moment schon, dass das fast schon zu viel ist.“ Zu wissen, dass nichts erwartet werde, sei für die Gäste ein gutes Gefühl: „Man muss zum Beispiel beim Essen keine Konversation machen, muss kein Thema suchen, über das man sich unterhalten kann, muss in diesem Zusammenhang keine Erwartungen oder Konventionen erfüllen.“ So etwas könne unter Umständen sehr stressig sein: „Und gerade das wollen wir ja hier vermeiden.“ Nichts leisten zu müssen – das werde von vielen Menschen mit Ruhe gleichgesetzt, erklärt der Benediktiner: „Einfach da sein zu können – diese Chance eröffnet das Haus für seine Gäste.“

Wie sehr diese Möglichkeiten geschätzt werden, zeigt die Tatsache, dass viele regelmäßig zu Gast sind: „Kürzlich erzählte mir noch ein alt-­katholischer Pfarrer, dass das ‚Haus der Stille‘ für ihn zu seinem ganz ­persönlichen geistlichen Ort geworden sei; darüber habe ich mich sehr gefreut.“ Von einem rät Bruder Jonas allerdings ab: „Ein Aufenthalt hier ist nur dann ein gutes Geschenk, wenn der ­Beschenkte das wirklich möchte und er weiß, was ihn erwartet!“ Wenn er Anrufe – oft geschehe das vor Weihnachten – erhalte, in denen es da­rum gehe, dass zum Beispiel jemand seinen ­Partner oder seine Partnerin damit ­überraschen wolle, rät er eher ab. „Manchmal wird mir erzählt, dass ein paar Tage Schweigen im Kloster dem Ehemann oder der Ehefrau ganz guttun würden“, sagt der Benediktiner und muss ein wenig lächeln: „Wenn der- oder diejenige das selbst aber anders sieht, wird es schwierig!“

Neben der Möglichkeit, einfach nur zu Gast zu sein und den Aufenthalt individuell zu gestalten, besteht auch die Möglichkeit, an Kursen und Seminaren im „Haus der Stille“ teilzunehmen. Diese reichen von Tagen der Kontemplation und Ignatianischen Exerzitien, die sehr beliebt seien, bis zu Yoga oder Zen-Einführungen. Aktuell steht die Feier des Weihnachtsfestes auf dem Programm. Schon jetzt ist Bruder Jonas Wiemann sehr gespannt auf die Gäste, die er hier über die Feiertage begrüßen wird. Eines aber weiß er jetzt schon: „Der Weihnachtsschmuck wird sehr dezent ausfallen.“

Ein Ort, an dem man Ruhe finden kann: Vor gut 20 Jahren eröffneten die ­Benediktiner in Königsmünster ihr „Haus der Stille“. (Fotos: Patrick Kleibold)
Freier Blick auf die Apfelwiese: Auf einer Seite wird der „Betonklotz“ von einer Glasfassade durch­brochen, die den Blick auf Gottes Schöpfung freigibt. (Fotos: Patrick Kleibold)

Text: Andreas Wiedenhaus
Fotos: Patrick Kleibold

Schauen Sie doch mal in die aktuelle DOM-Ausgabe rein. Dort finden Sie eine Vielzahl an Berichten zur katholischen Kirche im Erzbistum Paderborn, deutschlandweit und auch weltweit. Es lohnt sich bestimmt.

Weitere interessante Artikel auf DerDom.de
19.02.2024

 

 

 

 

Die Aufarbeitung hat begonnen

Die ­Lippische Landeskirche will sich der Aufarbeitung stellen und einen Maßnahmenplan erarbeiten. Die ForuM-Studie ist wichtiger Baustein.

weiterlesen
19.02.2024

 

 

 

 

Gemeinsame Ziele betont

Der künftige Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz hat in Düsseldorf vor dem nordrhein-­westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst (CDU) den Treueid abgelegt. Er würdigte den Eid als Bekenntnis zum Rechtsstaat.

weiterlesen
17.02.2024

 

 

 

 

Tag des geweihten Lebens

Gottesdienst und Begegnung am „Tag des geweihten Lebens“ / Vielfalt des Ordenslebens im Erzbistum Paderborn ist erfahrbar

weiterlesen