Auf der Suche nach der Stille

Die Vorweihnachtszeit wird oft mit den Worten „Stille Zeit“ beschrieben. Man soll ­innehalten. Doch wie „still“ ist die Adventszeit wirklich?

Auf der Suche nach Stille – Ein Erfahrungsbericht
Germany, North Rhine-Westphalia, Paderborn, Christmas market at Domplatz, in the background Cathedral
veröffentlicht am 21.12.2023
Lesezeit: ungefähr 5 Minuten

Die Vorweihnachtszeit wird oft mit den Worten „Stille Zeit“ beschrieben. Man soll ­innehalten, sich Zeit nehmen, zur Ruhe kommen. Doch wie „still“ ist die Adventszeit wirklich? Ein ­Erfahrungsbericht über die Suche nach der Stille auf dem Paderborner Weihnachtsmarkt.

Paderborn. Ein Kind schreit. Hinter mir telefoniert ein Mann in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Ich stehe direkt an der Tür, umringt von Menschen. „Entschuldigung“ – ein Junge möchte aussteigen. Die Tür zischt, öffnet sich. Dann schließt sie wieder und wir fahren weiter. „Detmolder Tor“ klingt es aus den Lautsprechern. Ich bin zu weit gefahren. Die Geräusche haben mich abgelenkt. Meine Suche nach der Stille beginnt in einem Bus voller Menschen.

Bereits auf dem Weg bin ich umringt von Geräuschen: Autos fahren vorbei, die Ampel knackt in einem tackenden Rhythmus, oben am Himmel hört man die Vögel zwitschern. Über den Häusern ragt die Spitze des Domes auf, eingetaucht in rote Farbe – mein Ziel.

Auf dem Domplatz fährt ein Auto nach dem anderen auf den Parkplatz und verursacht Motorengeräusche. Mit einer idyllischen Weihnachtszeit hat dies eher wenig zu tun. Zwei Tannenbäume kennzeichnen den Beginn des Weihnachtsmarktes. Dazwischen rot-­weiße Absperrungen und zwei schwarze Blockaden, die Erinnerungen an den Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt aufkommen lassen, wo der stille Frieden vieler Familien durchbrochen wurde durch den Lärm des tödlichen Sattelzuges.

Umringt vom Lärm der Vorweihnachtszeit

Heute: Sobald ich den Weihnachtsmarkt betrete, tauche ich ein in eine ständige Geräuschkulisse, die sich wie ein Mantel über das Geschehen legt. Besonders laut ist es am Glühweinstand direkt am Anfang. Menschengruppen stehen unter einem Dach und unterhalten sich ausgelassen. Hin und wieder schallt Lachen herüber. Man kann ihnen ansehen, dass sie gerade nicht ihren ersten Glühwein trinken. Vom Stand dahinter hört man das Feuer knacken sowie Geschirr klappern, „Schinderhannes“ prangt in gelber leuchtender Schrift am Dach. Was auffällt: Es spielt keine Musik.

Ich stehe auf dem Domplatz, umringt vom Lärm der Vorweihnachtszeit – wo soll ich hier die Stille finden? Die Farbe des Domes wechselt. Er erstrahlt jetzt in einem weißlichen Lilaton. Er scheint der offensichtlichste Ort zu sein, an dem die Stille zu finden ist. Kirchen stellen außerhalb des Gottesdienstes einen Ort der Ruhe dar, wo Menschen sich hineinsetzen können, um nachzudenken oder zu beten.

Ich hoffe auf Stille – doch sobald ich die schwere Tür zu dem riesigen Gebäude öffne, erwartet mich das Gegenteil: Wagen mit Kameras werden umhergeschoben und auf den Altar gerichtet, überall wird Technik aufgebaut. Hin und wieder erfüllt ein lautes Rumpeln den Raum, blöd, dass es gerade im Dom so laut schallt. Ein Schild verrät, was es mit der Ruhestörung auf sich hat: Der WDR baut die Technik für die Live-­Übertragung des Weihnachtskonzertes auf.

Von allen Seiten Lärm – Keine Stille

Etwas planlos gehe ich wieder hinaus und laufe über den Weihnachtsmarkt. Von allen Seiten Lärm, es ist voller geworden. Von einem Kinderkarussell klingt weihnachtliche Musik, die immer wieder von einem „Ja, ja, die Feuerwehr ist da“ aus den Lautsprechern unterbrochen wird. Zwei Kinder rufen, dass sie auf das Riesenrad wollen. „Bleibt jetzt erst mal ruhig!“, sagt der Mann neben ihnen, vermutlich der Vater. Auch er ist genervt von dem Lärm.

Ein weiterer Versuch: die lebendige Krippe. Neben Tieren wird wohl kaum jemand viel Lärm machen, aber sind die Tiere leise? Sie sind es und liegen tatenlos auf den paar Quadratmetern Stroh herum zur Belustigung der Leute. Doch im Haus der Krippe werden Waffeln und Glühwein verkauft. Von daher: Leute, die sich laut und ausgelassen unterhalten. Keine Stille.

Mit der „stillen Zeit“ haben Weihnachtsmärkte nichts zu tun. Sie sind laut, hektisch, anstrengend. Gibt es hier überhaupt einen Ort der Stille? An einem Glühweinstand stoße ich spontan auf eine Kollegin mit ihrer Schwester. „Ich bin auf der Suche nach der Stille“, sage ich. „Dann musst du in die Bartholomäuskapelle gehen“, wird mir geraten.

Die Glocken sind verstummt. Ich höre: Stille.

Die Bartholomäuskapelle befindet sich hinter dem Dom. Ich kämpfe mich durch die Menschenmassen und gehe um den Dom herum. Es ist deutlich ruhiger. Ein paar vereinzelte Menschen haben sich hierher verirrt. Nur das Läuten der Glocken ertönt über dem Platz. Ich betrete die kleine Bartholomäuskapelle. Ich bin allein. Doch die Akustik in der Kapelle ist ausgesprochen gut. Jeder Schritt, jeder Glockenschlag hallt in einer extremen Lautstärke in dem kleinen Raum wider. Dann betritt eine Gruppe die Kapelle. Die verschiedenen Stimmen und Schritte, begleitet von den Glocken, ergeben ein Gewirr aus hallenden Geräuschen, die nicht zusammenpassen. Also wieder hinaus. ­Plötzlich ist es leer hinter dem Dom, die Glocken sind verstummt. Der Dom trennt den Trubel des Weihnachtsmarktes von der Ruhe dahinter. Ich höre: Stille.

Helena Mälck

Schauen Sie doch mal in die aktuelle DOM-Ausgabe rein. Dort finden Sie eine Vielzahl an Berichten zur katholischen Kirche im Erzbistum Paderborn, deutschlandweit und auch weltweit. Es lohnt sich bestimmt.

Weitere interessante Artikel auf DerDom.de
19.02.2024

 

 

 

 

Die Aufarbeitung hat begonnen

Die ­Lippische Landeskirche will sich der Aufarbeitung stellen und einen Maßnahmenplan erarbeiten. Die ForuM-Studie ist wichtiger Baustein.

weiterlesen
19.02.2024

 

 

 

 

Gemeinsame Ziele betont

Der künftige Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz hat in Düsseldorf vor dem nordrhein-­westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst (CDU) den Treueid abgelegt. Er würdigte den Eid als Bekenntnis zum Rechtsstaat.

weiterlesen
17.02.2024

 

 

 

 

Tag des geweihten Lebens

Gottesdienst und Begegnung am „Tag des geweihten Lebens“ / Vielfalt des Ordenslebens im Erzbistum Paderborn ist erfahrbar

weiterlesen