Jim Knopf trifft Jesus Christus im Museum „Wiedenbrücker Schule“

Im Museum „Wiedenbrücker Schule“ wird zurzeit eine Schau zur Augsburger Puppenkiste gezeigt. Die Marionetten sind gar nicht weit entfernt von der Bildhauerkunst, die sonst dort zu sehen ist.

Das Museum zeigt eine Sonderausstellung zur Augsburger Puppenkiste. Zu sehen ist u. a. die Originalkulisse von „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ aus der Fernsehsendung. (Fotos: Patrick Kleibold)
Das Museum zeigt eine Sonderausstellung zur Augsburger Puppenkiste. Zu sehen ist u. a. die Originalkulisse von „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ aus der Fernsehsendung. (Fotos: Patrick Kleibold)
veröffentlicht am 14.12.2023
Lesezeit: ungefähr 9 Minuten

Im Museum „Wiedenbrücker Schule“ wird zurzeit eine Schau zur Augsburger Puppenkiste gezeigt. Die Marionetten sind gar nicht weit entfernt von der Bildhauerkunst, die sonst dort zu sehen ist. Zwischen 1840 und 1930 gab es viele Ateliers in Wiedenbrück, die sich auf christliche Kunst spezialisiert hatten.

Rheda-Wiedenbrück. Eine Modellbahn, wie es sie zu Tausenden gibt, könnte man beim ersten Anblick der kleinen Anlage im Erdgeschoss des Wiedenbrücker Museums meinen: Die Miniatur-Landschaft, Schienen, Tunnel – alles wie üblich. Doch bei genauerem Hinschauen wird schnell deutlich, dass es hier nicht um irgendeine Nachbildung geht. „Lummerland“ ist auf dem Bahnhofsschild zu lesen. Dieses Wort allein dürfte bei vielen Besuchern eine ganze Flut von Erinnerungen wachrufen – musikalische inklusive. „Eine Insel mit zwei Bergen …“ erklingt die passende Tonspur zum Kopfkino, das unwillkürlich abläuft. Jede Menge Erinnerungen werden wach an die Momente, wenn sich sonntags im Fernsehen die beiden Deckel der Puppenkiste öffneten und die meist jungen Zuschauer für eine halbe Stunde in eine ganz eigene Welt entführt wurden.

Originale Marionetten

Wer sich beim Blick auf die Anlage auf die Suche begibt, wird alles finden, was dazugehört: den Laden von Frau Waas, die besagten zwei Berge und natürlich auch das Schloss von König Alfons, dem Viertelvorzwölften. Selbstverständlich darf auch „Emma“ nicht fehlen, die Lok, mit der Lukas und Jim Knopf auf Lummerland unterwegs sind. Einmalig ist das kleine Dampfross nicht nur wegen seiner TV-Geschichte, „Emma“ dürfte auch die einzige Tenderlok sein, die über ein Ca­brio-Verdeck verfügt.

Kein Wunder, dass alles so echt wirkt, handelt es sich bei diesem „Miniatur-Lummerland“, doch um das Originalmodell, das der Hessische Rundfunk für seine Fernsehproduktionen verwendet hat. „Wir freuen uns sehr, dass wir es geschafft haben, die Ausstellung nach Wiedenbrück zu holen.“ In den Worten von Museumsleiterin Christiane Hoffmann schwingt ein bisschen Stolz mit: Die Augsburger legen hohe Maßstäbe an, wenn sich Museen darum bemühen, die aktuelle Sonderausstellung zum 75-jährigen Bestehen der Puppenkiste zu zeigen. Und nicht ohne Grund hat jede der Figuren einen Versicherungswert von 5.000 Euro. 

König Oebalus aus der Theaterinszenierung „Apollo und Hyacinth“ aus dem Jahr 1974. (Fotos: Patrick Kleibold)
König Oebalus aus der Theaterinszenierung „Apollo und Hyacinth“ aus dem Jahr 1974. (Fotos: Patrick Kleibold)

Berühmtheiten aus dem Showgeschäft

„Alles Originale“, erklärt die Museumsleiterin und weist auf die Vitrinen, die in einigem Abstand rund um die Insel mit den beiden Bergen platziert sind. Neben den „Stars“ wie Lukas und Jim oder dem Urmel sind dort auch eine ganze Reihe von Figuren zu sehen, die es nicht zu TV-Berühmtheit gebracht haben – auch wenn sie es von ihrem Erscheinungsbild her durchaus verdient gehabt hätten. Darunter sind Märchenfiguren genauso wie Marionetten, die Berühmtheiten aus dem Showgeschäft oder Politikern nachempfunden sind.

„Das, was man aus dem Fernsehen kennt, ist ja nur ein ganz spezieller Teil der Puppenkiste“, beschreibt Christiane Hoffmann den Hintergrund dieser Vielfalt: „Im Theater werden andere Stücke aufgeführt.“ Die bekannten TV-Produktionen mit ihren ganz unterschiedlichen Helden könne man in der Form, wie sie die Zuschauer kennen, nicht auf einer Marionettenbühne inszenieren: „Die Vierteiler mit Urmel, Jim und Lukas oder Kater Mikesch wurden nur für das Fernsehen produziert.“ Wenn Christiane Hoffmann erzählt, merkt man schnell, dass hier nicht nur die Museumsleiterin spricht: Sie ist auch „Puppenkisten“-Fan. 

Werkstatt der Wiedenbrücker Schule wurde Museum

Ein Punkt, der die Ausstellung sicherlich auch besonders macht: Für die erwachsenen Besucherinnen und Besucher sind die Figuren untrennbar mit der Kindheit verknüpft. Christiane Hoffmann: „Kinder haben diese Erinnerungen logischerweise nicht.“ Die Art und Weise, wie die Geschichten damals im Fernsehen erzählt wurden – im Museum auf DVD zu betrachten –, sei für Kinder heute manchmal zu langsam: „Sie sind schnellere Schnittfolgen gewohnt.“ Doch schließlich erlägen auch sie der besonderen Faszination, die von den hölzernen Figuren an den Fäden ausgeht. „Allein alles so direkt betrachten zu können, macht Kinder neugierig“, weiß die Museumsleiterin. So ist die Begeisterung sicherlich generationenübergreifend. Eine Museums-Rallye gibt es auch: Dabei geht es darum, zum Beispiel „Emma“ oder „Molly“, die kleine Lok von Jim, in den anderen Räumen des Museums zu entdecken. 

Alles ist mit großer Liebe zum Detail gestaltet. Zwischen den Vitrinen mit den Marionetten und dem Lummerland-Modell steht zum Beispiel eine Hobelbank. Vom Block aus Lindenholz bis zur fast fertigen Figur wird mit verschiedenen Exponaten gezeigt, wie Marionetten geschnitzt werden, wie sich aus einem Stück Holz die Züge eines Gesichtes herausschälen und schließlich ein Kopf mit dem prägnanten Erscheinungsbild der Puppenkisten-Figuren entsteht.

Kunstwerke aus Holz

Eine Werkbank steht auch im Eingangsbereich der nächsten Etage: Diese ist von deutlich mehr Spuren der Arbeit und des Alters gezeichnet als die Hobelbank in der Sonderausstellung. An diesem Arbeitsplatz entstanden – die Werkbank ist ein Original aus einem der zahlreichen Wiedenbrücker Ateliers – ebenfalls Kunstwerke aus Holz. Was dies genau war, zeigt ein Blick auf das, was hier in der Dauerausstellung des Museum zu sehen ist: christliche Kunst – präsentiert an einem authentischen Ort. Das Museumsgebäude ist das ehemalige Werkstattgebäude der Altarbauer Diedrichs und Knoche. Im Hinterhaus wurde gearbeitet, vorn zur Straße zeigte man, was man konnte – im wahrsten Sinne des Wortes: Das als „Wiedenbrücker Künstlerhaus“ bekannte Wohngebäude zeigte mit seinen reichen Fassadenschnitzereien die ganze Bandbreite der handwerklichen und künstlerischen Möglichkeiten.

In dem geräumigen Raum hinter der großen Glastür befindet sich die ehemalige Werkstatt, das Herzstück des Museums. Im Raum verteilen sich Holzfiguren, Gipsmodelle und Altarreliefs, aber auch Ölgemälde oder geschnitzte Tiere. Tischvitrinen mit Informationen – in der Form angelehnt an die früheren Hobelbänke – erinnern an die vielen Arbeitsplätze, die es hier einmal gab. Gearbeitet wurde hier nämlich nicht allein. Die Produktionsweise der beteiligten Künstler und Kunsthandwerker verknüpfte das Moderne mit dem Traditionellen so miteinander, wie es in der deutschen Wirtschafts- und Kunstgeschichte wohl einmalig ist. Christiane Hoffmann: „Die einzelnen Firmen spezialisierten sich auf verschiedene Bereiche, es gab die Holz- und Schnitzexperten, Bildhauer, Maler.“

Die Figurengruppe „Beweinung Christi“ von Tilmann Riemenschneider wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gefertigt. Im Stadt- und Kunstmuseum „Wiedenbrücker Schule“ sind viele weitere Kunstwerke aus den Jahren 1854 bis 1930 zu sehen. (Fotos: Patrick Kleibold)
Die Figurengruppe „Beweinung Christi“ von Tilmann Riemenschneider wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gefertigt. Im Stadt- und Kunstmuseum „Wiedenbrücker Schule“ sind viele weitere Kunstwerke aus den Jahren 1854 bis 1930 zu sehen. (Fotos: Patrick Kleibold)

Geliefert wurde sogar bis nach Übersee

Durch diese Arbeitsteilung konnten auch sehr umfangreiche Aufträge zügig und pünktlich fertiggestellt werden – dabei wurde gleichzeitig bis auf die Bandsäge vollkommen auf Maschinen verzichtet. „Der Anschein von Massenproduktion durfte nicht sein, das widersprach dem künstlerischen und handwerklichen Anspruch.“ Verteilt waren die Werkstätten und Ateliers über die ganze Innenstadt. Eine Reihe von ihnen ist erhalten, fast alle dienen aber längst anderen Zwecken. Der Ruf der ostwestfälischen Spezialisten für kirchliche Kunst war hervorragend. Bei der Ausstattung von Kirchen-Neubauten, die es im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert sehr häufig gab, waren sie in vielen Fällen die erste Wahl. Geliefert wurde sogar bis nach Übersee.

Wobei der Begriff „Wiedenbrücker Schule“ im ersten Moment vielleicht etwas verwirrend klingen man, denn es ist damit keine Bildungsanstalt gemeint. Gekennzeichnet wird mit diesem kunstgeschichtlichen Begriff die spezielle Kunstrichtung des Historismus in Wiedenbrück, die ihre Blüte zwischen 1840 und den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts erlebte.

Museumsleiterin Christiane Hoffmann erklärt mit viel Leidenschaft, was die Epoche der „Wiedenbrücker Schule“ so außergewöhnlich macht.
Museumsleiterin Christiane Hoffmann erklärt mit viel Leidenschaft, was die Epoche der „Wiedenbrücker Schule“ so außergewöhnlich macht.

Wiedenbrücker Schule aus den Kirchen verbannt

Die Museumsleiterin bleibt vor zwei Altarreliefs aus der Werkstatt Mormann stehen. Die wuchtigen geschnitzten Kästen, gefüllt mit kleinen, bemalten Figuren, zeigen die Taufe Jesu und die Enthauptung des Johannes. Mit großer Präzision wurde die biblische Szene in dem geschnitzten Kunstwerk verewigt. Die Reliefs stammen ursprünglich aus der Pfarrgemeinde St. Johannes Baptist in Herford. Hoffmann erzählt, wie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil viele Kunstwerke aus der Zeit des Historismus aus den Kirchen verbannt wurden. Manches landete in Abstellkammern, vieles wurde aber auch zerhackt und verbrannt. „Unser Museum leistet einen Beitrag dazu, dass Menschen so etwas wieder wertschätzen“, sagt die Museumsleiterin. So wurde die Möglichkeit geschaffen, Werke, die den „Bildersturm“ überlebt haben, wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Eine ganze Reihe der ausgestellten Stücke sind Schenkungen oder Leihgaben, die zum Beispiel von Nachfahren der Künstler an das Museum gegeben wurden.

Die Bildhauer der Wiedenbrücker Schule arbeiteten ausschließlich in Holz. Hartes Eichenholz wurde für Bretter genutzt, weiches Lindenholz für Figuren. Bis das endgültige Werk geschaffen wurde, fertigten die Künstler zeichnerische Skizzen und Modelle in Ton und Gips an. Für die farbliche Gestaltung der Figuren wurde mit Malern, die ebenfalls zur Wiedenbrücker Schule gehörten, zusammengearbeitet; man war eben hochspezialisiert. 

Holz ist die Brücke zwischen den beiden Ausstellungen

Die unendlichen künstlerischen Möglichkeiten des Werkstoffs Holz sind es, die die Brücke zwischen den beiden auf den ersten Blick so unterschiedlichen Ausstellungen im Museum schlagen. Mit dem gleichen künstlerischen Anspruch entsteht in einem Atelier eine Marionette, die nicht nur Kinderaugen zum Leuchten bringt, und in einem anderen die Figur eines Heiligen, die tiefe religiöse Gefühle weckt.

Auf die Frage, warum „Emma“ eigentlich ein Rolldach hat, weiß Christiane Hoffmann übrigens auch eine Antwort: „Nur so war es möglich, die Marionetten an ihren Fäden auch im Führerstand der Lok agieren zu lassen und zu bewegen.“

Helena Mälck und Andreas Wiedenhaus

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