Die Zeit der Wunschzettel

Mit der Adventszeit hat auch die Zeit der Wunschzettel begonnen. Wie sich die ­Schreiben an das Christkind aus den Neujahrsbriefen entwickelt haben.

Ganz schön umfangreich: Wunschzettel von Steffi aus dem Jahr 1978 an das Christkind in Himmelpforten.(Foto: LWL/Archiv für Alltagskultur)
Ganz schön umfangreich: Wunschzettel von Steffi aus dem Jahr 1978 an das Christkind in Himmelpforten.(Foto: LWL/Archiv für Alltagskultur)
veröffentlicht am 14.12.2023
Lesezeit: ungefähr 5 Minuten

Mit der Adventszeit hat auch die Zeit der Wunschzettel begonnen. Wie sich die ­Schreiben an das Christkind aus den deutlich älteren Neujahrsbriefen entwickelt haben, wissen die Alltagskulturforscher des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL).

Westfalen-Lippe (lwl). Früher wollten die Kinder in den Briefen ausdrücken, dass sie fleißig, artig, brav und fromm sind und hofften dafür auf Belohnung. Später entwickelten sich die Wunschzettel immer mehr zu vorweihnachtlichen Bestelllisten. Das gefiel einigen Eltern gar nicht. So wie einer Mutter aus dem Münsterland, die 1978 an das Christkind im niedersächsischen Himmelpforten schrieb: „Vier Söhne habe ich und keiner will so recht mehr an das Christkind glauben und denken nur an die Geschenke, selbst der Kleinste von acht Jahren. Kein Weihnachtslied kommt von allein von ihren Lippen von wegen ein Gedicht. Vielleicht wenn ein Brief vom Christkind kommt wird die Stimmung nicht so materiell eingestellt sein.“ Sie erwartete von ihren Kindern für die Weihnachtsgeschenke vergebens eine Gegengabe in Form von Gedichten oder Weihnachtsliedern und hoffte nun auf ein Schreiben des Christkinds, das dieses Ungleichgewicht wieder ins Lot bringen sollte.

Dank oft eingebettet in religiöse Bezüge

„Leider ist nicht belegt, ob das Antwortschreiben des Christkinds hier Abhilfe schaffen konnte. Die Idee einer Tauschbeziehung von Gabe und Gegengabe zwischen Eltern/Geschenkebringern und Kindern zieht sich aber durch die Jahrhunderte“, weiß Christiane Cantauw, Geschäftsführerin der Kommission Alltagskulturforschung. So gibt es bereits aus dem 17. Jahrhundert Belege für die Praxis, dass Kinder zum Jahresende oder zu Weihnachten einen Brief an ihre Eltern oder Paten verfassten. „Sie erhofften sich von den Adressatinnen und Adressaten für die Schreib­arbeit natürlich ein Geschenk“, weiß Cantauw. „Das wurde aber nicht explizit zum Ausdruck gebracht.“ Stattdessen haben sich die Kinder artig für die ihnen erwiesene Güte, Sorge und Mühe der Angeschriebenen bedankt. Der Dank war oft eingebettet in religiöse Bezüge: „Möchte Sie der Allgütige fernerhin noch recht lange gesund und stark erhalten“, hieß es etwa. Und – ganz wichtig – als Gegengabe für die von den Eltern oder Paten erwiesenen Wohltaten stellten die Kinder Wohlverhalten in Aussicht.

Erzieherischer Nutzen

„Das Schreiben der Neujahrsbriefe war eine Schreibkonvention, die nicht unbedingt etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben musste. Die Texte stammten meist auch gar nicht von den Kindern selbst, sondern aus sogenannten Briefstellern oder von den Lehrer_innen und wurden von den Kindern abgeschrieben“, betont Cantauw. Geschrieben wurden die Briefe auf Schmuckbögen, die für wenig Geld im Schreibwarenhandel erhältlich waren. Das Schreiben von Neujahrsbriefen ist im Alltagskultur­archiv noch für das 20. Jahrhundert belegt: „Der Lehrer schrieb ihn (den Neujahrsbrief) an die Tafel, und wir nahmen dann einen extra für den Zweck hergestellten Briefbogen mit bunten Bildchen und schrieben ihn ab. Dabei verschrieben einige wohl ein Dutzend Bogen, und es gab Keile. Es kam auch vor, daß einer einen für den anderen schreiben mußte, der es gar nicht hin kriegte“, schreibt ein Gewährsmann des Archivs aus dem sauerländischen Kierspe.

„Die Neujahrsbriefe ließen sich erzieherisch nutzen. Hier ging es um soziale Beziehungen, um Gabe und Gegengabe: Waren die Kinder fleißig, artig, brav und fromm, so erhielten sie Geschenke – ob zu Neujahr oder zum Nikolaus- oder Weihnachtsfest“, erklärt Cantauw.

Solche Erwartungen der Erwachsenen an die Kinder haben sich über die Jahre und Jahrzehnte nicht geändert: In einem Brief von 1978 aus dem Weihnachtspostamt im niedersächsischen Himmelpforten, den die Kinder als Antwortschreiben auf ihre Briefe an das Christkind erhielten, heißt es: „Ein Glück, daß mir meine Engelein fleißig dabei helfen, Eure Wünsche zu erfüllen. Sie machen Puppen und Teddybären, Roller und Autos, Schlittschuhe und Eisenbahnen, überhaupt alles, was den Kindern auf der Erde Freude macht. Sicher ist auch für Dich etwas dabei. Du weißt ja, liebe Kinder werden belohnt. Und Du bist doch lieb?“

Himmlische Namen

Das in Schreibschrift verfasste Antwortschreiben des Christkinds aus Himmelpforten war natürlich vorgedruckt. Solche Vordrucke wurden und werden an alle Kinder versandt, die ihre Wunschzettel an eines der bundesweit mittlerweile sieben Weihnachtspostämter schicken. Weihnachtspostämter in Orten mit „himmlischem Namen“ gibt es in Himmelspforten an der Niederelbe, in Engelskirchen im Rheinland oder im brandenburgischen Himmelpfort sowie in Himmelsthür, Nikolausdorf und Himmelpforten (alle Niedersachsen). Sie nehmen sechs Wochen vor Weihnachten den Betrieb auf. Zahlreiche ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sind dann in den Weihnachtspostämtern damit beschäftigt, Kindern im Namen von Nikolaus, Weihnachtsmann oder Christkind auf ihre Briefe und Mails zu antworten.

Einen kleinen Teil der Wunschzettel, die 1978 an das Christkind oder an den Weihnachtsmann in Himmelpforten geschickt wurden, bewahrt die Kommission Alltagskulturforschung auf. Sie erzählen von vielen warenförmigen Wünschen und gleichen manchmal eher „Bestellzetteln“. Es gibt aber auch Briefe, die Selbstgedichtetes enthalten oder deren Schreiberinnen und Schreiber sich Antwort auf die Frage nach der Existenz der himmlischen Gabenbringer erhoffen („Wo wohnst Du?“, „Gibt es den Weihnachtsmann wirklich oder spielt ihn ein Mann?“). Einige der Briefe enthalten nach wie vor Hinweise auf das eigene Wohlverhalten als Gegengabe. So schreibt die neunjährige Angela an das Christkind: „Ich habe auch immer versucht, lieb und artig zu sein.“

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