Unvergessliche Augenblicke – Gedanken zum 2. Advent

In diesem Jahr ist die Sehnsucht nach Frieden und Stille besonders groß. Im Advent berichten ­Christinnen und Christen darüber, welche Bedeutung Stille in ihrem Leben hat und wo und wie sie sie finden.

„Kirchen können auch außerhalb der Gottesdienste wie kaum andere Räume besondere Orte der adventlichen Stille sein, ein Schatz, der an vielen Orten noch mehr genutzt werden könnte.“ (Foto: Besim Mazhiqi)
„Kirchen können auch außerhalb der Gottesdienste wie kaum andere Räume besondere Orte der adventlichen Stille sein, ein Schatz, der an vielen Orten noch mehr genutzt werden könnte.“ (Foto: Besim Mazhiqi)
veröffentlicht am 09.12.2023
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

In diesem Jahr ist die Sehnsucht nach Frieden und Stille besonders groß. Im Advent berichten ­Christinnen und Christen darüber, welche Bedeutung Stille in ihrem Leben hat und wo und wie sie sie finden.

Als Musiker und Dirigent bin ich gewohnt, in Klängen zu denken. Die Stille ist für mich nicht die Abwesenheit von Klang, sondern ein ganz eigener Klang, sogar ein Klang mit ganz verschiedenen Gesichtern. Und Stille kann auch in einem Klang liegen.

Ich erinnere mich, welche Wirkung der Schluss des Beatles-­Stücks „A day in the life“ als Jugendlicher auf mich machte. Ein gehämmerter Akkord des Klaviers – erst viel später erfuhr ich, dass dieser Klang aus sehr viel mehr Klängen als denen des Flügels besteht – verklingt ganze 50 Sekunden lang bis ins Nichts. Man hält die Luft an und möchte das Verklingen unbedingt bis zum Ende verfolgen. Dieser Stillstand ist atemberaubend.

„In der Musik spielt das Spiel mit der Stille seit jeher eine bedeutende Rolle.“

Im klösterlichen Psalmengesang, bei dem sich die Gruppenhälften des Konvents abwechseln, gibt es Momente der Stille. Interessanterweise ist das nicht der Moment, wenn sich die Gruppen abwechseln, sondern die Pause in der Mitte jedes Verses, die die Länge eines ruhigen Aus- und Einatmens haben soll. Aber nicht nur der meditative Atemfluss ist das Ziel, auch das innere Nachhören des eben Gesungenen ist erklärte Absicht dieses stillen Moments. „Singt die Psalmen in Weisheit“ sagt der heilige Benedikt in seiner Ordensregel dazu.

In der geistlichen Musik wird viel mit dem Element überraschender Stille gearbeitet. Fast in jeder Messkomposition gibt es im Credo nach den Worten „et ­sepultus est“ („und ist begraben worden“) eine spannungsvolle Pause, bevor der oft stürmische Jubel der Auferstehung („et ­resurrexit ­tertia ­die“) losbricht.

Im Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy rufen die Baals­priester ihren falschen Gott an: „Gib uns Antwort“, gefolgt von 2-­taktigen Generalpausen. Nichts als Stille ist die Antwort.

Und im größten Jubel des „Halleluja“ von Georg Friedrich Händel steht unverhofft vor dem letzten Ruf eine Generalpause, die die Wirkung des Schlusses ins Grandiose steigert – jedes Jahr ein besonderer Moment am Ostersonntag im Paderborner Dom.

 Unvergessliche Augenblicke der Stille

Gerade als Dirigent geistlicher Konzerte erlebe ich unvergessliche Augenblicke der Stille, wenn der Applaus nach einer gelungenen Aufführung einige Sekunden, manchmal gefühlte Ewigkeiten auf sich warten lässt. Dies wird von vielen Mitwirkenden und Zuhörern als der eindrücklichste Moment eines Konzertes beschrieben, und tatsächlich habe ich hier schon Formen von Stille erlebt, die der vollkommenen Stille ganz nahekamen. 

Die Stille ist in der heutigen Welt überwiegend zu einem Sehnsuchtsort geworden. Sie steht für die Freiheit von Stress, Zeitdruck, Belästigung und Hektik. In der dunklen Jahreszeit und gerade im Advent suchen die Christen Zeiten der Stille und der Besinnung.

Dass diese nicht auf den Weihnachtsmärkten zu finden sind, ist jedem klar. Es ist daher gut und richtig, wenn die Kirchen in der Adventszeit Räume und Angebote der Stille und Ruhe schaffen. Das kann tatsächliche Stille und Reduktion auf das Notwendige in den Gottesdiensten sein, das können ganz eigene Feierformen wie die „Rorate-­Messen“ im Kerzenschein sein, ja selbst das vorweg genommene Hören des Bach’schen Weihnachtsoratoriums im Konzert kurz vor Weihnachten wird von vielen fast wie ein Moment der Stille empfunden, weil es die Menschen heraus­holt aus ihrer lauten Welt und ihnen eine Zeit der Abwesenheit von all den Sorgen und Problemen der Menschheit und von persönlichen Nöten schenkt. Dabei spielt das gemeinsame Erleben von Musik und Kirchenraum für viele eine große Rolle.

Stilles Gebet in schöner Atmosphäre

Überhaupt können Kirchen nach wie vor auch außerhalb der Gottesdienste wie kaum andere Räume besondere Orte der adventlichen Stille sein, ein Schatz, der in meinen Augen an vielen Orten noch mehr genutzt werden könnte, wenn die Kirchen liebevoll und häufiger mit Kerzen ausgeleuchtet würden und so mehr Zeiten des stillen Gebets in schöner Atmosphäre geschaffen würden. 

Mit meiner Familie suchen wir in der Weihnachtszeit, oft sogar am Heiligen Abend selbst, als Ort der Stille die Kapelle „Zur Hilligen Seele“ in Dörenhagen oberhalb von Paderborn auf. Dieser besondere Ort besitzt die Aura der Geschichte und des Gebets und zieht in jedem Jahr an Weihnachten viele junge und alte Menschen an, die dort nicht selten spontan ein Weihnachtslied miteinander anstimmen. In diesem kleinen, niedrigen Raum fühlt sich das fast wie an der Krippe selbst an.

Thomas Berning
ist seit 2007 Domkapellmeister am Hohen Dom zu Paderborn
und Leiter der Paderborner Dommusik.
Er ist Dirigent des Domchores (Knabenchor) und der Domkantorei.

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