Die Stille in mir – Gedanken zum 1. Advent

In diesem Jahr ist die Sehnsucht nach Frieden und Stille besonders groß. Im Advent berichten ­Christinnen und Christen darüber, welche Bedeutung Stille in ihrem Leben hat und wo und wie sie sie finden.

„Wenn ich bete, stelle ich mich in die Gegenwart Gottes. Einfacher gesagt: Ich setze, stelle oder knie mich hin und mache mir bewusst, dass Gott anwesend ist und mich liebevoll anschaut.“ (Foto: Besim Mazhiqi)
„Wenn ich bete, stelle ich mich in die Gegenwart Gottes. Einfacher gesagt: Ich setze, stelle oder knie mich hin und mache mir bewusst, dass Gott anwesend ist und mich liebevoll anschaut.“ (Foto: Besim Mazhiqi)
veröffentlicht am 03.12.2023
Lesezeit: ungefähr 5 Minuten

In diesem Jahr ist die Sehnsucht nach Frieden und Stille besonders groß. Im Advent berichten ­Christinnen und Christen darüber, welche Bedeutung Stille in ihrem Leben hat und wo und wie sie sie finden.

„Ich habe ein Wochenende mit meiner Freundin auf einer Hallig verbracht. Herrlich, diese Stille“, erzählt eine Kollegin. „2 Quadratkilometer, 20 Bewohner, 45 Gästebetten. Ab jetzt möchte ich jedes Jahr einige Tage auf einer Hallig verbringen. Ich brauche einfach die Ruhe, die Abwesenheit von Lärm oder Dauerberieselung durch das Fernsehen.“ Ich kann meiner Kollegin nur zustimmen. Ich brauche sie auch, die Stille, die Ruhe um mich herum und in mir. Weil ich dann besser bei mir selbst ankommen kann.

Wenn es um mich herum still ist, fällt es mir viel leichter, auch in meinem Kopf und in meinem Herzen ruhig zu werden. Wenn ich mir einmal am Tag nur zehn Minuten Zeit nehme, still dazusitzen und nichts zu tun, können sich die ständig durcheinanderwirbelnden Gedanken ein wenig beruhigen. Es gelingt kaum einmal, sie ganz abzustellen, aber der Lärm im Kopf wird weniger, die äußere Ruhe um mich herum hilft zur inneren Ruhe. Interessanterweise wird es dann auch im Herzen ruhiger. Denn ich habe Zeit, meine Gefühle in Ruhe anzuschauen und ihnen nachzuspüren. Das tut schon sehr gut.

„Schaut in den Brunnen. Was seht ihr?“

Eine Geschichte erzählt: Eines Tages kamen einige Menschen zu einem einsamen Mönch. Sie fragten ihn: „Welchen Sinn siehst du in deinem Leben der Stille und Meditation?“ Der Mönch schöpfte gerade Wasser aus einem tiefen Brunnen. Er bat die Besucher: „Schaut in den Brunnen. Was seht ihr?“  Die Leute blickten in den tiefen Brunnen: „Wir sehen nichts!“ Nach einer kurzen Weile forderte der Mönch die Leute erneut auf: „Schaut in den Brunnen! Was seht ihr jetzt?“ Die Leute blickten wieder hinunter: „Jetzt sehen wir uns selbst!“ Der Mönch sprach: „Als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig. Jetzt ist das Wasser ruhig. Das ist die Erfahrung der Stille und der Meditation: Man sieht sich selbst! Und nun wartet noch eine Weile.“ Nach einer Weile sagte der Mönch erneut: „Schaut jetzt in den Brunnen. Was seht ihr?“ Die Menschen schauten hinunter: „Nun sehen wir die Steine auf dem Grund des Brunnens.“ Da erklärte der Mönch: „Das ist die Erfahrung der Stille und der Meditation. Wenn man lange genug wartet, sieht man den Grund aller Dinge.“ (Autor unbekannt)

Ein zweiter wichtiger Pluspunkt der Stille liegt in der Beziehung zu Gott. Man stelle sich vor, man besucht eine Freundin oder einen Nachbarn. Man tritt ein und beginnt zu erzählen. Nach einer halben Stunde, in der man ununterbrochen geredet hat, verabschiedet man sich und geht nach Hause. Die Freundin oder der Nachbar ist gar nicht zu Wort gekommen. Was wäre das für ein Besuch?

Beten heißt ja nichts anderes als ein Gespräch mit Gott

Ganz ähnlich könnte es beim Gebet oder einem Besuch in der Kirche ablaufen: Man betritt eine Kirche, kniet oder setzt sich in eine Bank und beginnt, Gott seine Bitten vorzutragen. Anschließend bekreuzigt man sich und geht nach Hause. Und Gott ist gar nicht zu Wort gekommen.

Wie das Gespräch mit der Freundin, dem Nachbarn Zeit für das Reden und Zeit für das Zuhören braucht, so braucht auch das Gespräch mit Gott sowohl das Reden als auch das Zuhören. Beten heißt ja nichts anderes als ein Gespräch mit Gott führen wie mit einem Freund. So hat es die heilige Teresa von Ávila einmal beschrieben.

Wenn ich bete, stelle ich mich in die Gegenwart Gottes.

Wenn ich bete, stelle ich mich in die Gegenwart Gottes. Einfacher gesagt: Ich setze, stelle oder knie mich hin und mache mir bewusst, dass Gott anwesend ist und mich liebevoll anschaut. Ich lasse meine Gedanken zur Ruhe kommen. In einer Bibelstelle aus dem 5. Buch Moses heißt es: „Mose und die levitischen Priester sagten zu ganz Israel: Sei still und höre, Israel: Heute, an diesem Tag, bist du das Volk des HERRN, deines Gottes, geworden.“ (5 Mo 27,9) Für jeden und jede von uns kann das heißen: „Sei still, mein Herz, und höre: Du bist du, ein Sohn / eine Tochter Gottes.“ Ich sage Gott, was mir auf dem Herzen und im Magen liegt. Ich bete für die Nöte dieser Welt. Und ich danke Gott für das, was er mir und anderen an Gutem geschenkt hat. Und dann lasse ich meine Worte schweigen und lasse Gott zu Wort kommen. Vielleicht geht es bei unserem Beten nicht in erster Linie darum, Gott ständig um irgendetwas zu bitten. Er weiß ja sowieso, was wir brauchen. Vielleicht geht es im letzten darum, still zu werden und Gott zu Wort kommen zu lassen. Zu schweigen und die eigenen Worte ruhen zu lassen, damit Gott in dieser Welt wieder mehr zu Wort kommen kann.

Sr. Theresita Müller,
sie gehört den Schwestern der hl. Maria Magdalena ­Postel (SMMP) an
und lebt im ­Bergkloster Bestwig.

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