Advent und Karneval fransen aus – Warnung vor Beliebigkeit

Elchgeweihe und Nikolausmützen auf dem Weihnachtsmarkt. So mancher bedauert das. Kulturwissenschaftler sieht Karnevalisierung des Alltags.

Menschen gehen am 6. Dezember 2017 abends durch die belebte Sternstraße in Bonn. Über der Einkaufsstraße hängen zwischen den Geschäften leuchtende Sterne.
veröffentlicht am 02.12.2023
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Elchgeweihe und Nikolausmützen auf dem Weihnachtsmarkt. Karnevalsfestivals im Sommer und Oktoberfeste mit Lederhosen und Dirndl jenseits bayerischer Grenzen. Alles geht. So mancher bedauert das. Kulturwissenschaftler sieht Karnevalisierung des Alltags.

Bonn (KNA). Die Weihnachtszeit ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Weihnachtsmärkte schon im November und – als Wintermärkte – bis weit in den Januar. Weihnachtsbäume in den Häusern schon Anfang Dezember. Und das dazu gehörige Gebäck schon im September in den Supermärkten.

Auch der Karneval franst aus: feucht-fröhliche Sitzungen schon im Advent. Sommerfestivals mit karnevalistischer Verkleidung und den Hits der letzten Session. Die fünfte Jahreszeit dehnt sich über das ganze Jahr aus.

Kirchen und auch Karnevalsverbände finden das nicht besonders lustig. Unter dem Motto „Alles hat seine Zeit! – Advent ist im Dezember“ spricht sich die Evangelische Kirche seit Jahren gegen Weihnachtsschmuck und Adventsbeleuchtung weit vor dem ersten Adventssonntag aus. Auch katholische Bischöfe mahnen, die Einzigartigkeit der Adventszeit zu bewahren.

Blick auf das närrische Treiben

Ähnlich klingt das – mit Blick auf das närrische Treiben – bei Christoph Kuckelkorn, dem Präsidenten des Festkomitees Kölner Karneval: „Der Karneval ist Jahrhunderte altes Brauchtum mit festen Abläufen, die sich nach dem christlichen Kalender richten: Gefeiert wurde stets vor der vorösterlichen beziehungsweise vorweihnachtlichen Fastenzeit“, sagt er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). „Das ist noch heute so, deswegen feiern wir den Sessionbeginn am 11.11., danach beginnt aber sofort die Weihnachtszeit ohne Karnevalsaktivitäten.“

Von Neujahr bis Aschermittwoch läuft dann die eigentliche Session. „Den Karneval auch außerhalb dieser Zeiten feiern zu wollen, ist in der Regel finanziell motiviert und führt zu einer weiteren Kommerzialisierung des Festes“, mahnt der Karnevalspräsident. „Das Fest wird beliebig, wenn plötzlich an jedem Wochenende Karneval gefeiert wird.“ Auch für die Anerkennung des Rheinischen Karnevals als immaterielles Kulturerbe sei die Begrenzung der Feierlichkeiten auf die Session ein entscheidender Punkt.

Gunther Hirschfelder, Kulturanthropologe mit rheinischen Wurzeln an der Uni Regensburg, beobachtet das aus der wissenschaftlichen Perspektive. Einerseits brauche der Mensch Auszeiten und Orientierungspunkte im Jahreslauf, die sein Leben gliedern und takten, sagt er. Die Sehnsucht nach Gemeinschaftserlebnissen sei weiterhin groß. Über Jahrhunderte habe der christliche Festkalender das Jahr gegliedert – von den Fastenzeiten bis zu den großen Kirchenfesten. Doch das ist weithin vorbei.

Konventionen und Rollen lösen sich mehr und mehr

„Konventionen und Rollen lösen sich mehr und mehr auf, die christlichen Feiertage spielen bei der Urlaubsplanung eine Rolle, nicht aber im liturgischen Sinn“, sagt Hirschfelder. Da, wo sich Traditionen ökonomisch nutzen lassen, werden sie umgeformt: Das gilt für Halloween ebenso wie für die Adventszeit oder den Karneval.

Der Kulturwissenschaftler beobachtet zugleich eine „Karnevalisierung des Jahreslaufs“. Elchgeweihe und Bärenoutfits auf den Adventsmärkten, Oktoberfeste bundesweit in Dirndl und Lederhose, Halloweenparties und Junggesellenabschiede im Ballerina- oder Superman-Kostüm. „Wieso braucht man heutzutage noch eine närrische Zeit, wenn eigentlich das ganze Jahr über Ausnahmezustand herrscht?“ sagt Hirschfelder. „Der Fasching hat sein Alleinstellungsmerkmal für Tabubruch verloren.“

Fragt sich, ob private Feste wie Geburtstage weiter ihr Profil behalten? In den Sozialen Netzwerken zeigen sich ausländische Gäste bisweilen verwundert, dass es in Deutschland verpönt sei, Geburtstage vorzufeiern. „In den USA kann man den Geburtstag Tage, sogar Wochen, vorher feiern, wenn es besser passt. Das bringt in Amerika kein Unglück“, schreibt ein User. Und ein anderer ergänzt: „Meine deutschen Freunde wiesen mich darauf hin, dass man in Deutschland nicht vorfeiern darf. Nachfeiern: ja. Aber schon vor dem eigentlichen Ehrentag das Glas heben? Auf keinen Fall.“

Hirschfelder macht da unterschiedliche Beobachtungen: einerseits eine zunehmende Gruppe, die sehr individualisiert lebt und festen Ritualen wenig Bedeutung beimisst. Und andererseits Bevölkerungsgruppen wie Menschen aus der früheren Sowjetunion, bei denen Geburtstagsfeiern einen enorm hohen Stellenwert haben, weil ihnen der christliche Festkreis zu Sowjet-Zeiten weggebrochen ist.

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