Warum braucht Gott den Menschen? – Im Gespräch mit Cosmas Hoffmann

„Habemus abbatem“ verkündete die Abtei Königsmünster am 18. August, nachdem die Mönche ihren Mitbruder Cosmas Hoffmann zum 5. Abt der Abtei gewählt haben. Seit gut 100 Tagen ist er nun im Amt, am vorletzten Samstag wurde er benediziert, also offiziell eingeführt.

Abt Cosmas (2. v. r.) mit seinen Vorgängern (v. l.): Weihbischof Dominicus Meier, Aloysius Althaus und Stephan Schröer. (Foto: Andreas Weller)
Abt Cosmas (2. v. r.) mit seinen Vorgängern (v. l.): Weihbischof Dominicus Meier, Aloysius Althaus und Stephan Schröer. (Foto: Andreas Weller)
veröffentlicht am 30.11.2023
Lesezeit: ungefähr 9 Minuten

„Habemus abbatem“ verkündete die Abtei Königsmünster am 18. August, nachdem die Mönche ihren Mitbruder Cosmas Hoffmann zum 5. Abt der Abtei gewählt haben. Seit gut 100 Tagen ist er nun im Amt, am vorletzten Samstag wurde er benediziert, also offiziell eingeführt.

Abt Cosmas, Sie sind seit gut 100 Tagen im Amt. Haben Sie sich schon an die neue Anrede gewöhnt?

Cosmas Hoffmann: „Wenn ich mich am Telefon melde, brummele ich irgendwas und dann kommt Cosmas, weil mir das noch komisch vorkommt, mich mit Abt Cosmas zu melden. In Sachen Anrede erlebe ich etwas, das ich schon erfahren habe, als ich ins Kloster eingetreten bin. Mein Taufname ist Stefan, aber weil es schon einen Stephan gab, bekam ich im Noviziat einen neuen Namen. Da habe ich gemerkt, dass mit zunehmender Ansprache mit dem neuen Namen, dieser immer mehr zum eigenen wird. Eine spannende Erfahrung, durch die mir klar wurde, wie sehr wir auch durch andere werden, wer wir sind.“

Heißt das, Sie sind für Ihre Mitbrüder ein anderer geworden?

Cosmas Hoffmann: „Ja, ich merke schon, dass sich etwas verändert hat. Die Rolle ist anders und auch die Verantwortung eine andere. Vorher als Prior konnte ich immer sagen: Gute Idee, mal gucken, was der Abt dazu sagt. Jetzt muss ich da klar Stellung beziehen.“

Sie sind ja gewissermaßen vom Kollegen zum Chef geworden. Dadurch verändert sich das Beziehungsgeflecht, was nicht nur schön ist. Wie nehmen Sie das wahr?

Cosmas Hoffmann: „Das ist für mich genau die Frage: Wie gelingt es, weiterhin Bruder zu sein, also Teil des Konvents, und zugleich die Leitungsfunktion zu haben, also gegenüber zu sein? Ich fände es schön, wenn wir das irgendwie zusammenbekämen. Bei der Vorbereitung der Wahl war das im Konvent ein großes Thema: In welchem Verhältnis stehen Leitung und Konvent zueinander? Das Abts­amt ist ja durch die Tradition und die Insignien ziemlich aufgeladen. Für uns war es wichtig, sehr nüchtern zu gucken: Was bedeutet Leitungsdienst? Denn es ist ja ein Dienst. Daher finde ich die Beschränkung der Amtszeit auf zwölf Jahre gut. Das macht den Dienstcharakter deutlich und diesen Dienst kann man abgeben.“

Drei Ihrer Vorgänger, Stephan, Dominikus und Aloysius, gehören dem Konvent an. Fühlen Sie sich von denen besonders beobachtet?

Cosmas Hoffmann: „Das Verhältnis ist sehr entspannt, ich erlebe sie als unterstützend. Darüber bin ich auch ganz froh. Die drei haben ganz ­unterschiedlich geleitet, mal ­sehen, welchen Eindruck ich nach zwölf Jahren hinterlassen werde.“

Bei der Installation, also der öffentlichen Vorstellung nach der Wahl, haben Sie von enormen Herausforderungen gesprochen, vor denen Sie jetzt stehen. Welche Herausforderungen sind das?

Cosmas Hoffmann: „Das sind zum einen die gesellschaftlichen: Digitalisierung, KI, wie gehen wir menschlich miteinander um? Individualismus und zugleich die Notwendigkeit von Teams. Das Nord-Süd-­Gefälle des globalen Wohlstandes. Das sind die gesellschaftlichen Fragen; die kirchlichen He­rausforderungen hat uns die Kirchenmitgliedschaftsstudie deutlich gezeigt. Wir befinden uns hierzulande nun in einer Situation wie die französische Kirche vor über 25 Jahren. Dort haben damals die Bischöfe das Papier „Den Glauben anbieten in der heutigen Gesellschaft“ verfasst, das mich sehr angesprochen hat: Der Glaube ist etwas, das wir als Angebot in den Dia­log einbringen. Kirche ist ein Sinn-­Anbieter. Einer, nicht der einzige! Das stellt auch unsere Gemeinschaft vor die Frage: Was haben wir als Missionsbenediktiner im Angebot zum Thema Sinn und Glaube?“

Sie haben jetzt zunächst die gesellschaftlichen Probleme genannt. Inwiefern sind Sie davon auch betroffen? Man unterstellt ja gern, dass so eine Klostergemeinschaft der Welt etwas entrückt ist. 

Cosmas Hoffmann: „Na ja … Die Probleme der Gesellschaft haben wir genau so. Nehmen Sie die Überalterung. Die betrifft uns auch, noch nicht so dramatisch wie in anderen Klöstern, aber wir merken schon, dass der Nachwuchs nicht mehr so drängt wie einst.“

Bei Ihrer Installation wurde ein Gebet gesprochen, in dem es hieß: „Gott, du hast ihn zum Abt dieses Klosters bestellt.“ Kann man das heute noch so sagen?

Cosmas Hoffmann: „Diese Frage bewegt mich auch als Fundamentaltheologen, sie hat ja etwas mit dem Verständnis von Offenbarung zu tun: Wie begleitet Gott seine Kirche heute? Und wie können wir seinen Willen erkennen? In der Kirche gab und gibt es dafür verschiedene Wege: z. B. Konsensentscheidungen, Mehrheitsentscheidungen oder per Los. Auch eine Wahl ist durchaus ein solcher Weg. So sagte der Abtpräses vor der Frage, ob ich die Wahl annehme: „Du darfst im Ergebnis dieser Wahl ein Zeichen des Willens Gottes sehen.“ So verstehe ich die Wahl nicht im Sinne von „Oh toll, Gott hat mich erwählt“, nein, die Brüder haben mich gewählt, und in ihrem Zutrauen darf ich auch das Zutrauen Gottes sehen.“

Seit 1987 lebt der gebürtige Dortmunder als Cosmas Hoffmann in Königsmünster. (Foto: Auffenberg)

Aber eine Aldi-Kassiererin würde das ja von sich nie so sagen.

Cosmas Hoffmann: „Da bin ich mir nicht so sicher. Im Grunde reden wir ja hier von Berufung. Ich kenne unterschiedliche Typen von Aldi-­Kassiererinnen. Manche haben eine total tolle Art, sind freundlich und aufmerksam dem Kunden gegenüber, sodass es einen Moment der Begegnung gibt. Bei anderen Kassiererinnen hat man eher das Gefühl, zu stören. Wenn jemand seinen Beruf engagiert macht, andere wahrnimmt, ein nettes Wort hat, seine Kunden unterstützt, dann ist für mich da auch Berufung im Spiel. Berufung als das innere Gefühl am rechten Ort sein, nicht weil es von außen zugewiesen wurde.“

Sie haben eben schon die Kirchenmitgliedschaftsstudie angesprochen. Die hat ergeben, dass nur noch 19 Prozent der Bevölkerung an einen Gott glauben, „der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat“. Gehören Sie zu diesen 19 Prozent?

Cosmas Hoffmann: „Absolut!“

War die Frage jetzt ungehörig?

Cosmas Hoffmann: „Nein! Es ist wichtig, solche Fragen zu stellen. Auch bei uns ist das eine Diskussion: Was heißt das eigentlich, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist? Das Verständnis ist bei den Brüdern unterschiedlich. Für mich ist das ein ganz zentraler Punkt meines Glaubens. Dass Gott Mensch geworden ist, ist doch unerhört, ist ein einzigartiger Akt seiner Zuwendung zu uns Menschen. Das findet sich so in keiner anderen Religion.“

Woher nehmen Sie die Gewissheit?

Cosmas Hoffmann: „Es fügt sich in meinen Gesamtglauben ein. Thomas von Aquin hat einmal gesagt: Eigentlich ist das größte Wunder, dass außerhalb Gottes irgendetwas ist. Denn Gott könnte ja ganz selbstgenügsam einfach für sich bleiben. Warum braucht er die Schöpfung, den Menschen? Gerade im Dialog mit anderen Religionen erlebe ich sehr stark, dass im Christentum angelegt ist, dass Gott Liebe ist. Er ist selbst Beziehung und seine Beziehungssehnsucht ist so groß, dass er außer sich etwas schafft, das er lieben kann und dem er die Freiheit schenkt, ebenfalls zu lieben. Dass der Mensch lieben kann, macht für mich seine Gottesebenbildlichkeit aus. Und Liebe setzt immer Freiheit voraus. Liebe kann man nicht erzwingen, sie ist freie Gabe, Geschenk. So ist für mich die größte Gabe Gottes an den Menschen, die Freiheit, sich zu Gott, zum anderen, zur Welt und zu sich selbst verhalten zu können.“

Sind Sie hier im Kloster ein freier Mensch?

Cosmas Hoffmann: „Mahatma Gandhi spricht von einer „selbstentsagenden Freiheit“, die sich zurücknehmen kann, um anderen Raum zu geben, die sich nicht jede Freiheit nehmen muss, sondern schenken kann. Der Philipper-­Hymnus singt von Christus, er war wie Gott, hielt aber nicht da­ran fest, Gott gleich zu sein, sondern wurde wie ein Mensch – dem Sklaven gleich. Und Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße. Für mich heißt das: Der Dienst an den Brüdern, mich an diese Gemeinschaft zu binden, geschieht aus einer ganz starken inneren Freiheit.“

Und was macht Sie frei?

Cosmas Hoffmann: „Das ist auch eine spannende Frage … Theologisch gesprochen macht mich Gottes Ja zu mir frei. Er hat mich zur Freiheit berufen. Unfrei machen mich viele Dinge, die mit mir selbst zu tun haben: Ängste, Unsicherheiten, Fantasie, Kopfkino, das mich ausbremst. Je tiefer es mir gelingt, an das Ja Gottes zu mir wirklich zu glauben, es in alle Fasern meines Daseins aufzunehmen, desto freier werde ich. Das ist aber gar nicht so einfach. Es fällt sehr schwer, der Freiheit zu trauen. So erfährt der Protagonist in Hermann Hesses Steppenwolf, dass der Gewinn an Freiheit und Tiefe immer auch einhergeht mit Einsamkeit, Unverstandensein und Erkältung. Freiheit zu wagen, bedeutet den Wind zu ertragen, der einem entgegenbläst, das muss man aushalten.“

Wo erleben Sie das Ja Gottes zu sich?

Cosmas Hoffmann: „Es gibt Momente im Leben – Stille, in der Natur, in der Begegnung mit Menschen –, wo ich merke: Ich bin ganz da und ich bin in mir ganz da. Da spüre ich, dass es einen ganz tiefen Grund gibt, der mehr ist als ich, ein Grund, der mich trägt. Solche Momente kann ich nicht machen und oft bemerke ich sie erst im Nachhinein. Nicht zufällig kann Mose Gott nur von hinten sehen, eben im Nachhinein. (Ex 33,23)“

Michael Bredeck hat in der Predigt während Ihrer Benediktion die Frage gestellt: „Wozu bist du da, christlicher Glaube?“ Wie lautet Ihre Antwort?

„In einer Zeit, in der der Mensch anfängt, sich selbst zu überholen – ein Stichwort: KI –, ist christlicher Glaube eine Chance, den Menschen Mut zu machen, wirklich Mensch zu werden und zu sein. Vor vielen Jahren habe ich an einer Begegnung von Schwestern der Abtei Varensell mit einer buddhistischen Nonne teilgenommen. Die wurde von den Schwestern gefragt: „Was ist bei Ihnen eigentlich ­Erleuchtung?“ Ihre Antwort: „Jedenfalls nicht, dass man eine Erfahrung macht und auf einmal alles weiß, sondern es ist ein Prozess: Ich erspüre mehr und mehr den tieferen Grund von Dasein. Es ist wie ein ­Organ der ­Wahrnehmung, das sich langsam entwickelt und ­geübt werden muss, denn es kann sich auch zurückent­wickeln.“

Über diese Aussage habe ich eine Nacht geschlafen und dann gedacht: Das ist für mich Glaube, eine Form der Wahrnehmung, die immer mehr den tieferen Grund von Wirklichkeit erkennt. Manchmal erlebt man, dass es im Leben sehr widerständig wird – dann stellt sich die Frage, was sagt mir das? – oder dass Sachen auf einmal ins Fließen kommen. Diese Sensibilität, solche Dinge nicht als Zufall zu sehen, sondern als Hinweis da­rauf, von einem Größeren gehalten zu sein, das ist für mich Ausdruck des Glaubens.“

Mit Abt Cosmas sprach Claudia Auffenberg

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