Kirchenmitgliedschafts­studie: Bei den Kirchen kaum Neues

Seit 1972 führt die Evangelische Kirche alle zehn Jahre eine Kirchenmitgliedschafts­studie durch. Jetzt hat sich erstmals die katholische Kirche beteiligt.

Andreas Sturm über seinen Kirchenaustritt
Andreas Sturm über seinen Kirchenaustritt
veröffentlicht am 24.11.2023
Lesezeit: ungefähr 5 Minuten

Seit 1972 führt die Evangelische Kirche in Deutschland alle zehn Jahre eine Kirchenmitgliedschafts­studie durch. Jetzt hat sich erstmals die katholische Kirche beteiligt. Das ist ungefähr das einzig neue an dieser Studie. Die Ergebnisse indes können kaum überraschen.

Bonn (-berg). Dass die beiden großen Kirchen in einer dramatischen Krise sind, dass sich die Zahl der Christen in Deutschland im Sturzflug befindet, das wusste man schon vorher. Über 5 000 Personen hat das Forsa-­Institut nach ihrer Religiosität befragt und es bestätigt sich, was jede und jeder sonntags in der eigenen Gemeinde besichtigen kann: Es sind nur noch wenige da.

Eine weitere bittere Erkenntnis lautet: 56 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung sind säkular eingestellt und können mit Religion nichts anfangen. Die Haltung, der Mensch sei gewissermaßen von Natur aus religiös und brauche nur Gelegenheit, das auszuleben, hat sich damit wohl erledigt. „Vielleicht haben wir uns das nur vorgemacht“, sagte Dr. Thomas Kläden bei der Vorstellung der Studie. Kläden ist stellvertretender Leiter der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (­KSMP) und hat als solcher die Studie begleitet. Der SED sei es in der DDR sehr erfolgreich gelungen, die Religion weitgehend zu marginalisieren, sagte er – ein Beleg dafür, dass der Mensch auch ohne Religion auskommen kann. Doch immerhin: Es waren die Friedensgebete, die das Ende der DDR eingeläutet haben. Und auch heute scheint die Religion, scheinen die Kirchen nicht ganz wirkungslos zu sein. Es gibt hohe Erwartungen an die Kirchen. Die zweithöchste Zustimmung hat die Aussage: Die Kirchen sollten Beratungsstellen für Menschen mit Lebensproblemen betreiben. Noch mehr wird allerdings erwartet, dass die katholische Kirche die Heirat von Priestern zulassen solle. Überhaupt gibt es in Sachen Reformen hohe Erwartungen an die Kirchen.

Kirchenmitgliedschafts­studie: Und was nun?

Und was nun, Herr Bischof?, möchte man fragen. Peter Kohlgraf ist Bischof von Mainz und Vorsitzender der Pastoralkommission der Bischofskonferenz. Als solcher war er bei der Vorstellung der Studie dabei und betonte, angesichts des massiven Vertrauensverlustes reiche es nicht aus, an ein paar institutionellen Stellschrauben zu drehen, „in der Hoffnung oder Erwartung, dass dann alles besser würde“. Es gelte, die Position der Kirche in der Gesellschaft und auch die Gestalt der Kirche neu zu bestimmen. Auf die Frage, ob man nicht wenigstens doch an ein paar institutionellen Stellschrauben schrauben könne, um den Leuten entgegenzukommen, sagte er, Statistik sei nur eine Seite der Wirklichkeit, von der allein man sich nicht treiben lassen dürfe.

„Auch wenn nur noch 19 Prozent der Befragten an Jesus Christus glauben, werde ich an Ostern trotzdem über ihn predigen und nicht über Politik.“ Bei der Vollversammlung der Bischofskonferenz in Dresden im März dieses Jahres habe er erlebt, dass die Strahlkraft der Kirche nicht von Zahlen abhänge. „Und ich rede mir das jetzt hoffentlich nicht schön.“ Tatsächlich belegt die Studie eine erstaunliche Reichweite der Kirchen in die Gesellschaft hinein. Nicht nur, dass über 76 Prozent der evangelischen Christen und 73 Prozent der katholischen den für sie zuständigen Seelsorger kennen, fast jeder zweite Bundesbürger hatte bezogen auf den Zeitpunkt der Studie in den zwölf Monaten zuvor Kontakt zu einem Menschen der Kirche. 52 Prozent davon sagen, dieser Kontakt sei für ihren Lebensalltag sehr wichtig gewesen.

Und das, obwohl das Vertrauen in die Kirche, vor allem in die katholische Kirche gen Null tendiert. Hatten 1984 noch 41,6 Prozent der Gesamtbevölkerung Vertrauen in die Kirche, waren es 2022 noch 9 Prozent. Ein Pfund, mit dem Kirchen wuchern können, ist das ehrenamtliche Engagement ihrer Mitglieder. Die Untersuchung zeigt erneut, dass Kirchenmitglieder eher bereit sind, sich zu engagieren, als Nicht-Mitglieder.

Stehen die Kirchen vor einem „organisationalen Kipp­punkt“?

Von einem „organisationalen Kipp­punkt“ sprach Dr. Kläden allerdings angesichts der vielen Kirchenmitglieder, die über einen Austritt nachdenken: 43 Prozent der katholischen und 37 Prozent der evangelischen Christen haben schon mehr als einmal darüber nachgedacht. Die Gründe sind bekannt: „Ich würde nicht austreten, wenn die Kirche deutlicher bekennen würde, wie viel Schuld sie auf sich geladen hat“, sagen 82 Prozent der Katholiken.

In seinem Statement zeigte sich Bischof Kohlgraf ernüchtert und zugleich wenig überrascht. Immerhin: Es bestünden große Erwartungen an die Kirche, „keine Gleichgültigkeit“, sagte er. „Die Reform­erwartungen, auch hinsichtlich des Syno­dalen Weges, werden mit übergroßer Mehrheit geäußert. Reformbemühungen können sich durch die Daten gestärkt wissen.“ Wenn jedoch 82 Prozent fordern, die Kirche müsse ihre Schuld deutlicher bekennen, dann sei offenbar in diesem Punkt noch nicht genug geschehen. Kohlgraf: „Wir haben noch keinen glaubwürdigen Weg gefunden, mit unserer Schuld, aber auch der Heilung und Versöhnung umzugehen.“

Dass die Kirche mit sozialen und solidarischen Angeboten punktet, aber nicht mit religiösen, nannte er ein Dilemma: „Wie verhält sich das zu ihrem Auftrag, das Evangelium in der Gesellschaft lebendig zu halten?“ Die zentrale Heraus­forderung sei nun, die Institution und das Evangelium zueinander zu entwickeln. „Denn wollen wir eine gesellschaftlich relevante Kirche, deren Botschaft sich für viele als immer irrelevanter erweist?“

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