Weltgebetstag – „Wir brauchen behutsame Stimmen“

Palästinenserinnen haben den Weltgebetstag der Frauen am 1. März 2024 vorbereitet. Lange vor dem Terrorangriff der Hamas auf Israel. Nun aber ist Krieg – und die Christinnen sehen sich ­Antisemitismusvorwürfen ausgesetzt.

Da schien die Welt noch einigermaßen in Ordnung: Ende September präsentierten Ulrike Göken-­Huismann (l.), Mitglied im Bundesvorstand und Geistliche Leiterin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), und Brunhilde Raiser, Delegierte für Evangelische Frauen in Deutschland e. V., das Plakatmotiv des kommenden Weltgebetstages der Frauen 2024. (Foto: Michael Kinnen/KNA)
Da schien die Welt noch einigermaßen in Ordnung: Ende September präsentierten Ulrike Göken-­Huismann (l.), Mitglied im Bundesvorstand und Geistliche Leiterin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), und Brunhilde Raiser, Delegierte für Evangelische Frauen in Deutschland e. V., das Plakatmotiv des kommenden Weltgebetstages der Frauen 2024. (Foto: Michael Kinnen/KNA)
veröffentlicht am 22.11.2023
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Palästinenserinnen haben den Weltgebetstag der Frauen am 1. März 2024 vorbereitet. Lange vor dem Terrorangriff der Hamas auf Israel. Nun aber ist Krieg – und die Christinnen sehen sich ­Antisemitismusvorwürfen ausgesetzt. Wie der Krieg in Nahost dem Weltgebetstag zusetzt.

Stein (KNA). Zoff um den Weltgebetstag der Frauen (WGT) gab es schon öfter. „Aber dass es so eskaliert, habe ich noch nie erlebt“, sagt die Vorstandsvorsitzende des deutschen WGT-­Komitees, Ulrike Göken-­Huismann. Manche E-­Mails, auch aus der eigenen Bewegung, hätten sie fassungslos gemacht. Die Debatte sei „total polarisiert“. Der Vorstand stehe nun vor der Aufgabe, das „Schiff durch schwere See“ zu steuern, sagt die katholische Theologin. 

Der Weltgebetstag der Frauen ist eine globale christliche Basisbewegung. Und das seit fast 100 Jahren. In 150 Ländern findet an jedem ersten Freitag im März ein ökumenischer Gottesdienst statt. Die Vorlagen und weiteres Vorbereitungsmaterial werden immer von einem anderen nationalen Komitee erarbeitet. Wer an die Reihe kommt, wird schon Jahre im Voraus festgelegt. Diesmal waren die Palästinenserinnen dran. 

„Informiert beten und betend handeln“, lautet der Anspruch. So hat es Göken-Huismann im September in Berlin erklärt bei der Vorstellung des Programms für 2024. Zum Pressetermin waren Gäste von weither angereist, zum Beispiel ­Sally ­Azar. Die erste ordinierte lutherische Pastorin im Nahen Osten warnte ausdrücklich davor, Antisemitismus mit der Lage in Palästina zu verbinden. „Wir beten für die Menschenrechte“, sagte sie. Aber das war 16 Tage vor der Terror-­Attacke der Hamas auf Israel. Seither befindet sich auch der Weltgebetstag gleichsam im Feuer. 

Scharfe Kritik aus den Gesellschaften für Christlich-­Jüdische Zusammenarbeit

Die bisher schärfste Kritik von außen kommt aus den Gesellschaften für Christlich-­Jüdische Zusammenarbeit. Deren Zen­trale, der Deutsche Koordinierungsrat (DKR), veröffentlichte Ende Oktober eine Stellungnahme mit schwerwiegenden Bedenken. In Teilen des aktuellen WGT-­Materials stecke „christlicher Antisemitismus schlimmster Art“. Das beginne damit, dass Palästina als „Wiege des Christentums“ beschrieben werde, ohne zu erwähnen, dass Jesus Jude gewesen sei. „Das finde ich schon ziemlich harten Tobak“, sagte DKR-­Vorstandsmitglied Pfarrer Peter Noss in Frankfurt. 

Unterschlagen werde auch, dass etwa 20 Prozent der Bevölkerung Israels palästinensisch seien. Die Künstlerin des zen­tralen WGT-­Plakates, ­Halima ­Aziz, habe sich mit dem Terror der Hamas solidarisiert. Das belastete Material müsse zurückgezogen werden, der Weltgebetstag dürfe so nicht stattfinden, so die Position des DKR. 

„Vorwürfe gegenüber dem Weltgebetstag, antisemitisch oder antiisraelisch zu sein, sind unberechtigt“

Göken-­Huismann, im Hauptberuf Geistliche Leiterin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), lässt keinen Zweifel daran, dass sie die Vorwürfe sehr ernst nimmt. Der Plakatverkauf wurde bereits gestoppt, auch ein kritisiertes Ausmalbild für Kinder aus dem Verkehr gezogen. „Das Existenzrecht Israels ist völlig unbestritten, deshalb sind Vorwürfe gegenüber dem Weltgebetstag, antisemitisch oder antiisraelisch zu sein, ebenso unberechtigt wie unhaltbar“, betont Göken-­Huismann auf der Internetseite der deutschen Weltgebetstagsfrauen. 

Nach einer langen Komitee-­Sitzung fiel am Abend des 9. November der Beschluss: Die in Palästina vorbereitete Gottesdienst-­Ordnung wird in Deutschland nicht mehr weiter an die Gemeinden verbreitet. Göken-­Huismann spricht von „einer der schwersten Entscheidungen ihres Lebens“. 

Zu den WGT-­Markenzeichen gehört, dass der einmal geplante Gottesdienst überall auf der Welt in derselben Form gefeiert wird. „Treue zur Ordnung“ nennen sie das. Ziel müsse nun sein, so viel wie möglich davon zu retten, sagt die Theologin. Allerdings müssten Lieder und auch Fürbitten überprüft werden, auch die Erfahrungsberichte von drei Palästinenserinnen bräuchten eine aktuelle Einbettung. Bis zur Jahreswende soll eine überarbeitete Gottesdienstordnung vorliegen. 

Stilles Gebet, wenig Gesang und keine kulinarischen Köstlichkeiten danach wie sonst – solche Vorschläge kommen aus den Reihen der beteiligten Frauen. Und das sind nicht wenige. Etwa 800 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zählt der Weltgebetstag alleine in Deutschland jedes Jahr. 

Was laut Vorstand nicht infrage steht: dass sich Frauen verschiedener christlicher Konfessionen am 1. März 2024 zu Gebet, Trauer und Klage versammeln. Und dass sie dabei den Glaubensschwestern aus Palästina Gehör verschaffen wollen. 

Christinnen und Christen sind im Heiligen Land zu einer kleinen Minderheit geworden, die von allen Seiten unter Druck steht. In den Palästinensergebieten und in Israel sind es ­vielleicht noch 50 000, nicht mehr als ein Prozent der Bevölkerung. 

„Wir brauchen behutsame Stimmen in diesem Konflikt“, sagt die evangelische Vorstandskollegin Brunhilde Raiser. In der Weltgebetstagsordnung fänden sich „kleine Pflänzchen, wie mit erlebten Verletzungen umgegangen werden kann“. Die palästinensische Bevölkerung sei von Traumata gekennzeichnet, durch den Krieg würden ihre Leiden potenziert. 

Christoph Renzikowski 

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