Endlich ein Gesangbuch für alle

Bei Schnupfen ruft niemand nach einem Papiertaschentuch, sondern nach einem Tempo. Die Kinder bauen nicht mit Klemmbausteinen, sondern mit Lego. Und so haben auch die Paderborner ­Erzdiözesanen dereinst nicht das Gesangbuch zur Kirche mitgenommen, sondern das Sursum Corda.

Dr. Maria Kohle und der Leiter der EAB, Prof. Hans-­Walter Stork, mit diversen Ausgaben des Sursum Corda. Stork hält das einzige bekannte Exemplar der 2. Auflage in der Hand, das nun als Nachdruck erschienen ist. (Fotos: Claudia Auffenberg)
Dr. Maria Kohle und der Leiter der EAB, Prof. Hans-­Walter Stork, mit diversen Ausgaben des Sursum Corda. Stork hält das einzige bekannte Exemplar der 2. Auflage in der Hand, das nun als Nachdruck erschienen ist. (Fotos: Claudia Auffenberg)
veröffentlicht am 22.11.2023
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Bei Schnupfen ruft niemand nach einem Papiertaschentuch, sondern nach einem Tempo. Die Kinder bauen nicht mit Klemmbausteinen, sondern mit Lego. Und so haben auch die Paderborner ­Erzdiözesanen dereinst nicht das Gesangbuch zur Kirche mitgenommen, sondern das Sursum Corda.

Paderborn (-berg). Vor 150 Jahren erschien dieses erste Gesangbuch für das Bistum Paderborn. Hundert Jahre war es im Gebrauch, bis es dann 1975 vom Gotteslob, dem ersten Gesangbuch für den gesamten deutschsprachigen Bereich abgelöst wurde. Zum Jubiläum ist jetzt ein Nachdruck im Originalformat erschienen. 

Seit Jahren befasst sich die Dortmunderin Dr. Maria Kohle mit der Geschichte der Paderborner Gesangbücher, immerhin eine Spanne von rund 400 Jahren. Bevor es mit dem ­Sursum ­Corda zu einem einheitlichen Gesangbuch zumindest für das Bistum Paderborn kam, gab es in einigen Gemeinden eigene Bücher, herausgegeben von den dortigen Pfarrern. Nach der Säkularisation 1803 und im Zuge der Aufklärung entstand ein neuer Typus Lieder: nicht mehr überschwänglich wie noch im Barock, sondern sachlich, bi­blisch und – oha – nach einem Lexikon gereimt. Das Anliegen dahinter war durchaus ein hehres: Die Leute sollten verstehen, was sie singen.

Doch es kam schnell Kritik auf: Die Texte seien zu protestantisch, soll heißen: zu moralisierend. Dieser Vorwurf, so Dr. Kohle, sei nicht ganz unberechtigt gewesen, „das dauernde Moralisieren kann einem schon auf die Nerven gehen“, sagt sie. Doch es war eine unruhige Zeit, diese erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Bedürfnis nach Gemeinsamkeit, ja nach Einheit wuchs. 1848 wurde in der Paulskirche über eine gesamtdeutsche Verfassung beraten. Die Deutsche Bischofskonferenz gründete sich und es kam der Wunsch nach einem gemeinsamen Gotteslob auf. Doch zu den Vorhaben, die damals noch nicht gelangen, gehört auch jenes. 

Sursum ­Corda wurde zum Sy­nonym für das Gesangbuch

Keine mathematischen Formeln, sondern die Melodie. Mit Zahlen wurden früher die Noten angegeben. Zu sehen ist das Lied „Fest soll mein Taufbund“ – und wie trotz ungewohnter Notation zu erkennen ist – mit einer anderen Melodie

Durch die Päpstliche Bulle „De ­salute ­animarum“ waren 1821 die diözesanen Grenzen im Deutschen Reich neu gezogen worden, Paderborn war danach das zweitgrößte Flächenbistum. So wurde der Ruf nach einem gemeinsamen Gesangbuch – wenigstens für das Bistum – lauter. 1863 endlich gab Bischof Konrad Martin dem Drängen nach: Per Erlass forderte er die Pfarrer auf, die Lieder zu nennen, die in ein solches Einheitsgesangbuch aufgenommen werden sollten. Die redaktionelle Arbeit übernahm der Hausgeistliche des ehemaligen Klosters Böddeken, Eduard Klein. Er sichtete und sortierte die Antworten der Pfarrer und machte auch noch eigene Vorschläge. 1874 schließlich erschien das ­Sursum ­Corda im Junfermann-­Verlag. Dessen Geschäftsführer hatte sich bei Bischof Martin noch für einen anderen Titel eingesetzt, einen lateinischen zu wählen, hielt er für keine gute Idee, doch Martin entschied: Der bleibt. „Und damit schuf er ein Alleinstellungsmerkmal“, so Dr. Kohle, „­Sursum ­Corda wurde zum Sy­nonym für das Gesangbuch an sich.“

3,15 Millionen Exemplare

Seinen Pfarrern empfahl der Bischof, das neue Buch einfach im Sinne von unauffällig einzuführen, ohne es über den grünen Klee zu loben: Wo es ein eigenes, bewährtes Gesangbuch gebe, könnten diese gern weiter genutzt werden. Trotz dieser Zurückhaltung wurde das ­Sursum ­Corda ein Erfolg. 315 Auflagen erschienen mit insgesamt 3,15 Millionen Exemplaren. 1918 gab es erste Überlegungen einer umfassenden Überarbeitung, die 1938 kurz bevorstand. Sie erschien dann 1948 – nun erstmals mit Noten. Das ­Sursum Corda enthält nicht nur Lieder, auch Gebete und 23 Singmessen, „das Komplettpaket“, so Kohle, „heute sind ja eher Module für Gottesdienst im Gotteslob“. Damals, in Kulturkampfzeiten, waren die Gemeinden also für priesterlose Gottesdienste gerüstet. 

Das Gesangbuch hat eine lange Geschichte, hat es auch eine Zukunft – in Zeiten, in denen Lieder per Beamer an die Kirchenwand projeziert werden? Maria Kohle ist sich sicher. Da ist das Haptische, das viele mögen. Zudem findet man darin, was Christentum und katholisches Leben ausmacht. Und, so ergänzt sie schmunzelnd, irgendwo müssten ja auch die Totenzettel aufbewahrt werden. 

Info
Dr. Maria Kohle spricht am kommenden Dienstag, 28. November, um 17.00 Uhr im Lesesaal der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek über „Das Paderborner Diözesan-­Gesang- und Gebetbuch. 150 Jahre ­Sursum ­Corda (1873/1874)“. Eine kleine Schola des Domchores unter Leitung von Domkapellmeister Thomas Berning wird Lieder aus dem „alten“ ­Sursum ­Corda zu Gehör bringen. Eine kleine Gesangbuchausstellung, die bis Weihnachten datiert ist, begleitet den Vortrag. Dazu wird der Reprint mit Kommentar zum Preis von 39,80 Euro zum Kauf angeboten.

Schauen Sie doch mal in die aktuelle DOM-Ausgabe rein. Dort finden Sie eine Vielzahl an Berichten zur katholischen Kirche im Erzbistum Paderborn, deutschlandweit und auch weltweit. Es lohnt sich bestimmt.

Weitere interessante Artikel auf DerDom.de
19.02.2024

 

 

 

 

Die Aufarbeitung hat begonnen

Die ­Lippische Landeskirche will sich der Aufarbeitung stellen und einen Maßnahmenplan erarbeiten. Die ForuM-Studie ist wichtiger Baustein.

weiterlesen
19.02.2024

 

 

 

 

Gemeinsame Ziele betont

Der künftige Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz hat in Düsseldorf vor dem nordrhein-­westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst (CDU) den Treueid abgelegt. Er würdigte den Eid als Bekenntnis zum Rechtsstaat.

weiterlesen
17.02.2024

 

 

 

 

Tag des geweihten Lebens

Gottesdienst und Begegnung am „Tag des geweihten Lebens“ / Vielfalt des Ordenslebens im Erzbistum Paderborn ist erfahrbar

weiterlesen