„Woche für das Leben“ – Generation auf Sinnsuche

Die Zahl der Heranwachsenden in Deutschland, die versuchen, sich das Leben zu nehmen, bleibt hoch. Auf die dramatische Situation reagiert die ökumenische „Woche für das Leben“ 2023. Die Suizidwelle trift eine durch Pandemie und Ukraine-­Krieg verunsicherte Generation.

Paderborn. Dr. Daria Kasperzack liegt es am Herzen, Mythen – „Fake News“ – über den Suizid zu entkräften. Sie sind so weit verbreitet, dass die meisten von ihnen für wahr gehalten werden, sagt die Psychologin. Zu diesen Mythen gehört der Ratschlag, möglichst nicht über Suizide öffentlich zu sprechen, um keine Nachahmer zu motivieren. Stimmt nicht, sagt Daria Kasperzack. Das Gegenteil ist richtig. Wer das Thema aus der Tabu­ecke holt und nicht bagatellisiert, vermeidet die Isolation von Menschen, die daran denken, sich selbst das Leben zu nehmen.

Die Wahrheit über den Umgang mit dem Suizid

Dr. Daria Kasperzack, leitende Psychologin im Universitätsklinikum Marburg. Foto: Flüter

Reden, Wertschätzung äußern, sich Zeit nehmen: Das ist wichtig für den Umgang mit suizidgefährdeten Menschen. Nicht totschweigen. Aber auch nicht von oben herab belehren, keine vorschnellen Lösungsvorschläge präsentieren, auf keinen Fall Vorwürfe äußern. Wer mit Menschen spricht, die des Lebens müde sind, muss empathisch sein, sensibel und verständnisvoll. Und man sollte die Hilfe von Fachleuten suchen.

Fachleuten wie Dr. Daria Kasperzack. Sie ist leitende Psychologin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Universitätsklinikum Marburg. Zusammen mit ihrer Chefin im Universitätsklinikum, Prof. Dr. med. Katja Becker, hat sie für die „Woche für das Leben“ einen Aufsatz über die Suizidalität bei Jugendlichen geschrieben. Die Thesen aus dem Text stellte sie Mitte März beim Informationstag vor. Ihr Publikum im Paderborner Liborianum bestand vorwiegend aus Menschen, die haupt- und ehrenamtlich versuchen, suizidalen Menschen zu helfen.

Sinnsuche zwischen Angst und Perspektive

Sie alle waren auf Einladung des Erzbistums Paderborn gekommen. Der Tag im Liborianum dient der Vorbereitung der „Woche für das Leben“ 2023, die wie immer Ende ­April beginnt. Worum es geht, steht im Titel der Broschüre, die zur „Woche für das Leben“ erschienen ist. „Generation Zukunft. Sinnsuche zwischen Angst und Perspektive“ heißt es dort.

In diesem Jahr geht es also um die Situation der Jugend. Fachleute schlagen Alarm, denn die Suizidgefährdung ist in dieser Altersgruppe besonders hoch. Fast 10 000-mal im Jahr nimmt sich ein Mensch in Deutschland das Leben.

Fast jeder Deutsche kennt in seiner Familie oder seinem Bekanntenkreis einen Menschen, der versucht hat, sich das Leben zu nehmen oder an einem Sui­zid gestorben ist. Dennoch ist die Suizidgefahr kaum ein Thema in der Öffentlichkeit. Der Grund für dieses Missverhältnis zwischen Realität und öffentlicher Wahrnehmung liegt an dem Umstand, dass die Öffentlichkeit dem Mythos vom sinnvollen Verschweigen eines Sui­zids glaubt. Berechtigt ist dieses Schweigegelübde aber eigentlich nur für die Medien, die durch schlagzeilenträchtige Berichterstattung Aufmerksamkeit generieren wollen und so Nachahmer animieren. 

Es geht in der „Woche für das Leben“ nicht nur um die Vermeidung von Suiziden, sondern auch um die Ursachenforschung. Dazu gibt es eine weitverbreitete These, auf die sich Daria Kasperzack in Paderborn bezieht. Am prägnantesten lässt sie sich in einem Schlagwort zusammenfassen: „­Great ­Resignation“.

Kontrollverlust über das eigene Leben

Mit der Formel von der großen Resignation hat der englische Professor ­Anthony ­Klotz im Corona­jahr 2021 das Lebensgefühl vieler Menschen, vor allem Jugendlicher, bezeichnet. Etwa zur gleichen Zeit stellten die Jugendforscher Klaus Hurrelmann und Simon Schnetzer eine „gravierende Verschlechterung der psychischen Gesundheit und ein Gefühl des Kontrollverlustes über das eigene Leben“ bei Jugendlichen fest. Fast ein Drittel der Altersgruppe beklagte einen Rückgang der Freundschafts­beziehungen, ein Viertel eine verschlechterte finanzielle Situation und jeder fünfte Jugendliche litt unter schlechteren schulischen und beruflichen Perspektiven.

Natürlich waren vor allem die damals aktuellen Corona-­Lockdowns Ursache für dieses Missbehagen. Doch die „Generation Zukunft“, wie die zwischen 1995 und 2010 geborenen jungen Menschen genannt werden, ist anscheinend besonders anfällig. Die Gesundheitskrise könnte in dieser Altersgruppe wie ein Katalysator bestehende Problemlagen verstärkt haben.

Die Realität hat viele Hoffnungen als Illusionen entlarvt

Als ungeduldig und fordernd, gesundheits- und umwelt­bewusst wird die „Gen Z“ beschrieben. Während der Pandemie stießen diese Forderungen und Erwartungen an enge Grenzen. Die Angst vor der Klima­krise ist während Corona und des danach einsetzenden Krieges in der Ukrai­ne zeitweilig völlig in den Hintergrund geraten. Was bleibt, ist das Gefühl einer ungenügenden Wirksamkeit. Das was man glaubte, erreichen zu können oder wenigstens einforderte, ist gescheitert. Die Realität hat viele Hoffnungen als Illusionen entlarvt.

Es führt keine direkte Linie von der großen Resignation in die psychiatrischen Kliniken. Aber die „­Great ­Resignation“ zeigt, wo Psychologen, Mediziner, Soziologen und Sozialarbeiter, Priester und Gemeindereferenten ansetzen müssen.

Die Sinnfrage habe neues Gewicht erhalten, schreibt Sr. Christine Klimann. Die Ordensfrau setzt sich im Zen­trum für Berufungspastoral am Campus St. Georgen in Frankfurt mit der Suche nach dem Sinn ausei­nander. Ihr Eindruck: Die große Resignation ist eine weltweite Welle. In Deutschland denkt jeder zweite arbeitende Jugendliche über einen Job- oder Berufswechsel nach. Kurzfristiges Denken nimmt zu. „Wenn ich ohnehin nicht weiß, was morgen sein wird, warum soll ich dann nicht zumindest heute das machen, was ich wirklich will“, fasst Sr. Christine die Stimmung zusammen.

Verhungern im überfüllten Supermarkt

In Afghanistan, Syrien oder in einem der von Armut und Krieg geplagten Länder ist die Hoffnungslosigkeit nachvollziehbar. Sie ist unübersehbar. Dagegen wirken resignierte, lebensmüde Jugendliche in den reichen Industrienationen wie Menschen, die in einem überfüllten Supermarkt verhungern. Das, was in den Regalen auf sie wartet, zieht sie nicht mehr an.

Begeisterung wofür, lautet die Frage. Berufung wird zum Fremdwort. Beliebigkeit herrscht allerorten vor. Die Orientierung an der Konsumwelt, die die Erwachsenen vorleben, kann angesichts von Ukraine-­Krieg, Inflation, Klimawandel keine Hoffnung vermitteln.

Das kann in eine Abwärts­spirale führen, umso mehr, wenn individuell Vorbelastungen vorliegen. Der Leidensdruck und der seelische Schmerz nehmen zu – bis die Betroffenen es nicht mehr ertragen können.

Daria Kasperzack und Katja Becker zählen auf, welche Erfahrungen risikoerhöhend wirken: „erlebte Ausgrenzung wie Mobbing, suizidales Verhalten in der Familie oder im Freundeskreis, chronische Streitigkeiten, ein aktueller schwerer Konflikt, Schulversagen und/oder traumatische Erlebnisse (Missbrauch, Misshandlung) …“ Nach einem Suizidversuch ist die Wiederholungsgefahr hoch, vor allem in den ersten zwölf Monaten nach dem ersten Ereignis.

Kontakt wirkt antisuizidal

Es ist vor allem die Isolation der Betroffenen, die so weit führt. Im Gespräch bleiben, den Kontakt halten, zuhören: Das alles hilft. „Kontakt wirkt antisuizidal“, heißt es in der Broschüre der Telefonseelsorge.

Wer den Eindruck hat, jemand sei gefährdet, sollte deshalb nicht zögern, Betroffene anzusprechen und die Sorge zum Ausdruck zu bringen. Diese Kontaktaufnahme wird von Menschen, die Suizidgedanken mit sich herumtragen, als entlastend und hilfreich erlebt, sagen die Fachleute.

Noch besser ist, wenn es erst gar nicht so weit kommt. „Prävention im Jugendalter ist wirksam“, sagt Daria Kasperzack. Dazu gehören Schulungen, Aufklärungskampagnen und niedrig­schwellige Beratungsangebote, aber auch die Unterstützung von Angehörigen und Nahestehenden nach einem Suizid.

Info

Suizid ist die zweithäufigste Todesursache in der Altersgruppe der Heranwachsenden. 2021 kamen 821 Menschen bis zum 29. Lebensjahr durch einen Suizid ums Leben. Besorgnis­erregend ist, dass Jugendliche mit einer psychischen Erkrankung ein bis zu 12-­fach erhöhtes Suizid­risiko aufweisen. 14 Prozent der 15-­Jährigen hatten schon mal Suizidgedanken.

Help-Mail an einen Peer

Judith Gruß, Leiterin der Online-­Suizidberatung [U25] im Caritasverband Paderborn. (Foto: Flüter)

Ein Beispiel dafür, was niedrig­schwellige Hilfe zu leisten vermag, ist die Online-­Beratung [U25] der Caritas. Die Leiterin der Paderborner [U25], Judith Gruß, stellte während des Infotages im Liborianum die Arbeitsweise dieser ehrenamtlichen Hilfe-­Plattform vor.

In dem digitalen Beratungsportal können sich Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahre anonym melden und eine verschlüsselte „Help-­Mail“ an [U25] schreiben. Dort wird die Mail einer oder einem Peer zugeordnet, die oder der den Kontakt mit dem unbekannten Gegenüber aufnimmt und über E-­Mails ein Gespräch führt.

Peers sind im gleichen Alter wie die Hilfesuchenden, stammen also aus derselben „­Peergroup“. Das macht den Kontakt leicht. Die Peers und die anonymen Hilfesuchenden sprechen dieselbe Sprache und sie können sich in die Gefühle der Gleichaltrigen hineinversetzen. Manche Kontakte dauern nur über wenige E-­Mails an, andere gehen über Monate.

„Kein Problem löst sich im Monolog“

Judith Gruß wählt die Gesprächspartner aus und ist für die Peers ständig erreichbar, um in Krisensituationen oder bei Überforderungen zu unterstützen. Jede Mail, die [U25] verlässt, geht über ihren Rechner.

„Kein Problem löst sich im Monolog“, sagt Judith Gruß. Oft sind die Peers die ersten, die konkret nach Suizidplänen fragen. Dass das oft so spät geschieht, ist verhängnisvoll. „Suizide beruhen auf einer impulsiven Handlung“, stellt Judith Gruß fest. Je früher ein Suizidwunsch angesprochen wird, umso mehr wird das Risiko gemindert, dass es in einer Kurzschlusshandlung zum Schlimmsten kommt. 

Peers sind keine Therapeuten, auch keine Berater. Sie sind Gesprächspartner. Wenn es gut läuft, haben sie eine „Lotsenfunktion“, sagt Judith Gruß. Sie hören zu und fragen nach. Das hilft oft schon, um die Eigen­dynamik, die die Suizidalität eines Menschen gewinnen kann, zu beenden.

Empathisch, offen und ehrlich müsse das Gespräch sein, betont Gruß, dann entfalte es heilende Wirkung. Die Heilungskräfte besitzt jeder Mensch, denn eines ist sicher: Niemand bringt sich gerne um.

Info

Die „Woche für das Leben“ ist seit Jahrzehnten eine bundesweite ökumenische Veranstaltungsreihe, die immer Ende ­April beginnt. In Kirchengemeinden, Einrichtungen und Gruppen finden während der „Woche für das Leben“ Vorträge und Diskussionen über das jeweilige Jahresthema statt. Im Erzbistum Paderborn ist Dr. Werner Sosna der zentrale Koordinator der Woche.

Karl-Martin Flüter

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