Fastenaktion 2023 – Sie ist ihr eigener Chef

Reisbäuerin Ursule Rasolomanana mit ihrem jüngsten Kind. (Foto: Klaus Mellenthin/MISEREOR)

Reisbäuerin Ursule Rasolomanana wollte nicht länger arm und abhängig sein. Also nahm sie ihren Reis in die Hand und baut sich ihre Zukunft daraus. Mit der Fastenaktion 2023 unter dem Motto „Frau. Macht. Veränderung“ unterstützt das katholische Hilfswerk ­MISEREOR Frauen wie Ursule in Madagaskar.

Ankaditapaka. „Eine Mahlzeit ohne Reis ist kein Essen“, so erzählen sich die Menschen in Madagaskar. Reis gibt es morgens, mittags, abends. Er ist wie eine Währung, obwohl er in Geld gemessen kaum etwas wert ist. Schulgeld, Totenfeiern, Kredite – wer keine finanziellen Mittel hat, zahlt alles mit Reis. Für die Menschen ist er Segen und Fluch zugleich: Wenn sie genug davon haben, verhungern sie nicht. Wenn sie kaum etwas anderes anbauen, sind sie dennoch schlecht ernährt. Denn auch wenn Reis satt macht, hat er allein nicht genug Nährstoffe.

„Wir haben früher ausschließlich Reis angepflanzt und die Ernte selbst verbraucht. Wir hatten nur das und konnten uns nichts anderes leisten“, erzählt Ursule Rasolomanana davon, wie es ist, Reisbäuerin im Hochland Madagaskars zu sein. Das Leben ist karg in dem kleinen Dorf ­Ankaditapaka. Dabei gilt Madagaskar als „Gewürzkammer der Welt“. Auf dem Weltmarkt werden Pfeffer, Zimt, Nelken und besonders Vanille zu horrenden Preisen gehandelt. Doch die einheimische Küche ist genauso karg wie das zentrale Hochland. Gewürzt wird mit Salz, Pfeffer, Chilipaste – auf dem Land gibt es gar keine Gewürze. Während für Vanille auf dem Weltmarkt so viel wie für Silber bezahlt wird, gut 600 Euro fürs Kilo, liegt das Durchschnittseinkommen in Madagaskar bei 38 Euro im Monat. Mehr als drei Viertel der Bevölkerung leben in extremer Armut.

„Ich wollte immer frei sein.“

Wenn man von der Hand in den Mund lebt, kann das zu einer großen Abhängigkeit von anderen Menschen führen. Ursule wohnte lange mit ihren drei Kindern und ihrem Mann bei den Schwiegereltern, alle in einem Zimmer. Das bedeutete, dass die 28-­Jährige kaum Entscheidungen für sich oder ihre Familie treffen konnte – immer redeten ihr die Eltern des Mannes rein oder bestimmten einfach über ihren Kopf hinweg. Nicht nur die Schwiegereltern – die ganze Dorfgemeinschaft. Als ich Ursule einmal frage, ob sie gerne zu Versammlungen auf dem Dorfplatz geht, schweigt sie. Für sie antwortet eine ältere Frau: „Sie geht gerne zu den Versammlungen.“ In der Gesellschaft des Dorfes wird Ursules Gesicht augenblicklich unlesbar, ihre Mimik festgefroren. Offensichtlich fühlt sie sich hier nicht wohl.

Anders ist es in ihrem eigenen Haus, etwas abseits vom Dorf. Ursule hat es mit ihrem Mann gebaut, die ersten Steine dafür haben sie selbst hergestellt. In ihrem Haus erzählt sie von ihren Träumen, spricht über ihre Gefühle: „Ich wollte immer frei sein.“ Ihr Blick richtet sich auf etwas in der Ferne, mit einem Mal traurig. „Ich habe schon mit 17 geheiratet – aus Enttäuschung“, beginnt sie ihre Geschichte. Das hat ihre Möglichkeiten damals begrenzt, dabei gab es schon vorher keine Wahl.

Armut führt Frauen in Abhängigkeiten

Ursule Rasolomanana musste die Schule mit zwölf Jahren in der 7. Klasse abbrechen, nachdem ihr Vater plötzlich gestorben war. „Meine Mutter konnte sich das Schulgeld nicht mehr leisten. Ich war wahnsinnig traurig, denn das war alles, was ich wollte: lernen. Vor allem Sprachen. Also habe ich eine Familie gegründet, es gab für mich keine andere Perspektive.“ Ursules Traum vom Leben als Übersetzerin war damit gestorben. Aber vielleicht war das für ein Mädchen vom Dorf im Hochland Madagaskars ohnehin utopisch.

„Das Leben als Frau auf dem Land ist hier extrem schwierig“, bestätigt Ordensschwester ­Modestine ­Rasolofoarivola. „Frauen dürfen kaum mitbestimmen, die Entscheidungen treffen Männer. Die Lebensbedingungen sind nicht gut: Es gibt kein fließendes Wasser, keine Gesundheitsversorgung, unsere Straßen sind schlecht, die Leute sind arm und fühlen sich damit alleingelassen.“ Ein Dorf wie ­Ankaditapaka lässt sich auf keiner Landkarte finden, der Weg zum nächstgrößeren Ort ­Tsiroanomandidy, wo es ein Krankenhaus und einen Markt gibt, liegt mit dem Fahrrad zwei Stunden entfernt – für 15 Straßenkilometer. Tiefe Schlaglöcher verhindern ein schnelleres Vorankommen. Ein Motorrad können sich nur wenige leisten. Wenn eine Geburt kompliziert verläuft oder sich ein Kind verletzt, ist das Krankenhaus zu weit weg. Auf dem Land sind die Menschen auf sich selbst gestellt, egal, was passiert.

Misereor Fastenaktion 2023
Schwester Modestine leitet das Projekt ­Vahatra, das Frauen dabei hilft, sich in der von Männern geprägten Gesellschaftsordnung zu behaupten. (Fotos: Klaus Mellenthin/MISEREOR)

„Mit kleinen Dingen lässt sich so viel erreichen“

Schwester ­Modestine leitet die Organisation ­Vahatra, die Reisbäuerinnen dabei hilft, sich auf die eigenen Füße zu stellen und sich gegen die pa­triarchale Vorherrschaft durchzusetzen. „Die Frauen nehmen das bisschen, was sie haben, in die Hand und machen etwas daraus“, so ist die Philosophie. „Mit kleinen Dingen lässt sich so viel erreichen, viel mehr als mit großen Gesten oder Geld“, davon ist die Ordensfrau überzeugt. Und viel anderes bleibt den Bäuerinnen kaum übrig, als sich mit dem selbst zu behelfen, was da ist. Die Kinder machen es vor: Ihr Fußball besteht aus fest verschnürten Müllresten. Ein Spielzeugauto bauen sie sich aus einer Pflanze mit kugelrunden Blüten, die sich zu Achsen mit Rädern zusammenstecken lassen. Mischt man ihre Blätter mit Tamarinde, hat man ein Heilmittel gegen Fieber. Einen so kreativen Umgang mit der Umwelt lernt man wahrscheinlich nur, wenn Mangel herrscht.

Ursule wird nie wieder zur Schule gehen können, das weiß sie. Sie hat mit 28 Jahren drei Kinder, für die sie sorgen muss, und das bedeutet harte Arbeit in einer Region, in der jedes zweite Kind mangelernährt ist. Die siebenjährige Tochter Chanya will deshalb niemals heiraten, sondern Ordensschwester an einer Schule werden, erzählt Ursule, „weil es dann immer Mittagessen gibt“. Aber: Ursule ist niemand, die sich desillusionieren lässt, nur weil ihr Traum in weite Ferne gerückt ist. Im Gegenteil ist diese Enttäuschung ihr Antrieb: Wenn sie sich etwas vornimmt, dann hält sie umso beharrlicher daran fest. Ursule hat neue Ziele und viele gute Ideen. Sie will nie wieder so abhängig sein, mit den Entscheidungen anderer leben zu müssen.

Misereor Fastenaktion 2023
Die Landschaft war einst üppig bewaldet, doch die Dorfbevölkerung rodete Baum um Baum, um das Holz als Brennstoff in der Stadt zu verkaufen. (Foto: Klaus Mellenthin/MISEREOR)

Ursules Ideenreichtum verändert das Leben

Deshalb wollte sie nicht mehr bei ihren Schwiegereltern wohnen, sondern ihr eigenes Haus bauen. Erst sparte Ursule vom Reis etwas ab. Wie das geht, hatte sie in ihrem Verein gelernt, den ­Vahatra in dem Ort ins Leben gerufen hatte. Immer ein bisschen, bis das Geld für Baumaterialien reichte. „Es war so anstrengend, die Steine selbst zu brennen, dass wir sie irgendwann lieber kauften, auch wenn das natürlich teurer ist“, erzählt die Reisbäuerin. Sie und ihr Mann mauerten, zimmerten, hämmerten, Ursule strich die Innenräume, Bruder und Mutter halfen mit. Vor Kurzem ist die fünfköpfige Familie in das erste bezugsfertige Zimmer gezogen. Mit dem Stück Land um das Haus herum hat Ursule Pläne: „Alles soll grün werden, wir wollen einen Bauernhof. Dann kommen vielleicht auch die Vögel zurück“. Das Dorf und die hügelige Landschaft waren einst üppig bewaldet. Doch die Dorfbevölkerung rodete Baum um Baum, um das Holz als Brennstoff zu verkaufen. Vögel lassen sich dort kaum noch blicken. Heute pfeift der Wind über das öde Land und lässt das Well­blech im Dachgiebel rattern.

Ursule plant eine Baumschule, um aus der Landschaft wieder einen Garten zu machen. Sie baut Kaffee an, Maniok und Orangen, hat ihren eigenen Brunnen, kompostiert und pflanzt. Ihr großes Zebu-­Rind konnte sie gerade gegen zwei Jungtiere eintauschen. Auch die kleine Geflügelzucht wächst, seit sie die Hühner impfen lässt. Auf dem Reisfeld, das 20 Minuten zu Fuß entfernt liegt, wachsen außerdem Mangos und Bananen. Die sind viel mehr wert als Reis, nicht nur an Vitaminen, sondern auch auf dem Markt. „Mein großer Traum ist, dass Reisende hier vorbeikommen. Dann lerne ich Fremdsprachen und kann doch noch übersetzen.“ In ihr Stück Land steckt Ursule nicht nur viel Arbeit, sondern auch ihre Hoffnung.

Doch auch die besten Ideen sind vergebens, wenn einer Bäuerin das Land einfach weggenommen werden kann. Deshalb ist es wichtig, über ein Zertifikat für den Boden zu verfügen. ­Vahatra hat aus diesem Grund ein zweites Projektstandbein: In Zusammenarbeit mit den kommunalen Landrechtsbüros hilft die Organisation der Bevölkerung dabei, Zugang zu den Rechten ihres Grund und Bodens zu erlangen. Ursules Familie besitzt ein solches Zertifikat über das Land.

Mit kleinen Veränderungen die eigenen Träume verwirklichen

Mit ihren Ideen hat sich die junge Frau im Dorf Respekt verschafft. Den lokalen Verein von ­Vahatra mit 38 Leuten, nur drei davon Männer, leitet Ursule inzwischen. Sie hat eingeführt, dass der Weltfrauentag groß gefeiert wird. „Die Ideen von Frauen sind entscheidend dafür, dass die ganze Gemeinschaft voran­kommt und gemeinsam etwas erreicht“, davon ist Ursule überzeugt. Viele haben sich ihr angeschlossen. Sie sehen, wie Ursule ein Getreidesilo fürs Dorf schafft. Und wie alle davon profitieren, wenn sie ihre Ernte nicht gleich verbrauchen, sondern einlagern können. „Einen Traum habe ich noch: Ich möchte eine Dorfschule gründen, damit die Kinder nicht so weit zur Schule laufen müssen.“ Dafür müssen die anderen aus dem Dorf mitmachen, jede Familie soll etwas beisteuern. Das ist nicht so einfach, denn obwohl viele überzeugt sind, können sich manche den Bau nicht leisten. Aber Ursule bleibt hartnäckig und zeigt den anderen, wie man mit kleinen Veränderungen die eigenen Träume verwirklichen kann.

Info

Die Fastenaktion des katholischen Hilfswerkes ­MISEREOR steht in diesem Jahr unter dem Motto „Frau. Macht. Veränderung.“ und richtet den Blick nach Madagaskar, ein Land, das geprägt ist von einer strukturellen Benachteiligung der Frauen. Seit 1959 bittet ­MISEREOR mit der Fastenaktion um Solidarität und Unterstützung für Benachteiligte in Asien und Ozeanien, Afrika und dem Nahen Osten, Lateinamerika und der Karibik. Jedes Jahr stehen andere Themen und Länder im Fokus. Seit seiner Gründung im Jahr 1958 hat ­MISEREOR mehr als 113.000 Projekte mit über acht Milliarden Euro gefördert.

Susanne Kaiser

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