„Heute ist euch der Retter geboren“ – aber welcher?

In diesem Jahr ist die Menschheit besonders in Not. Doch wer kann sie retten – wir selbst, wir allein? Der christliche Glaube sagt etwas anderes. Im Advent stellen uns Theologinnen und Theologen fünf biblische Beispiele vor.

veröffentlicht am 26.12.2022
Lesezeit: ungefähr 5 Minuten

In diesem Jahr ist die Menschheit besonders in Not. Doch wer kann sie retten – wir selbst, wir allein? Der christliche Glaube sagt etwas anderes. Im Advent stellen uns Theologinnen und Theologen fünf biblische Beispiele vor.

Meine Heimatstadt Augsburg verdankt ihren Namen dem römischen Kaiser Augustus. Wer sie im Dezember besucht, wird daran erinnert, dass Augustus auch in der Weihnachtsgeschichte eine wichtige Rolle spielt: Als Teil des „Christkindlesmarktes“ kann man eine Krippe besichtigen, die auf dem Rathausmarkt zu Füßen einer 2,5 Meter hohen Bronzestatue des Kaisers aufgebaut ist. In einer Marketingbroschüre der Stadt heißt es dazu: „Über die weihnachtliche Budenstadt hält Stadtgründer Kaiser Augustus schützend seine Hand.“ Dem Kaiser hätte diese Ehrung sicherlich gefallen. Zu Lebzeiten pries man ihn auf Inschriften als Wohltäter, Friedensbringer und gar als „Retter des Menschengeschlechts“. In Kleinasien beschloss man, den Jahresanfang auf den Geburtstag des Kaisers zu legen. Den Grund für diese Maßnahme kann man auf einer Inschrift aus Priene lesen: „… weil mit dem Geburtstag dieses Gottes für die Welt die guten Nachrichten (­euangelia), die von ihm ausgehen, ihren Anfang nahmen“.

Dieser Retter bringt, was Augustus als große Heldentat für sich reklamierte.

Als der Evangelist Lukas seine „gute Nachricht“ (­euangelion) schrieb, war ihm diese kaiserliche Propagandasprache sicherlich bekannt. Daher dürfte es kein Zufall sein, dass er Augustus einen kurzen, aber folgenreichen Auftritt in seiner Erzählung einräumt. Auf den ersten Blick scheint es, als sei der Kaiser auch bei Lukas ein vollmächtiger Universalherrscher: Mit einem einzigen Dekret kann er die ganze Welt in Bewegung setzen (vgl. Lk 2,1). Dies geschieht erstmals (vgl. 2,2); durch Augustus ist also möglich, was bisher noch nie möglich war.

Schnell wird aber deutlich, dass diese Form der Herrschaftsausübung keine besonders heilbringende ist: Ziel der Maßnahme ist die Erstellung einer Steuerliste, damit Rom reicher und Judäa ärmer wird. Eine hochschwangere Frau muss auf Reisen gehen, ihr Kind in einem für sie fremden Ort zur Welt bringen und es in eine Krippe legen, die eigentlich für Tierfutter bestimmt ist. Die Verantwortung dafür trägt bei Lukas ausgerechnet ein Kaiser, der sich – wie jeder Mensch im 1. Jahrhundert gewusst haben dürfte – durch den Erlass von Ehegesetzen als Beschützer der Familie zu profilieren versuchte.

Die Rettung des Menschengeschlechts ist also von Augustus eher nicht zu erwarten. Die Rolle, die Lukas ihm in der Weltgeschichte zuweist, ist deshalb eine andere: Wenn Augustus kein Steuerdekret erlassen hätte, dann wäre Jesus im unbedeutenden Nazareth und nicht in der Davidsstadt Bethlehem geboren worden. Doch nur aus Bethlehem ist der zukünftige Herrscher und Friedensbringer zu erwarten (vgl. Mi 5,1–4). Augustus, der in der kaiserlichen Propagandasprache als eine Art personifizierte Vorsehung erscheint, wird bei Lukas also zu einem Werkzeug dieser Vorsehung degradiert. Unwissend leistet er seinen Beitrag dazu, dass Gottes Plan in Erfüllung geht. Und so können die Engel verkünden: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.“ (Lk 2,11) Dieser Retter bringt, was Augustus als große Heldentat für sich reklamierte: „Friede auf Erden“ (Lk 2,14).

"Heute ist euch der Retter geboren" – aber welcher?
Verkehrte Welt – oder die richtige? Nur noch eine Randfigur, aber immerhin sorgt er dafür, dass sich die biblische Verheißung erfüllt. Das Bild zeigt die Augustusstatue in Augsburg.

Menschen erzählen von der Rettung, weil sie überzeugt sind, dass sie stattgefunden hat.

Damit sich eine solche Botschaft weiterverbreitet, braucht es keine kaiserlichen Beamten, die Steintafeln aufstellen. Die Hirten erzählen sie von sich aus weiter. Damit beginnt eine Dynamik, die sich über beide Teile des lukanischen Doppelwerkes erstreckt. Menschen erzählen von der Rettung, weil sie überzeugt sind, dass sie stattgefunden hat. Irgendwann wird sich damit auch das Kaiserhaus beschäftigen müssen: Am Ende der Apostelgeschichte kommt Paulus in Rom an und verkündet dort die Botschaft von der Rettungstat Gottes – „mit allem Freimut, ungehindert“ (Apg 28,31).

Was hätte sich wohl der Evangelist Lukas gedacht, wenn er den Augsburger Weihnachtsmarkt besucht hätte? Vielleicht hätte er sich geärgert, dass die Größenverhältnisse zwischen der Jesusfigur in der Krippe und der Augustusfigur auf dem Sockel nicht die wahre Bedeutung abbilden. Wahrscheinlicher aber scheint mir, dass er geschmunzelt hätte. Denn der selbst ernannte Weltretter, der in einer Geste imperialer Großkotzigkeit seine bronzene Hand nach vorne reckt, hat vermutlich bis heute nicht verstanden, was sein wichtigster Beitrag für die Menschheitsgeschichte war: dafür zu sorgen, dass der wahre Retter und Friedensbringer am richtigen Ort geboren wird.

Prof. Dr. Daniel Lanzinger
Professor für Neues Testament an der ­Theologischen Fakultät in Paderborn

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