Judit: Die rettende Macht Gottes, der Kriege beendet

In diesem Jahr ist die Menschheit besonders in Not. Doch wer kann sie retten – wir selbst, wir allein? Der christliche Glaube sagt etwas anderes. Im Advent stellen uns Theologinnen und Theologen fünf biblische Beispiele vor.

Judit mit dem Kopf des Holofernes, ein Werk des italienischen Renaissance-­Malers ­Giorgione, das heute in der Eremitage hängt.
Judit mit dem Kopf des Holofernes, ein Werk des italienischen Renaissance-­Malers ­Giorgione, das heute in der Eremitage hängt.
veröffentlicht am 11.12.2022
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

In diesem Jahr ist die Menschheit besonders in Not. Doch wer kann sie retten – wir selbst, wir allein? Der christliche Glaube sagt etwas anderes. Im Advent stellen uns Theologinnen und Theologen fünf biblische Beispiele vor.

Ein mächtiger Gewaltherrscher überzieht die Welt mit Krieg und beansprucht die totale Herrschaft: Wie lässt sich da für ein kleines Volk Widerstand denken?

Dies ist die Geschichte des biblischen Juditbuches. Angesichts eines solchen Bedrohungsszenarios rückt es eine Frauengestalt als Mittlerin gottgewirkter Rettung ins Zentrum und erzählt eine Geschichte des Widerstandes aus und mit der Kraft Gottes.

Der Grundkonflikt im Juditbuch besteht darin, wer als wahrer „Herr der ganzen Erde“ zu verehren ist. Auf der Erzählbühne wird diese im Hintergrund stattfindende Ausei­nandersetzung zwischen einem irdischen Herrscher, der mit aggressiver Expansionspolitik und brutaler militärischer Macht­demonstration seinen Anspruch untermauert, und dem Gott Israels ausgetragen durch den Heerführer Holofernes und der Witwe Judit („Jüdin“) als deren ­Repräsentant­_­innen. Mit diesen beiden Figuren stehen einander kriegerische Gewaltmacht und als Gegenmacht die rettende Macht Gottes gegenüber.

Judit mit dem Kopf des Holofernes, ein Werk des italienischen Renaissance-­Malers ­Giorgione, das heute in der Eremitage hängt.

Verschiedene Katastrophensituationen in der Geschichte Israels werden in der fiktionalen Lehrerzählung des Juditbuches überblendet. Der feindliche Großkönig thront in Ninive, Hauptstadt der assyrischen Großmacht. Im kollektiven Gedächtnis Israels ist damit die Zerstörung des Nordreichs Israel assoziiert. Sein Name (­Nabuchodonosor) erinnert wiederum an den babylonischen König, der das Südreich Juda eroberte und Jerusalem samt Tempel zerstörte. Zur Zeit der Entstehung des Juditbuches ist es wiede­rum das hellenistische Großreich, das als militärische Supermacht fungiert. Die Muster der Geschichte wiederholen sich und sind für Aktualisierungen offen. In der erneuten Bedrohungssituation ruft das Juditbuch die urbiblischen Rettungs- und Befreiungserfahrungen ins Gedächtnis.

Judit – Ein Werkzeug der Hilfe Gottes

Am Höhepunkt der Bedrängnis, als das belagerte Betulia beinahe seinen Widerstand aufgibt, betritt Judit die Erzählung. Wie eine schriftgelehrte Theologin mahnt sie die Ältesten, Gott nicht mit einem Ultimatum auf die Probe zu stellen, sondern aufgrund der vergangenen Rettungserfahrungen auf seinen Beistand in der gegenwärtigen Prüfung zu vertrauen. Sie beschränkt sich jedoch nicht auf Warten und Beten, sondern kontert die an sie als „fromme Frau“ herangetragenen Erwartungen, indem sie sich selbst als Werkzeug der Hilfe Gottes präsentiert.

Wenn die schöne Witwe als Symbolgestalt für die politische Ohnmacht des gefährdeten Gottesvolkes dem Feldherrn Holofernes im Lager gegenübertritt, entspricht die Erzählung zunächst traditionellen Rollenerwartungen. Schließlich wird Macht männlich gedacht, Ohnmacht demgegenüber weiblich assoziiert. Doch verliert der Kriegsheld, verblendet durch seinen begehrlichen Blick angesichts von Judits Schönheit, buchstäblich seinen Kopf: Wie David den übermächtigen Goliat, erschlägt sie ihn mit seinem eigenen Schwert, woraufhin das kopflos gewordene feindliche Heer die Flucht ergreift.

„Beistand der Schwachen“ und „Retter der Hoffnungslosen“

Während ­Nabuchodonosor durch seinen Heerführer die Welt in einem gigantischen Krieg unterwerfen will, wendet sich Judit in ihrem Gebet (wie auch in ihrem Danklied am Ende) an Gott, „der Kriege beendet“ (9,7; 16,2). Nicht militärische Stärke bringt die Rettung, sondern diese vollzieht sich „durch die Hand einer Frau“ (9,10; 16,5 – wie schon bei der im Lied der Debora in Ri 5 besungenen Jaël), die ihre Kraft von Gott erhält. Als „Gott der Erniedrigten“, „Beistand der Schwachen“ und „Retter der Hoffnungslosen“ (9,11) tritt dieser für die Unterdrückten ein, verschafft Gewaltopfern Gerechtigkeit und ermächtigt die scheinbar Ohnmächtigen zum Widerstand. Dabei entsprechen die einzigen Handlungen Gottes, die das Juditbuch erzählt, sein Hinhören auf die Stimme der Flehenden und Hinsehen auf ihre Bedrängnis (4,13), der Exodus-­Tradition. In ­Judit wird Gottes rettende Anwesenheit in der Welt durch menschliches Handeln wirksam.

Auch wenn das Juditbuch nicht völlig auf Gewalt verzichtet, reiht es sich in eine kriegskritische biblische Traditionslinie ein, die durch die Geburtserzählung des Frieden bringenden Retters in Lk 2 fortgesetzt wird. Immer wieder stellen Gegenerfahrungen die biblische Verheißung von Rettung infrage – demgegenüber gilt es die Erinnerung an Erfahrungen wachzuhalten, in denen die Kraft der biblischen Rede von Gottes Befreiungsmacht wirksam geworden ist.

Prof. Dr. Andrea Taschl-­Erber
Professorin für Exegese und Theologie des Neuen Testamentes

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