Sorge um deutsche Tafeln – Staat muss Armen besser helfen

Die deutschen Tafeln blicken mit Sorge auf den kommenden Winter und werfen dem Staat vor, zu wenig für Menschen in Notsituationen zu tun.

Deutsche Tafeln in Not.
SCHWEINFURT, GERMANY - NOVEMBER 30: Volunteers carry fruit, vegetables and foot to a Tafel food bank during the coronavirus pandemic on November 30, 2020 in Schweinfurt, Germany. About 130 needy people will receive food for their families for 3 euros on this day - a total of almost 600 people will be provided for. In 6 trips, volunteers had received fruit, vegetables and food from supermarkets. It took several hours for other volunteers to check and divide the food. Poverty levels in Germany, which in 2019 already rose to a record high, are expected to only be exacerbated by the pandemic. Many jobs in the restaurant, hotel and services sectors have been threatened as lockdown measures remain in place. And donations to charities have gone down significantly since the coronavirus outbreak. (Photo by Thomas Lohnes/Getty Images)
veröffentlicht am 10.12.2022
Lesezeit: ungefähr 5 Minuten

Die deutschen Tafeln blicken mit Sorge auf den kommenden Winter und werfen dem Staat vor, zu wenig für Menschen in Notsituationen zu tun. 82 Prozent der Tafeln in ­Deutschland haben aufgrund einer Vielzahl an Problemen einen Aufnahmestopp verkündet.

Köln (KNA). „Eigentlich ist die Grundidee, dass wir Zusatz sind, dass wir unterstützen, dass aber eigentlich der Staat die Bürger versorgen muss“, sagte Jochen Brühl, der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutsche Tafel. „Aber wir erleben zunehmend, dass wir auch in eine Situation geraten, wo wir auch versorgen sollen.“

Das aber sei überhaupt nicht die Aufgabe der Tafeln, so Brühl weiter.“Da muss sich der Staat auch selbst noch mal hinterfragen lassen, in welcher Verantwortung er ist, was er für Menschen in Not leisten muss und was die Aufgabe bürgerlichen Engagements und einer Zivilgesellschaft ist.“ Derzeit aber habe er den Eindruck, dass sich der Staat lieber auf die Tafeln verlasse, als selbst zu unterstützen.

Größte je erlebte Herausforderung

Die aktuelle Situation sei „die größte Herausforderung, die die Tafeln je erlebt haben“, fügte er hinzu. Das habe schon mit Corona begonnen. „Das Besondere an der Pandemie und jetzt an dieser Krise, die uns alle betrifft, ist, dass die Helfenden selber Teil dieser Krise sind. Das heißt, die haben selber mit den steigenden Preisen und den steigenden Energiekosten zu tun.“ Auch die Tafeln als Organisationen hätten deutlich höhere Kosten, etwa für Kühlaggregate, Räume und Fahrzeuge.

Als weitere Herausforderung nannte Brühl die große Anzahl von Geflüchteten: „Da ist oft eine Belastung da, dass man die Sprache nicht versteht oder dass zum Beispiel traumatisierte Geflüchtete zu den Tafeln kommen. Oder dass Behörden sagen, dass noch nicht zu 100 Prozent geklärt sei, wann die Menschen ihr Geld bekommen und dass sie so lange zu den Tafeln gehen sollen.“

82 Prozent der Tafeln haben einen Aufnahmestopp

Das alles führe zu einer „unglaublichen Belastungssituation“ bei vielen Helfenden: „Die machen das freiwillig. Die engagieren sich, obwohl sie von dieser Krise selbst betroffen sind.“ Dazu komme, dass immer weniger Lebensmittel zur Verfügung stünden für immer mehr Menschen, die zu den Tafeln kämen.

82 Prozent der Tafeln in Deutschland haben laut Brühl aufgrund all dieser Probleme inzwischen einen Aufnahmestopp: „Das muss man respek­tieren. Eben auch, weil über 60 Prozent unserer Helfenden sagen, dass sie psychisch mit dieser ganzen Situation so belastet sind, dass sie einfach nicht mehr können.“

Lobend erwähnte der Tafel-­Chef, dass viele Kirchengemeinden aktuell ihre Angebote für Menschen in Not erweitern wollten, etwa durch einen Mittagstisch für ältere Menschen oder für Alleinerziehende. Solche Angebote wie auch die der Tafeln seien ebenfalls wichtig gegen eine zunehmende Vereinsamung von Menschen.

Deutsche Tafeln in Not.

Kurz berichtet – Die Retterin der Lebensmittel

Vor rund 30 Jahren gründete die Sozialpädagogin Sabine Werth in Berlin mit anderen die erste Tafel für bedürftige Menschen. Nun gibt es bundesweit rund 1 000 solcher Initiativen, die vielen helfen, über die Runden zu kommen.

Es ist eine Idee, die vor allem durch ihre Einfachheit besticht: Unternehmen produzieren Überschüsse, bei sozial Bedürftigen fehlt es am Monatsende oft am Notwendigsten. Warum also nicht einfach überflüssige Lebensmittel an sie verteilen? Anfang der 1990er-­Jahre setzte eine Berliner Fraueninitiative diese Idee um: Das war die Geburtsstunde der ersten Tafel. Als Vorbild dienten ähnliche Projekte in New York. Eine der Gründerinnen war die Berlinerin Sabine Werth, die den Verein ehrenamtlich leitet und mehrfach für ihr Engagement ausgezeichnet wurde.

Auch mit 65 Jahren denkt sie nicht ans Aufhören

Inzwischen ist Werth 65 Jahre alt, ans Aufhören denkt sie aber nicht. Zwar packt sie nicht mehr selbst mit an, wenn es etwa darum geht, Kleintransporter zu beladen. Nach wie vor ist die Sozialpädagogin aber noch oft in der Tafel-­Zentrale auf dem Berliner Großmarktgelände in der Moabiter Beusselstraße anzutreffen.

Dort stehen die Fahrzeuge der Tafel und außer in den vielen Ausgabestellen kommen auch dort noch viele Lebensmittel an. Oberstes Kriterium für die Auslieferung: Sie müssen noch einwandfrei genießbar sein. Überdies sind Alkohol und Tabak tabu, so steht es auf der Homepage des Bundesverbandes der Tafeln. Auch wer die Hilfe der Tafel in Anspruch nimmt, hat Bedingungen zu erfüllen. Klienten müssen ihre Bedürftigkeit belegen und Nachweise für Sozialleistungen vorzeigen.

Alles fing ganz klein an

Allein in der Hauptstadt unterstützen die Ausgabestellen der Tafel mehrere 10.000 Menschen pro Woche mit Lebensmitteln. Dabei fing alles ganz klein an: Werth, die als Kind vor dem Bau der Mauer mit ihrer Familie von Ost- nach West­berlin geflohen war, holte zusammen mit anderen Frauen Lebensmittel ab, die etwa nach einer Feier übrig geblieben waren, und gaben sie zunächst nur an obdachlose Menschen weiter.

Das war 1993, wenige Jahre nach der Wiedervereinigung. Andere Städte kopierten das Modell, Mitte der 1990er-­Jahre entstand unter Werths Initiative der Bundesverband der Tafeln mit Sitz in Berlin. Nach wie vor finanzieren sie sich nur über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Inzwischen helfen sie rund zwei Millionen Menschen in Deutschland – Tendenz steigend, nicht zuletzt wegen der steigenden Zahl von Flüchtlingen.

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