Schwerter zu Pflugscharen – nur ein schöner Traum?

In diesem Jahr ist die Menschheit besonders in Not. Doch wer kannsie retten – wir selbst, wir allein? Der christliche Glaube sagt etwas anderes. Im Advent stellen uns Theologinnen und Theologen fünf biblische Beispiele vor. Ein kurzer Blick auf das Schlagwort „Schwerter zu Pflugscharen“.

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veröffentlicht am 27.11.2022
Lesezeit: ungefähr 5 Minuten

In diesem Jahr ist die Menschheit besonders in Not. Doch wer kannsie retten – wir selbst, wir allein? Der christliche Glaube sagt etwas anderes. Im Advent stellen uns Theologinnen und Theologen fünf biblische Beispiele vor. Ein kurzer Blick auf das Schlagwort „Schwerter zu Pflugscharen“.

Im Garten des UNO-Haupt­quartiers in New York steht eine Bronzeskulptur des russischen Künstlers Jewgeni Wutschetitsch (1908–1974), welche die Sowjet­union den Vereinten Nationen im Jahr 1959 geschenkt hat. Die Skulptur zeigt einen muskulösen Mann im Stil des sowjetischen Realismus, der ein Schwert zu einem Pflug umschmiedet. Sie trägt den Titel: „We shall ­beat our swords into ­plowshares.“ Darin soll programmatisch die Selbstverpflichtung der UN-­Mitgliedstaaten zum Ausdruck kommen, den Weltfrieden zum Hauptziel ihrer politischen Bemühungen zu machen. Das Bild wurde zusammen mit dem Schlagwort „Schwerter zu Pflugscharen“ zu einem Symbol der Friedensbewegung in den 1980er-­Jahren, zunächst in der DDR, später dann auch in der Bundesrepublik.

Das Schlagwort „Schwerter zu Pflugscharen“ stammt aus dem Alten Testament

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Das Schlagwort „Schwerter zu Pflugscharen“ stammt aus dem Alten Testament. Wie die Zehn Gebote (Ex 20/Dtn 5) ist es dort gleich doppelt überliefert, womit die Bedeutung des Wortes unterstrichen wird: einmal bei Jesaja (2,1–5) und einmal im Buch des Propheten Micha (4,1–4). Der Slogan „Schwerter zu Pflugscharen“ ist dabei eingebettet in eine großartige prophetische Heilsvision: Am Ende der Tage werden die Völker der Welt zum Zion strömen, um von Gott „Weisung“ (hebr. torah) zu erbitten.

Erstaunlich ist nun, dass Gott dann nicht, wie man es erwarten würde, über die Völker Gericht hält, vielmehr agiert er wie ein Schiedsrichter zwischen den Völkern, die ihre Konflikte dann selbst friedlich beilegen. Daran schließt der bekannte Vers an: „Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg.“ (Jes 2,4/Mi 4,3) Eisen war in der Antike ein wertvoller Rohstoff.

Es geht bei dieser Friedensvision somit auch darum, wofür die Ressourcen der Schöpfung einzusetzen sich lohnt: für die Produktion von Waffen, um Leben zu vernichten, oder für die Produktion von Werkzeugen, welche die Ernährung sichern und Leben schenken. Im Blick ist damit letztlich der Auftrag an den Menschen, die Schöpfung urbar zu machen und sie zu bewahren (Gen 1,28). Die Vision vom Frieden unter den Völkern ist auch eine Vision von der Bewahrung der Schöpfung.

Über die Sehnsucht nach einem endgültigen Frieden

Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukrai­ne haben die Skulptur vor dem UNO-­Hauptquartier und mit ihr das Symbol der Friedensbewegung ihre Unschuld verloren. Wie selbstverständlich sprechen heute wieder diejenigen von Waffenlieferungen und Aufrüstung, die noch vor Jahresfrist diese Vokabeln aus ihrem Wortschatz gestrichen hatten. Die Realität, so könnte man meinen, hat uns eingeholt. Der Krieg ist in Europa wieder in einer Form gegenwärtig, wie wir es kaum noch für möglich gehalten haben. Sollte man da nicht konsequent sein und sowohl das Symbol wie auch den Slogan der Friedensbewegung diskret in der Schublade verschwinden lassen?

Die Bibel wurde in einer Welt geschrieben, in der die Schrecken des Krieges der Alltag waren. Trotzdem oder gerade deshalb durchzieht die gesamte zweigeteilte christliche Bibel eine kaum zu stillende Sehnsucht nach einem endgültigen Frieden zwischen den Völkern. Die Bibel weiß aber auch, dass die Menschheit aus eigener Kraft dieses Ziel nicht erreichen kann. Gott ist es, der den ersten Schritt tun muss, damit die Welt eine andere werden kann.

Die Vision von einer Welt ohne Krieg, wie sie bei Jesaja und Micha beschrieben wird, ist daher eine Utopie im wahrsten Sinne des Wortes – ein Nicht-­Ort, ein Ort jenseits unserer Wirklichkeit. Das „Ende der Tage“, von dem hier die Rede ist, meint ein Ende der Geschichte so, wie wir sie kennen. Der Slo­gan „Schwerter zu Pflugscharen““ist daher keine kompromisslose und unbedingte pazifistische Handlungsanweisung. Er ist ein Traum, denn wir können der Welt, in der wir leben, nicht entkommen. Aber als Christen dürfen wir uns auch nicht mit ihr abfinden. Jede(r) Einzelne ist gefordert, Gott den Weg zu bereiten, damit er die Welt von Grund auf verändern kann.

Hoffnung, dass der Friedensfürst wiederkommt

Advent – das ist nicht nur das Warten auf das Weihnachtsfest als Erinnerung, dass Gott in diese Welt gekommen ist. Es ist auch die freudige, wachsame Erwartung und Hoffnung wider alle Hoffnung, dass der Friedensfürst wiederkommen wird, um den Kriegen ein Ende zu setzen. (Ps 46,10; Sach 9,9 f.).

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