Gegen das Vergessen – Friedensort in Paderborn

10. November 1938: Die Synagoge am Busdorf in Paderborn steht in Flammen – so wie viele andere jüdische Gotteshäuser, Geschäfte und Einrichtungen im gesamten Deutschen Reich auch. Mittlerweile steht an dieser Stelle ein Mahnmal und fungiert als ein wichtiger Friedensort.

Errichtet wurde die Synagoge im Jahr 1882, um der jüdischen Gemeinde Paderborns einen Ort der Gemeinschaft, des Lehrens und des Betens zu geben. Das Gebäude im „orientalisierenden“ Stil – bestehend aus einem achteckigen Turm aus gelben Ziegelsteinen und markanten Zwiebeltürmen – bot Platz für 190 Männer und 103 Frauen, welche regelmäßig das Gebäude aufsuchten, das eigentlich einen sicheren und friedvollen Ort darstellte. Zumindest tat es das bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Freigabe des Pogroms im Jahr 1938.

Die Paderborner SA feierte gerade in Kneipen den 15. Jahrestag des Hitler-­Putsches, als das Telegramm eintraf, „spontanen“ Ausschreitungen gegen Juden nicht entgegenzutreten. Daraufhin zogen mehrere Kommandos durch die Stadt und bedeuteten den Untergang für jüdische Bevölkerung. Schlafende wurden aus ihren Betten gerissen und verhaftet, Läden wurden zerstört und geplündert, Wohnungen durchwühlt und leer geräumt.

Sobald das benachbarte Krankenhaus der Synagoge am Busdorf durch die Feuerwehr gesichert war, setzten der SS-­Führer Nagorny und der Paderborner Stadtbaurat Dr. Keller die mit Öl übergossenen Holzbänke im Inneren der Kirche in Brand, während die Feuerwehr tatenlos zuschaute. Erst als die Kuppel einstürzte, begann sie mit den Löscharbeiten. Am 30. November musste die jüdische Gemeinde sämtlichen Grundbesitz an die Stadt abtreten. Sieben Jahre später wurde auch das jüdische Gemeindehaus durch einen Luftangriff während des Zweiten Weltkrieges zerstört.

„Zeichen gegen das Vergessen und für die Versöhnung“

Heute trägt der Platz, auf dem das ehemalige Gotteshaus stand, einen neuen Namen. „An der Alten Synagoge“ heißt es auf dem Straßenschild. Ein Mahnmal nach den Plänen des dänischen Künstlers Per Kirkeby steht nun darauf und erinnert an das tragische Schicksal. Erbaut ist es im byzantinischen Stil aus roten und gelben Ziegelsteinen und greift somit den Bau der Syna­goge auf. In den Rundbögen des Mahnmals sind Bronzetafeln angebracht, auf denen die etwas mehr als 100 Namen der aus Paderborn ermordeten Jüdinnen und Juden stehen.

Die errichteten Mahnmale sollen erinnern. Noch heute versammeln sich jährlich Menschen zum 9. November vor dem Mahnmal. Auch in diesem Jahr kamen etwa 300 Menschen inklusive einer Liveband zusammen, um den Opfern zu gedenken und an die Wahrung des Friedens zu erinnern. Oder wie Bürgermeister Michael Dreier es am diesjährigen Jahrestag der Reichspogromnacht sagte: „Mit der Teilnahme an dieser Gedenkstunde wollen wir gemeinsam ein Zeichen setzen: des Trauerns, des Mitgefühls, aber auch ein Zeichen gegen das Vergessen und für die Versöhnung.“

Friedensort in Paderborn – Die alte Synagoge

Info

Der Begriff „Reichskristallnacht“ wird von Historikern als verharmlosende Bezeichnung für die Verbrechen des 9./10. Novembers angesehen. Er spiele besonders auf die Zerstörung der jüdischen Geschäfte an und übergehe die Verbrechen an den Menschen. Stattdessen wird heute bevorzugt der Begriff „Reichspogromnacht“ verwendet.

Helena Mälck

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