Pflegenotstand im Altenheim – „Es geht nur gemeinsam“

Gesprochen wird viel vom Pflegenotstand, doch der Eindruck, dass wenig geschieht, ist ebenso präsent. Die Suche nach Lösungen ist schwierig, die Geduld vieler Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen ist erschöpft.

Pflegenotstand in Altenheimen
Das Ehrenamt im Altenheim konzentriert sich auf das soziale Mit­einander im Heim. Beispielsweise durch Besuchsdienste, Gespräche, Unterhaltung, Musik, Begleitung und Seelsorge. (Foto: KNA)
veröffentlicht am 25.10.2022
Lesezeit: ungefähr 10 Minuten

Gesprochen wird viel vom Pflegenotstand, doch der Eindruck, dass wenig geschieht, ist ebenso präsent. Die Suche nach Lösungen ist schwierig, die Geduld vieler Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen ist erschöpft. Ein Gespräch über ehrenamtliches Engagement im Altenheim. Mit Hubert Segin sprach Andreas Wiedenhaus.

Warum engagieren Sie sich ehrenamtlich im Altenheim?

Hubert Segin: „Ich möchte auch im Alter noch etwas Sinnvolles tun, das Menschen hilft und auch mir Freude bereitet. Im Altenheim kann ich mich mit allen meinen Erfahrungen und Talenten einbringen. Das Engagement wird reichlich belohnt – mit Dankbarkeit, sozialen Beziehungen und dem Gefühl, etwas mit anderen Menschen zu gestalten, was Freude macht. Ich gehe oft aus dem Altenheim nach Hause und habe das Empfinden, dass ich mehr mitnehme, als ich mitgebracht habe, das macht mich glücklich. Davon berichten mir auch immer wieder andere Ehrenamtliche aus unterschiedlichen Bereichen.“

Wie ist der Kontakt entstanden?

Hubert Segin: „Eine Freundin unserer Familie konnte nach einem Sturz und dessen Folgen nicht wieder zurück in ihre Wohnung. Nach Krankenhausaufenthalt und Kurzzeitpflege sollte von nun an das Altenheim ihr neues Zuhause werden. Bei Besuchen dort entwickelten sich dann persönliche Kontakte zu weiteren Bewohnern und Mitarbeitern. Mit meinem Vater, der zu Hause gepflegt wurde und unter Demenz litt, waren die regelmäßigen Besuche im Altenheim eine schöne Abwechslung. Auch die Bewohner hatten immer viel Freude, wenn wir als Besucher zum Beispiel ihren Gesang unterstützten. Dann kamen wir auch regelmäßig samstags zum Gottesdienst ins Altenheim. Dort traf ich dann nach mehr als 50 Jahren meine ehemalige Grundschul­lehrerin wieder. Bei diesen Besuchen wurde mir klar, dass es im Altenheim viele Einsatzmöglichkeiten für ehrenamtliche Mitarbeiter gibt.“

Gibt es Bereiche, in denen ehrenamtlicher Einsatz besonders wichtig ist?

Hubert Segin: „Das Ehrenamt im Altenheim konzentriert sich auf das soziale Miteinander im Heim. Beispielsweise durch Besuchsdienste, Gespräche, Unterhaltung, Musik, Begleitung und Seelsorge. Hervorragenden Zugang zu alten Menschen gewinnt man über Musik. Sie weckt Erinnerungen und macht einfach Freude. Gesichter entspannen sich und so manch einer singt textsicher mit Freude mit. Musikalisch werden die Gottesdienste von Ehrenamtlichen auf dem Harmonium unterstützt. Wenn kein Organist verfügbar ist, spielen wir die Lieder aus der Soundbox.“

Wie gestaltet sich die Seelsorge im Altenheim?

Hubert Segin: „Der Priestermangel und die Belastung der Hauptamtlichen prägen auch die Situation in den Altenheimen. In unserer kleinen Einrichtung werden wir zurzeit noch von einer der letzten aktiven Ordensschwestern am Ort unterstützt. Wir lernen viel von­einander. So gestalten wir in einem kleinen Team selber Morgenlob und Wortgottesdienste. Wir helfen mit, Bewohner zur Kapelle zu bringen, die Fernseher für eine Übertragung des Gottesdienstes einzustellen, die Kommunion auszuteilen, führen Gespräche und bauen Beziehungen zu den Bewohnern auf. Wenn sie es wünschen, begleiten wir Bewohner bis zum Tod.“

Wie steht es überhaupt um die persönliche Betreuung in Altenheimen?

Hubert Segin: „Über die Jahre habe ich den Alltag im Seniorenheim näher kennengelernt. Ich verstehe die Sorgen und Nöte der Bewohner und das Spannungsfeld, in dem sich Bewohner und Mitarbeiter befinden. Der Pflegenotstand hat viele Facetten. Die Menschen kommen heute später ins Heim, sind pflegebedürftiger und die Verweildauer im Heim sinkt. Viele Bewohner können aktive Angebote nicht mehr wahrnehmen. Immer mehr Menschen leiden unter der Demenz und Einsamkeit. Die persönliche Zuwendung ist für diese Menschen besonders wichtig. Ich sehe die Mitarbeiter im Heim bei der Arbeit und stelle immer wieder fest, wie wenig Zeit allein für die Pflege da ist. Für individuelle Begegnung und das Gespräch mit den Bewohnern bleiben kaum Möglichkeiten. Darunter leiden auch viele engagierte Mitarbeiter.“

Wie sieht es mit der Betreuung gerade in der letzten Lebensphase aus?

„Lieber Gott, lass mich sterben“, das haben mir schon mehrfach Menschen im Altenheim gesagt. Irgendwie fällt es mir überhaupt nicht schwer, mit den alten Menschen darüber zu sprechen. Gerade im Altenheim ist der Tod allgegenwärtig. Ich kann die Nöte und Ängste der alten Menschen verstehen. Wir beten häufig gemeinsam für einen guten Weg. Viele Bewohner freuen sich, wenn ich mit ihnen zusammen Lieder aus meiner Soundbox höre. Volkslieder oder auch religiöse Lieder wie „Möge die Straße uns zusammenführen“ machen uns dann gemeinsam Mut und bringen auch in schweren Stunden eine Art Freude. Das Leben Revue passieren lassen, versuchen gemeinsam Rückblick auf das bisherige Leben zu halten, beruhigt. Auch die Sehnsucht, nach dem Tod bereits verstorbene Angehörige im „Himmel“ wiederzusehen, schwingt sehr oft mit. Die Hoffnung überhaupt, dass der Tod nicht das Ende für uns ist, gibt bei den Gesprächen viel Kraft für beide Seiten.

Die Botschaft „Durch den Tod ins Leben“ ist dann hautnah zu spüren. Auf dieser Gesprächsebene bin ich schon vielen Menschen begegnet und ich habe gefühlt, dass es ihnen guttut, darüber zu reden, trotz Schmerz und Leid. Das zeigt auch, wie der christliche Glaube Menschen auch auf der letzten Reise eine große Hilfe sein kann. Für diese individuelle Betreuung ist im Altenheim kaum Zeit. Ehrenamtliche Helfer auch von ambulanten Hospizdiensten leisten gerade hier im Stillen wertvolle Dienste. Wenn ich jemanden in den letzten Tagen und Stunden seines Lebens begleiten darf, ist das auch für mich eine heilige Zeit.“

Wie ist der Kontakt zur Heimleitung, wie ist man eingebunden?

Hubert Segin: „Die Einrichtungsleitung ist für das gesamte Haus verantwortlich, angesichts der vielen unterschiedlichen Anforderungen keine leichte Aufgabe. Die Qualität eines Hauses ist natürlich davon abhängig, wie ein Haus geführt wird. Wenn eine Heimleitung alle zwei bis drei Jahre wechselt, zeugt das nicht gerade von einem guten sozialen Klima im Haus. Das kann sich nur entwickeln, wenn die einzelnen Fachdisziplinen ein Team bilden und die Führungskräfte das Miteinander vorleben. Gerade angesichts des Pflegenotstands und der damit einhergehenden Belastung der Mitarbeiter ist das heute wichtiger denn je. Letztendlich muss es doch das Ziel aller sein, unter den gegebenen Rahmenbedingungen das Beste für die Bewohner, Angehörigen und Mitarbeiter zu erreichen. Für mich ist das die Basis für eine gelebte Willkommenskultur, und die trägt entscheidend dazu bei, dass Menschen gern zu Besuch kommen.“

Ist man mit seinem ehrenamtlichen Engagement grundsätzlich willkommen?

Hubert Segin: „Durch die Corona-­Pandemie wurden Besuchsmöglichkeiten in Altenheimen und Krankenhäusern sehr stark eingeschränkt oder sogar ganz unterbunden. Darunter leiden wir noch heute. Von der eben erwähnten Willkommenskultur ist das weit entfernt. Keine Besuche bedeuten auch keinen Beistand durch Angehörige und Freunde. Eventuellen Problemen selber entgegenzutreten ist den alten und kranken Bewohnern häufig gar nicht möglich. Wenn man sich nicht mehr selber helfen kann, ist man ohne Beistand in vielen Fällen verloren. Das erfahren wir alle ja auch im Leben außerhalb eines Altenheimes.

Menschen brauchen einfach Menschen. Es gibt nur noch wenige Heimbewohner, die sich im Heimbeirat aktiv engagieren können. Manch ein Bewohner resigniert auch und lässt sich nicht für den Heimbeirat nominieren, wenn er das Gefühl hat, dass seine Sorgen und Nöte nicht nachhaltig ernst genommen werden. Es gibt Mitarbeiter, die die Arbeit von Ehrenamtlichen und Besuche wertschätzen und als Unterstützung wahrnehmen. Aber es gibt auch ausgelaugte und unzufriedene Mitarbeiter, die im Stress des Berufes untergehen und diese Aktivitäten kaum wahrnehmen. Von den Bewohnern selbst und ihren Angehörigen wird man gerade auch deshalb mit Dankbarkeit belohnt, da Ehrenamtliche Zeit spenden und nicht unter diesem Stress leiden.“

Was sollte man mitbringen als Ehrenamtlicher?

Hubert Segin: „Wenn man sich ehrenamtlich engagieren möchte, ist es wichtig, sich Aktivitäten auszusuchen, an denen man selber Freude hat. Das kann dann in das Umfeld ausstrahlen, und man wird spüren, wie wertvoll diese Arbeit für andere ist. Die Bandbreite ist groß: Vom Musizieren oder Vorlesen über Rikschafahren, Gespräche oder Basteln bis zu individueller Begleitung in Richtung Seelsorge. Schon ein einfacher Spaziergang reicht manchmal, um einen anderen Menschen glücklich zu machen. Man kann auch wunderbar eigene Ideen einbringen. Das alles hat nichts mit Bildung und Ausbildung zu tun. Der innere Kompass sollte sich am Miteinander orientieren. Christlich ausgedrückt wäre das die Nächstenliebe. Letztendlich handelt es sich beim Ehrenamt im Heim immer um Zeitspenden für Menschen in einer Zeit, in der kaum noch jemand Zeit hat.“

Sie bringen den Blick von außen mit: Was muss in der Altenpflege mit Blick auf den Pflegenotstand verbessert werden?

Hubert Segin: „Der Pflegenotstand in Krankenhäusern und Pflegeheimen ist ein großes Thema. Man weiß eigentlich, was zu tun ist. Denn selbst in der Grundversorgung fehlt die Zeit. Wenn man beobachtet, wie etwa auf Schellen nicht angemessen reagiert werden kann, ist das bitter. Geht es doch häufig um die Grundbedürfnisse der Bewohner. Aber es gibt zu wenig individuelle Zeit für die pflegebedürftigen Menschen. Auf der anderen Seite lässt sich vieles im Kleinen verbessern: Freundlichkeit und Respekt auf allen Ebenen auch bei Volllast und Stress sind ein wichtiger Aspekt. Das kostet nichts, hat aber eine enorm positive Wirkung auf das soziale Miteinander. Schwächen, Mängel, Unzulänglichkeiten im täglichen Miteinander sollte man nicht verdecken, sondern offen besprechen. Die Suche nach Lösungen und nicht nach Schuldigen muss im Mittelpunkt stehen. Und dabei sollte man Angehörige, Ehrenamtliche, Besucher und unterstützende Dienste aktiv einbinden.“

Wo sind katholische Einrichtungen Ihrer Meinung nach besonders gefordert?

Hubert Segin: „Ich frage mich manchmal: Gibt es den „Markenkern katholischer Altenheime“ und worin besteht er? Die persönlichen Bindungen der Menschen und somit auch der Mitarbeiter zur Kirche nehmen stetig ab. Die Situation in den Heimen und Krankenhäusern ist ein Abbild der heutigen Gesellschaft. Auf der anderen Seite zeigen mir meine Begegnungen mit den Bewohnern, dass gerade diese (noch) sehr dankbar für religiöse Angebote sind. Morgenlob, Gottesdienst, Besuche, Gespräche über Gott und die Welt, Sterbebegleitung und vieles mehr werden dankbar angenommen.

Dieser Bereich der persönlichen Betreuung ist in Gefahr, in Zukunft ganz wegzubrechen. Ich erfahre bei meinen Gesprächen mit den alten Menschen hautnah, dass Beten nicht sinnlos ist. Gott mischt sich nicht in all die Geschehnisse in der Welt ein. Ein Gebet macht uns nicht gesund. Ich erlebe aber hautnah, wie das Gebet immer wieder hilft, die Last des Lebens im Alltag besser zu tragen und sich begleitet zu wissen von Gottes Hand. Das gibt Kraft und beruhigt auch in den letzten Stunden unseres irdischen Lebens. Wenn ich beobachte, dass Seelsorge wenig Beachtung geschenkt wird, aus welchen Gründen auch immer, macht mich das traurig.“

Sie haben eben den Wunsch zu sterben beschrieben. Was sagen Sie zu den gesetzlichen Plänen in Richtung Sterbehilfe?

Hubert Segin: „Da steht zum Beispiel ein Recht auf assistierten Suizid im Raum. So eine Beihilfe zum Suizid wird es in einem christlichen Altenheim nicht geben. Aber was sind unsere Angebote an todkranke, verzweifelte und sterbende Menschen? Welche christlichen Antworten und praktischen Hilfen bis zum letzten Atemzug können wir geben? Welche Antworten geben wir den Menschen, die selbstbestimmt sterben wollen? Ich erlebe, dass mehr Fürsorge, Begleitung, Zuwendung, Palliativbehandlung, Hospiz­begleitung für viele Menschen eine Hilfe auf ihrem letzten Weg bedeutet. Dieses in Breite verstärkt umzusetzen ist die He­rausforderung in der christlichen Kranken- und Altenpflege. Viele Einrichtungen beweisen, dass das möglich ist.“

Pflegenotstand in Altenheimen

Zur Person

Der Paderborner Hubert Segin war IT- und Qualitäts-­Manager (68) in einem internationalen Unternehmen. In den ersten Jahren seines Ruhestandes engagierte sich der 68-­Jährige in der Flüchtlingshilfe. Seit einigen Jahren ist er als Ehrenamtlicher in einem katholischen Altenheim und Unterstützer des Hospizdienstes „Achtsam­Zeit“.

Eine Vielzahl an Berichten und Informationen zur katholischen Kirche und ihre Entwicklung im Erzbistum Paderborn finden Sie hier.

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