22.10.2022

Raus aus der Wagenburg – 60 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil

Im Oktober 1962 begann in Rom das Zweite Vatikanische Konzil. (KNA)

Im Oktober 1962 begann in Rom das Zweite Vatikanische Konzil. Liberale wie Konservative in der Kirche berufen sich bis heute auf den „Geist des Konzils“. Der Euphorie folgte Aufbruchstimmung, aber auch eine Zeit der Verunsicherung. Und heute? Braucht es ein neues, ein drittes Konzil?

Rom (KNA). „Das Konzil“ ist bis heute Fanal und Formel. Für die einen Sinnbild für eine weltoffene, den Problemen der Zeit zugewandte Kirche; für die anderen Symbol einer kirchlichen Anbiederung an den Zeitgeist und einer freiwilligen Aufgabe von Glaubens­tradition. Dabei wirkt es wie ein Paradox der Kirchengeschichte, dass ausgerechnet mit dem Aufkommen der „Neuen Medien“ die Stimmen der Antimodernisten deutlich lauter geworden sind.

Über Chats, Blogs und einschlägige Internetportale wird die „Konzilskirche“ mit Verbal­attacken in die Defensive getrieben. Die Diskussion über Traditionsbruch oder Kontinuität der dreijährigen Kirchenversammlung (1962–1965) überdeckt inzwischen die Debatte darü­ber, wie weit die Kirche in den vergangenen knapp 60 Jahren überhaupt bei der Umsetzung der Konzilsbeschlüsse gekommen ist.

„Macht die Fenster der Kirche weit auf!“

„Macht die Fenster der Kirche weit auf!“ Das Motto, das Papst Johannes XXIII. (­1958–­1963) laut einer unbestätigten ­Anekdote nach seinem Amtsantritt ausgab, ging als Weckruf durch die katholische Kirche. Zu stark hatte die sich zuvor von einer Welt in Aufruhr abgekoppelt.

Nun forderte der betagte Angelo Giuseppe Roncalli, eigentlich als „Papst des ­Übergangs“ gedacht, die Sensation: ein „­aggiornamento“, eine Wiederannäherung der Kirche an die Erfordernisse der Zeit. Keine Verurteilungen wollte Johannes XXIII., keine neuen Dogmen, sondern ein von der Seelsorge geprägtes Konzil – ­dialogisch, nicht autoritär: eine Denkfabrik für die Fragen der Christen im 20. Jahrhundert.

Auf Augenhöhe

Der prächtige Einzug der rund 2 500 Konzilsväter in den Peters­dom am 11. Oktober 1962 wurde auch zum Triumphzug des 80-­jährigen Papstes, dessen Krebs­erkrankung bereits Schatten warf. Für das letzte Stück dieses Weges verließ er seine Sänfte – Symbol jenes kirchlichen Feudalismus, das sein Nachfolger abschaffte – und ging zu Fuß: auf Augenhöhe mit den Problemen der Welt und der Weltkirche.

Die dreijährige, am Ende unberechenbare Versammlung führte zu tiefgreifenden Veränderungen: etwa zu einer liturgischen Erneuerung mit Zurückdrängung der lateinischen Messe. Und zu einem verstärkten Selbstbewusstsein der Ortsbischöfe gegenüber Rom, aber auch der Laien gegenüber den Bischöfen. Auch eine Bewusstwerdung von Weltkirche und eine ökumenische Öffnung ohne Vorbild gehörten dazu. Wohl niemand konnte ahnen, wie viel theologisches und kirchenpolitisches Ringen und wie viel Wehen des Heiligen Geistes dafür noch notwendig sein würden.

Eine Neuausrichtung solchen Ausmaßes ging aber keineswegs ohne Widerstände ab. Alsbald entspann sich ein heftiges Ringen zwischen „Bewahrern“ und „Progressiven“, unter denen sich vor allem die Nordeuropäer hervortaten. Dass die Reformbestrebungen nicht vornehmlich von einer kirchenpolitischen „Linken“ vorangetrieben wurden, sondern tatsächlich aus dem „Mainstream“ der Konzils­mehrheit entsprangen, belegt nicht zuletzt der Bauernsohn Johannes XXIII. selbst, dessen theologisch tief konservative Gesinnung niemand ernsthaft in Zweifel ziehen kann.

Fragen der Menschen in der Moderne

Aus der Wagenburg, in die sich Kirche und Päpste seit der Französischen Revolution in einseitigen Verurteilungen vor der Welt draußen verschanzt hatten, fanden die Konzilsväter durch Tausende Seiten Akten, Entwürfe und Änderungsanträge tastend den Weg zurück zu den Fragen der Menschen in der Moderne.

Das Konzil brachte „Stars“ der Theologie des 20. Jahrhunderts hervor: Schillebeeckx, Küng, König, Bea, Congar, Rahner, Ratzinger. Die „Bewahrer“ wurden dagegen zu Buhmännern abgestempelt, etwa Kardinalstaatssekretär Alfredo Ottaviani. „Die Deutschen“, die auf dem Konzil zu den Zugpferden der Reform gehörten, bekamen allerdings zunehmend Bedenken, vor den Karren der kirchlichen Linken gespannt zu werden – zumal aus der Heimat bereits immer weitergehende Reformwünsche geäußert wurden.

Dokumentenflut

Die teils scharfen Auseinandersetzungen der beiden Pole hielten bis zum letzten Tag des Konzils an. Und sie setzen sich bis heute in Pfarreien und Pfarr­säle hinein fort. Beide Strömungen berufen sich auf den „Geist des Konzils“ – eine Folge auch der Not der Konzilsväter, angesichts der Flut der abzuarbeitenden Dokumente große Kompromisse selbst bei zentralen ­Formulierungen schließen zu müssen.

Der Euphorie des Konzils folgte ein Aufbruch, aber auch eine Zeit der Verunsicherung. Oft übers Ziel hinaus schießende Experimentierfreude im Gottesdienst und ein regelrechter Bildersturm gegen Kircheneinrichtungen und liturgische Kunstschätze trieben viele Katholiken in die Arme von Traditionalisten; etwa der „Priesterbruderschaft ­Pius X.“, die zentrale Konzilsbeschlüsse ablehnte und letztlich den Weg ins Schisma wählte. Die für viele traumatische „Revolution der 1968er“ bekräftigte sie in der Meinung, die Kirche habe sich zu sehr dem Zeitgeist angedient.

Eine These übrigens, die viele Kommentatoren auch als Interpretationsmuster für das Entgegenkommen des emeritierten Papstes Benedikt XVI. (95) an die Piusbrüder bemühen. Der junge, aufbruchbereite Konzilstheologe Ratzinger habe, verschreckt von den Auswüchsen der neuen kirchlichen Freiheit und den Studentenrevolten, später der „Welt“ den Rücken gekehrt und sich der Verteidigung der Tradition zugewandt. Wohlmeinendere betonen, Benedikt XVI. stehe fest zum Konzil, das er selbst mitgeprägt habe; allerdings stehe er nicht immer zu der liberalen Konzils­interpretation in der westlichen Welt.

Forderung nach einem neuen Konzil

Angesichts mannigfacher Pro­bleme fordern heute viele, vor allem reformorientierte Katholiken schon ein neues Konzil. Papst Franziskus hat im Oktober 2021 einen weltweiten synodalen Weg für die mehr als 100 katholischen Bischofskonferenzen der Weltkirche initiiert. Über dessen Konsequenzen soll als Finale eine römische Bischofs­synode im Oktober 2023 beraten.

Die Geisteshaltung, die hinter diesem Projekt steht – eine zeitgemäße Ausrichtung und Verkündigung zu entwickeln –, ist der Motivation von Johannes XXIII. Anfang der Sechzigerjahre nicht unähnlich. Allerdings fehlt es einem solchen dia­logisch ausgerichteten Prozess womöglich an kirchenrechtlicher Autorität, um eine ähnlich breite Wirkung erzielen zu können wie ein Konzil.

Weitere Informationen zur katholischen Kirche und ihre Entwicklung finden Sie hier.

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