Vorbereiten ja, entscheiden nein – Interview mit Prof. Rüdiger Althaus

Mit der Annahme des Rücktritts ist nun die Sedisvakanz eingetreten. Was das genau bedeutet und wie es jetzt weitergeht, haben wir Prof. Rüdiger Althaus gefragt.

Prof. Rüdiger Althaus
Prof. Rüdiger Althaus (Foto: Patrick Kleibold)
veröffentlicht am 05.10.2022
Lesezeit: ungefähr 5 Minuten

Mit der Annahme des Rücktritts ist nun die Sedisvakanz eingetreten. Was das genau bedeutet und wie es jetzt weitergeht, haben wir Prof. Rüdiger Althaus gefragt. Er lehrt Kirchenrecht an der Theologischen Fakultät, ist Vizeoffizial und zugleich Mitglied des Paderborner Domkapitels. Das Interview führten C. Auffenberg, P. Kleibold und M. Schmid.

Herr Prof. Althaus, der Rücktritt des Erzbischofs ist angenommen und die Sedisvakanz damit eingetreten. Was bedeutet das genau?

Prof. Rüdiger Althaus: „Wörtlich: Der Erzbischöfliche Stuhl ist nicht besetzt. Es gibt also niemanden, der derzeit Erzbischof von Paderborn ist. Es gilt der Grundsatz: Während einer Vakanz darf nichts verändert werden. Es dürfen also keine Entscheidungen getroffen werden, die den künftigen Diözesanbischof langfristig binden. Der „Diözesanadministrator“ führt fort, was bislang angestoßen ist. Er könnte allerdings Entscheidungen vorbereiten, damit der neue Bischof nicht bei null anfangen muss.“

Können denn auf Gemeinde­ebene Personalentscheidungen getroffen werden?

Prof. Rüdiger Althaus: „Normale Versetzungen sind möglich, aber es kann kein Pfarrer ernannt werden. Das wird aber dadurch überbrückt, dass zunächst ein Pfarr­administrator ernannt wird, der später Pfarrer wird.“

Wer wird denn in Paderborn nun den neuen Bischof wählen? 

Prof. Rüdiger Althaus: „Nach dem Preußenkonkordat, das bei uns gilt, ist das Sache des Domkapitels: zehn residierende Domkapitulare und vier nicht residierende.“

Das Domkapitel hatte doch die Idee, Gläubige in gleicher Anzahl einzubeziehen.

Prof. Rüdiger Althaus: „Richtig, das geht auf den Syno­dalen Weg zurück. Dazu muss Rom das Päpstliche Geheimnis auf diese ausweiten. Paderborn muss dazu einen formalen Antrag stellen, doch wird wohl die Bischofskonferenz dieses Anliegen unterstützen, weil es um ein Anliegen der Kirche in Deutschland insgesamt geht.“

Sie gehören auf jeden Fall zu denen, die wählen. Was geht Ihnen durch den Kopf?

Prof. Rüdiger Althaus: „Schon bei der Auswahl von Kandidaten sind immer zwei Komponenten zu berücksichtigen: Zum einen: Wo steht die Diözese, was tut ihr gut? Zum anderen: Was bringen die, die einem in den Sinn kommen, an eigenem Profil mit? Sicher muss es ein guter Theologe sein. Er sollte rudimentär Kenntnis von Interna der Verwaltung haben. Er muss teamfähig sein, moderieren und gut zuhören können und nicht zuletzt eine bodenständige Frömmigkeit haben! Da fallen einem viele Kriterien ein. Das muss keiner unserer Weihbischöfe oder jemand aus dem Domkapitel sein, nicht einmal aus dem Erzbistum. Man kann also den Blick weiter schweifen lassen!“

Angesichts der Missbrauchsgutachten, die derzeit in vielen Diözesen erarbeitet werden: Prüfen Sie auch, ob ein Schatten über möglichen Kandidaten liegen könnte? 

Prof. Rüdiger Althaus: „Das geht heute nicht anders. Wer immer nach Kandidaten sucht, muss darauf schauen, welche Aufgaben jemand bisher hatte, und was in seinem Verantwortungsbereich genau passiert ist. Auch ist von Bedeutung, ob er sich in der Vergangenheit konsequent bemüht hat, „Altfälle“ aufzuarbeiten.“

Richtige Kandidaten in dem Sinne, dass jemand offen sagt, er wolle Erzbischof werden, gibt es ja nicht. 

Prof. Rüdiger Althaus: „Wenn sich heute jemand danach sehnt, Bischof zu werden, sollte man vorsichtig sein. Denn der hat womöglich ein falsches Amtsverständnis. Bischof sein heißt nicht Macht und Herrschaft, sondern Dienst. Das hat ja der Syno­dale Weg wieder ins Bewusstsein gerufen. Bischofsein ist heute im wahrsten Sinne des Wortes ein ‚Geknechte‘.“

Wie lange wird das ganze Verfahren dauern?

Prof. Rüdiger Althaus: „Erfahrungsgemäß dauert das etwa ein Jahr.“

In der Politik sind solche Fristen undenkbar. Warum dauert das in der Kirche so lange?

Prof. Rüdiger Althaus: „Der Heilige Stuhl sagt, in Deutschland sei das Verfahren so kompliziert. Weltweit wird oft der Rücktritt eines Bischofs angenommen und sofort der Nachfolger ernannt.“

Vakant – Papts Franziskus hat den Rücktritt von Erzbischof Hans-Josef Becker angenommen. (Foto: Patrick Kleibold)

Was passiert, wenn während der Vakanz in Paderborn auch der Heilige Stuhl vakant werden sollte?

Prof. Rüdiger Althaus: „Das würde das Verfahren vielleicht um wenige Wochen verzögern, denn vieles kann weiterlaufen. Und einen neuen Papst gibt es sicher schneller als einen neuen Erzbischof.“

Spielt in dem Verfahren der alte Erzbischof eine Rolle?

Prof. Rüdiger Althaus: „Nein.“

Könnte der neue Erzbischof all das, was in der Amtszeit von Erzbischof Becker auf den Weg gebracht worden ist, also Zukunftsbild, diözesaner Zukunftsweg 2030+, einfach so beenden?

Prof. Rüdiger Althaus: „Theoretisch denkbar wäre das, aber er müsste wirklich plausible Gründe haben: A) Was ist schlecht an den bisherigen Planungen? Und B): Er sollte eine gute Alternative bieten.“

Welche neuen Themen sollte ein neuer Bischof angehen?

Prof. Rüdiger Althaus: „Ob es neue Themen sind, weiß ich gar nicht. Vielleicht geht es eher ums gute Fortführen. Sicher muss ihm ein Herzensanliegen sein, dass Gemeinden in den pastoralen Verbünden zu lebendigen Zellen von Kirche in ihren Grundvollzügen gestaltet und nachhaltig mit Leben gefüllt werden können, sodass sie Strahlkraft besitzen! Kommt der neue Bischof von außen, wird er sicher eigene Erfahrungen mitbringen – die können bereichern!“

Sprechen Sie sich für einen Bischof von außen aus?

Prof. Rüdiger Althaus: „Ich kann es mir jedenfalls vorstellen. Wir hatten das in Paderborn seit über 150 Jahren nicht; in Köln war es häufig. Ein Bischof von außen müsste sich natürlich länger einarbeiten. Aber das würde zu einem gesunden Nachdenken führen, denn die Paderborner müssten überlegen: Wie erklären wir dem neuen Bischof das, was bislang für uns völlig selbstverständlich war?“

Wie auch immer: Auf Ihnen lastet derzeit eine große Verantwortung für das Erzbistum und auch für einen Menschen. Können Sie noch schlafen?

Prof. Rüdiger Althaus: „Noch ja. Das dürfte anders werden, wenn es auf die Wahl zugeht. Gott sei Dank bin ich dann nicht allein.“

Weitere Informationen zum Rücktritt von Erzbischof Hans-Josef Becker finden Sie in der aktuellen DOM-Ausgabe hier.

Weitere Informationen finden Sie anbei

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