„Angelus Novus“: Was mag dieser Engel sehen?

Das Fest der Erzengel am 29. September und der Gedenktag der Schutzengel am 2. ­Oktober erinnern daran, dass Engel nach der jüdisch-­christlichen Glaubenstradition mit den entscheidenden Ereignissen der Heilsgeschichte verbunden sind.

Angelus Novus
veröffentlicht am 02.10.2022
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Das Fest der Erzengel am 29. September und der Gedenktag der Schutzengel am 2. ­Oktober erinnern daran, dass Engel nach der jüdisch-­christlichen Glaubenstradition mit den entscheidenden Ereignissen der Heilsgeschichte verbunden sind.

Im Alten Testament bringen sie dem Volk Israel Botschaften von Gott, im Neuen Testament kündigt Gabriel der Jungfrau Maria die Geburt eines Sohnes an (Lk 1,26–38) und als Jesus geboren wird, verkünden Engel den Frieden auf Erden (­Lk ­2,8–14). Als die Frauen zu seinem Grab kommen, eröffnet ihnen ein Engel: „Er ist auferstanden.“ (Mt 28,6) Auch Paulus und die Apostelgeschichte sprechen von Engelerscheinungen und die Offenbarung des Johannes beschreibt das Ende der Welt als katastrophisches Geschehen, das sieben Engel aus den Schalen des Zorns über die Erde gießen, aber dann zeigt einer von ihnen dem Seher die himmlische Stadt Jerusalem (Off 21,9 ff.). 

Die Rede von Engeln wird in der Geschichte des Christentums begleitet von einer Vielzahl von Engelsmotiven in der Ikonografie, in der bildenden und der plastischen Kunst, in der Literatur bis hin zum Film in der Moderne. In der säkularisierten Gegenwart taucht das Motiv des Engels in der Popmusik, in der Werbung und in der Literatur überraschend häufig auf. Unter den zahllosen oberflächlichen Rezeptionen ragen einige mit theologischem Tiefgang hervor; eine ist der „Angelus Novus“ von Paul Klee und dessen Deutung durch Walter Benjamin. 

Ein merkwürdig tiefgründiges Bild 

Angelus Novus

Der Schweizer Maler Paul Klee (1879–1940) hat dem Motiv des Engels viele Zeichnungen und Aquarelle gewidmet: in der Mehrzahl sparsam ausgeführte Zeichnungen, die mit wenigen Strichen die Konturen eines Engels andeuten und diese manchmal komisch verzerren. Ein Bild trägt den Titel „Angelus Novus“; es ist 1920 entstanden und wurde 1921 von dem jüdischen Philosophen Walter Benjamin (1892–1940) erworben, der sich von ihm zu einigen seiner berühmtesten Texte anregen ließ. In seinen „Geschichtsphilosophischen Thesen“ findet sich diese Beschreibung: 

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen, und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet.“

Was sieht dieser Engel, wenn er auf die Vergangenheit blickt? Benjamin hält es für einen großen Irrtum der Philosophie seiner Zeit, die Geschichte als eine lineare Bewegung des Fortschritts zu sehen, die kontinuierlich einer besseren Zukunft entgegengeht. Einem solch naiven Fortschrittsglauben hält er entgegen, was der Engel mit seinen weit aufgerissenen Augen sieht: „Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen.“

Der Engel will das Zerstörte heilen

Dieser Gedanke, dass der Engel die Toten weckt und das Zerschlagene wieder zusammenfügt, stammt aus der mystischen Tradition des Judentums, der Kabbala. Ihr zufolge ist die ursprüngliche Einheit allen Seins zerbrochen, und die Rettung kommt erst von „der messianischen Wiederherstellung und Ausbesserung, die das […] zerschlagene und korrumpierte Sein der Dinge und auch der Geschichte zusammenflickt und wiederherstellt“, wie Gershom Scholem in seinem Kommentar feststellt. Der Engel will das Zerstörte heilen – „Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Wenn der Engel die Trümmerlandschaft der Geschichte nicht heilen kann, woher kommt dann die Rettung? Nicht von Menschen, die nur fortfahren, Trümmer zu produzieren. Benjamin erinnert an das jüdische Verständnis der Zeit: „Bekanntlich war es den Juden untersagt, der Zukunft nachzuforschen. Die Thora und das Gebet unterweisen sie dagegen im Eingedenken. Dieses entzauberte ihnen die Zukunft … Den Juden wurde die Zukunft aber darum doch nicht zur homogenen und leeren Zeit. Denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte.“

Die Banalisierung der Engel in der Popkultur unserer Zeit verstellt immer mehr den Blick auf ihre biblische Gestalt. Benjamins Deutung des „Angelus Novus“ wischt allen Kitsch beiseite und legt die Frage nach den Gottesboten wieder frei. 

Josef Meyer zu Schlochtern

[Die Zitate stammen aus: Walter Benjamin, Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze, Frankfurt am Main 1965, 78–94, sowie aus Gershom Scholem, Walter Benjamin und sein Engel, in: S. Unseld (Hrsg.), Zur Aktualität Walter Benjamins, Frankfurt am Main, 1972, 87–138]

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