Wozu sind Sie da, Marianna Rustemeier?

Marianna Rustemeier (51) hat als Grundschullehrerin in Münster gearbeitet. Ein schwere Krebserkrankung hat ihr Leben grundlegend verändert.

Marianna Rustemeier
Marianna Rustemeier
veröffentlicht am 30.09.2022
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

In der Zeit, die mir noch bleibt, möchte ich Zeugnis geben von meiner Krankheit, für meine Mitmenschen im Altenpflegeheim da sein und Menschen mit Erkrankungen und Schicksalsschlägen durch meinen Umgang mit meinem Schicksal Mut zusprechen.

Es ist nicht lange her, da habe ich als Grundschullehrerin gearbeitet. Aufgrund einer Krebs­erkrankung im Hüftbereich hat sich mein Leben grundlegend verändert. Seit Oktober 2021 lebe ich nun im Altenpflegeheim Füllenhof in Schwaney. Wegen der Krebsdiagnose und einer Vielzahl an Operationen, Komplikationen und monatelangen Krankenhausaufenthalten musste ich lernen, dass die Frage nach dem „Warum?“ mir nicht weiterhilft. Da hat mir mein Glaube sehr geholfen. Ich stand oft zwischen Leben und Tod. Und auch jetzt, wo bei mir nicht behandelbare Metastasen in der Lunge diagnostiziert wurden, versuche ich, mir diese Frage nicht zu stellen. Ich weiß, Jesus möchte nicht, dass ich mir diese Frage stelle. Und wozu ich diese Krankheit habe, das muss ich nicht fragen, das kann ich sehen: Meine Familie ist enger zusammengerückt, die Krankheit hat uns zusammengeschweißt.

Vor meiner Erkrankung wohnte ich im Münsterland. Da war es nicht möglich, meine Familie so häufig zu sehen wie jetzt. Wir haben nun eine ganz tiefe Beziehung. Es hat Versöhnung stattgefunden und wir sind lieb miteinander. Für mich ist das etwas Wunderbares.

Marianna Rustemeier: „Herr, ich vertraue auf dich!“

Aber ich weiß auch, dass es viele Menschen gibt, denen es anders ergeht. Mit ihnen möchte ich teilen, was mich so lange über Wasser gehalten hat und hält. Vor meiner ersten Operation sagte mir der Chirurg, dass er mir eventuell ein Bein oder sogar beide abnehmen müsse. Trotz meiner Angst bin ich irgendwie ruhig geblieben. Ich habe versucht, nicht auf die Angst zu schauen. Und ich habe gebetet und gesagt: „Herr, ich vertraue auf dich! Entweder das geht gut oder wir sehen uns bald in der Ewigkeit“. Doch ich bin noch da. Mich immer wieder in das Vertrauen auf Jesus einzuüben ist mir seitdem noch wichtiger. Und so weiß ich, Gott ist da, er lässt mich nicht im Stich, mit ihm wird alles gut. Mit dieser Gewissheit hat mich der Gedanke an den Tod nie heruntergezogen. Durch meinen Glauben trage ich eine Freude im Herzen, durch die ich voll Zuversicht und Hoffnung nach vorne blicken kann.

„Trotz meiner Krankheit bin ich froh, hier zu sein.“

Und da ich pflegerisch so gut versorgt bin und menschlich wunderbar begleitet werde, habe ich den Blick frei für die Menschen um mich herum. Mit Blick auf die Bewohner, die ihr Bett nicht mehr verlassen können oder an Demenz erkrankt sind, habe ich mich gefragt: Was würde mir Freude machen, wenn ich im Bett läge und nur wenig Besuch bekäme? Die Antwort darauf war einfach: Zeit schenken. Und davon habe ich genug. Mit Erlaubnis der Pflegekräfte besuche ich jetzt die Bewohner regelmäßig in ihren Zimmern. Ich lese ihnen vor, ich helfe ihnen beim Essen und Trinken, ich bete mit ihnen und wenn sie es möchten, zeichne ich ihnen das Kreuz auf die Stirn und segne sie. Und mir bereitet es Freude, mit ihnen zu singen oder für sie zu musizieren. Trotz meiner Krankheit bin ich froh, hier zu sein. Meine Aufgabe hier gibt mir sehr viel Sinn und neuen Lebensmut.

Marianna Rustemeier

Zur Person

Marianna Rustemeier (51), gebürtig aus Neuenheerse, hat als Grundschullehrerin in Münster gearbeitet. Ihr Referendariat hat sie an einer Schule in Aachen und ihr Lehramtsstudium mit Schwerpunkt Musik an der Universität Paderborn absolviert.

Aufgezeichnet und fotografiert von Patrick Kleibold

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