Jenseits oder diesseits?

Sind die Worte Jesu im heutigen Evangelium eine reine „Jenseitsvertröstung“ oder haben sie auch diesseits eine Bedeutung? Dieser Frage geht Lukas Rebbe nach.

Die Beichte beinhaltet zwei Aspekte, die Lukas Rebbe auch im heutigen Evangelium findet. Nämlich Selbstreflexion und einen Bezug vom Diesseits zum Jenseits. Das Bild zeigt eine Pilgerin beim Weltjugendtag 2016, die hoffentlich eine heilsame Erfahrung gemacht hat. Foto: Cristian Gennari/Agenzia Romano Siciliani/KNA
Die Beichte beinhaltet zwei Aspekte, die Lukas Rebbe auch im heutigen Evangelium findet. Nämlich Selbstreflexion und einen Bezug vom Diesseits zum Jenseits. Das Bild zeigt eine Pilgerin beim Weltjugendtag 2016, die hoffentlich eine heilsame Erfahrung gemacht hat. Foto: Cristian Gennari/Agenzia Romano Siciliani/KNA
veröffentlicht am 28.08.2022
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Eine Einladung an Jesus zu einem Festmahl am Sabbat wird nicht so locker und leicht, wie sich der Gastgeber es gedacht haben könnte. Jesus beobachtet und kritisiert sowohl das Verhalten der Gastgeber als das der Gäste. Es ist ein Aufruf zur Selbstreflexion.

Von Lukas Rebbe

Die Situation, die im Evangelium des heutigen Sonntags geschildert wird, war sowohl den damaligen Zuhörern als auch uns, die es heute hören und lesen, bekannt. Das beschriebene Fest am Sabbat kann relativ gut mit einer heutigen Feierlichkeit im Rahmen einer Hochzeit verglichen werden. Jesus beobachtet, dass sich die Gäste die besten Plätze selbst aussuchen. Jesus unterstellt jedoch dem Gastgeber, dass dieser sich bereits Gedanken um die Sitzordnung gemacht hat. Ähnlich ist es heute bei Feiern mit vielen Personen, die sich nicht kennen, dass eine Sitzordnung bekannt gegeben wird.

„Wer sich erhöht, wird erniedrigt …“ (Lk 14,11)

Die Kritik am Verhalten der Gäste macht Jesus in einem Gleichnis deutlich: Wer sich auf die besten Plätze setzt, könnte möglicherweise auf einen der Plätze, die weit vom Gastgeber entfernt sind, gesetzt werden. Wer sich von vornherein weiter weg setzt, hat die Chance, näher zum Gastgeber gerufen zu werden. Dieser Teil des Gleichnisses endet mit der sehr bekannten Aussage: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (V. 11) Es folgt ein Appell an den Gastgeber, nicht nur Freunde einzuladen, von denen er wieder eingeladen wird, sondern auch Arme einzuladen, die ihn nicht einladen können. Der Gastgeber solle nicht auf eine Vergeltung in diesem Leben aus sein, sondern auf eine bei der Auferstehung.

Nur eine „Jenseitsvertröstung“?

Beide Teile des heutigen Evangeliums können problemlos als eine reine Jenseitsvertröstung (siehe Infokasten) verstanden werden, nach dem Motto: „Mache dich in dieser Welt klein und sei nicht auf deinen Vorteil aus, dann geht es dir im ewigen Leben besser.“ Aber ist dies wirklich die (einzige) Botschaft des Textes?

Am zwischenmenschlichen Verhalten hat sich in den letzten 2.000 Jahren auf den ersten Blick scheinbar wenig verändert. Die Gäste auf einer Feier wollen die besten Plätze und der Gastgeber erwartet für den Aufwand, den er betrieben hat, eine Gegenleistung. Wenn der Autor des Evangeliums die Situation so beschreibt, wird sie vielen seiner Zeitgenossen bekannt sein und leider beobachte ich diese und ähnliche Phänomene auch heute.

Es geht um Selbstreflexion

Jesus stellt dieses Verhalten infrage und möchte, dass die Gäste darüber nachdenken. Dabei geht es um eine Reflexion über mein Verhalten und meine Stellung in der Gesellschaft, was eng mit der eigenen Wahrnehmung des anderen zusammenhängt. Jesus regt dazu an, sich selbst zurückzunehmen und auch die zu beachten, die gerade nicht sichtbar sind. Mit seinem Appell an den Gastgeber stellt er die ausgegrenzten Personen in den Mittelpunkt, die gerade gar nicht anwesend sind. Ihnen zu helfen, ist um ein Vielfaches wichtiger, als über den passenden Platz bei einem Festmahl zu streiten.

Selbstverständlich geht es bei der Rede auch um das Reich Gottes, an das wir als Christen glauben, aber das Reich Gottes beginnt nicht erst mit dem Tod, sondern ist bereits gegenwärtig. Mit dem Verhalten, wie Jesus es sich wünscht, ist es möglich, die gesamtgesellschaftliche Situation zu verbessern und auf diese Weise noch mehr Menschen die Liebe Gottes spüren zu lassen. Davon dürften alle mehr haben, als nur auf eine bessere Zeit zu verweisen.

Info

Jenseitsvertröstung
Mit der Botschaft Jesu vom Reich Gottes geht der eschatologische Vorbehalt einher, was bedeutet, dass es bereits begonnen hat, aber noch nicht vollendet ist. Die Jenseitsvertröstung ist eine Lesart der Lehre vom vollendeten Reich Gottes. Sie wurde aufgrund der gesellschaftlichen Situation besonders stark im Mittelalter vertreten, was in der beginnenden Neuzeit zu starker Kritik, u. a. von Karl Marx, führte. 
Der Vorwurf, dass das Christentum bzw. die Kirche zu einer reinen Jenseitsvertröstung verkommen sei, steht bis heute im Raum. Angesichts des Aufrufs zur Nächstenliebe und der praktischen Umsetzung muss dem jedoch widersprochen werden.

Lukas Rebbe fotografiert von Claudia Auffenberg

Lukas Rebbe, Magister theologiae, Studium an der Theologischen ­Fakultät Paderborn, verheiratet und Vater eines ­Sohnes.

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