„Glaube aber ist …“

Jessica Bohn setzt sich mit den Bibeltexten des heutigen Sonntags auseinander. Sie fragt unter anderem: Was zeichnet ein waches christliches (Glaubens-)Leben aus?

Glaube, Liebe, Hoffnung: ein Bild von Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872), einem der bekanntesten Maler der Nazarener. Foto: wikicommons
veröffentlicht am 07.08.2022
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Zu Beginn der heutigen Lesung aus dem Hebräerbrief findet sich ein bemerkenswerter Satz, über den man lange nachdenken kann: „Glaube aber ist: Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht.“ (Hebr 11,1)

Von Jessica Bohn

Der Glaube wird in diesen Versen als etwas Greifbares und Sichtbares beschrieben. Unser Glaube, so wird deutlich, ist kein unsichtbares und undefiniertes Gefühl, er ist vielmehr die Grundlage unseres Lebens und Hoffens und er äußert sich im Sichtbar-werden von Tatsachen, die in der Liebe Gottes zu uns ihre Wurzel haben und die das Leben von uns und anderen prägen und verwandeln können. Im Hebräerbrief folgt auf den eingangs genannten Satz eine lange Liste (bis Hebr 11,40) unserer Vorfahren im Glauben, die durch ihren Glauben und ihr Leben Zeugnis von Gott gegeben haben. Durch ihr Leben und ihre Taten wurde sichtbar, was sie glaubten.

Das heutige Evangelium ruft uns dazu auf, wach und wachsam zu leben. Wir sollen jederzeit, nicht erst morgen oder irgendwann, sondern jetzt und zu jeder Stunde so leben und handeln, wie Jesus es uns als seinen Jüngerinnen und Jüngern aufgetragen hat. Was kann das genau heißen, wach und wachsam zu leben? Was zeichnet ein waches christliches (Glaubens-)Leben aus und wie können wir unseren Glauben, die Grundlage unserer Hoffnung, sichtbar werden lassen?

Papst Franziskus hat in einer Predigt aus dem Jahr 2018 drei grundlegende Schritte für den Weg des Glaubens benannt. Diese Schritte sind gute Wegweiser dafür, wie ein wacher, sichtbarer Glaube aussehen kann:

Hören lernen

Franziskus benennt als ersten Schritt, dass wir lernen müssen zuzuhören, bevor wir sprechen. Wenn wir nicht hören, was die Menschen sagen, wissen wir nicht, was sie brauchen und was sie beschäftigt. Gemeint ist dabei jedoch kein flüchtiges, erzwungenes Zuhören, sondern ein Zuhören mit Liebe, Geduld und echtem Interesse.

Sich zum Nächsten für andere machen

Als zweiter Schritt ist es für jeden Christen wichtig, sich zum Nächsten zu machen. Das bedeutet, dass der Glaube im Leben stattfinden muss. Im Kern ist der Glaube sogar selbst Leben, weil er darin besteht, „die Liebe Gottes zu leben, die unser Leben verändert hat“. Die Konsequenz daraus ist neben der Nähe zu Gott auch die Nähe zu den Menschen. Gott selber hat sich zum Nächsten von einem jeden von uns gemacht. Es ist unser Auftrag, uns zum Nächsten zu machen und das neue Leben und die Liebe Gottes zu den Menschen zu tragen. Wir sind nicht „Lehrer aller“ oder „Experten für das Heilige, sondern Zeugen der Liebe, die rettet“, wie es Papst Franziskus formuliert hat.

Zeugnis geben

Daraus ergibt sich der dritte Schritt: Wir sollen Zeugnis geben. Franziskus bezeichnet es als unchristlich, wenn wir darauf warten, dass suchende Brüder und Schwestern an unsere Türen klopfen. Wir sind gesandt, Jesus zu bringen. Da­rauf müssen wir achten, dass wir hinausgehen und ihn und seine Botschaft bringen, nicht unsere eigenen Ideen.

Im Hebräerbrief wird zu Beginn des 12. Kapitels die Liste der Zeugen als „Wolke von Zeugen“ (Hebr 12,1) bezeichnet, die uns umgibt. Das ist eine schöne, beruhigende und ermutigende Vorstellung, dass auch wir in unserem Auftrag sichtbar den Glauben zu leben, von einer Wolke von Zeugen umgeben, inspiriert und gestärkt werden. Auch wir können als Zeugen die Menschen stärken und begeistern. Davon ist auch Papst Franziskus überzeugt, wie der Schluss seiner Predigt erkennen lässt: „Jesus kommt durch die Begegnung und in der Begegnung schlägt das Herz der Kirche. Also werden nicht unsere Predigten, sondern das Zeugnis unseres Lebens wirksam sein.“

Info

Glaube, Liebe, Hoffnung
Der Glaube wird neben der Liebe und der Hoffnung zu den göttlichen Tugenden gezählt. Sie sind übernatürlich und nach christlichem Verständnis ist es Gott, der sie ermöglicht.
Auf Papst Gregor den Großen (540–604) geht der traditionelle Kanon der sieben Tugenden zurück. In diesem Kanon rechnete er den drei göttlichen Tugenden Glaube (fides), Liebe (caritas) und Hoffnung (spes) die antiken platonischen Kardinaltugenden Klugheit (prudentia), Gerechtigkeit (iustitia), Tapferkeit (fortitudo) und Mäßigung (temperantia) hinzu. Diese sieben Tugenden sind nicht, wie zum Beispiel die Zehn Gebote, konkrete Handlungsvorschriften, sondern vielmehr Einstellungen und innere Haltungen, die unser Leben und unser konkretes christliches Handeln beeinflussen sollten.

Die Autorin

Jessica Bohn, Dipl.-Theologin, Studium der Theologie und Lehramtsstudium in Paderborn, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neues Testament an der Theologischen Fakultät Paderborn (derzeit in Elternzeit), verheiratet, 4 Kinder

Lesen Sie auch: So geht heilig – ein Editorial von Claudia Auffenberg

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