Erstkommunionaktion 2022 – Kindern eine neue Heimat geben

Das St.-Josef-­Haus in Berlin-­Neukölln bietet eine neue Heimat für circa 30 Kinder und Jugendliche. Unterstützt wird die im Jahr 1905 gegründete Einrichtung der Caritas unter anderem durch die Erstkommunionaktion 2022 des Bonifatiuswerkes, die unter dem Leitwort „Bei mir bist du groß!“ steht.

Assanat ist 8 Jahre alt und kam als unbegleitetes minderjähriges Flüchtlingskind aus Afghanistan. (Foto: Markus Nowak)
Assanat ist 8 Jahre alt und kam als unbegleitetes minderjähriges Flüchtlingskind aus Afghanistan. (Foto: Markus Nowak)
veröffentlicht am 22.04.2022
Lesezeit: ungefähr 6 Minuten

Das St.-Josef-­Haus in Berlin-­Neukölln bietet eine neue Heimat für circa 30 Kinder und Jugendliche. Unterstützt wird die im Jahr 1905 gegründete Einrichtung der Caritas unter anderem durch die Erstkommunionaktion 2022 des Bonifatiuswerkes, die unter dem Leitwort „Bei mir bist du groß!“ steht.

„Nae ileum-eun Kimi. Das ist Koreanisch für ‚Mein Name ist Kimi“, sagt die 15-­Jährige, während sie sich den langgewachsenen Pony mit der Hand aus dem Gesicht wischt. Mit ihren pinken Strähnen im blonden Haar könnte sie von einem der Poster, die in ihrem Zimmer hängen, entsprungen sein. Auf ihnen ist die koreanische Boyband „BTS“ zu sehen. „Mir hilft ihre Musik beim Abschalten. Dann bin ich in meiner eigenen Welt“, schwärmt Kimi und so wie sie denken sicher viele andere in ihrem Alter, denn „BTS“ ist eine der am meisten angesagtesten Musikgruppen unter Teen­agern. Wenn Kimi zu den Beats der Boyband tanzt, dann kann sie ihren Stress abbauen. Seit sie ein Baby war, hatte sie keinen Kontakt mehr zum Vater. Auch die Bindung zur Mutter ist gerissen. „Sie hat sich nie wirklich um mich gekümmert“, sagt sie.

Seit sieben Jahren Heimkind

Kimi ist eine von 30 Bewohnerinnen und Bewohnern des Kinder- und Jugendhauses St. Josef in Berlin-­Neukölln. Und wer die Internetseite der Caritas-­Einrichtung besucht, sieht das heran­wachsende Mädchen auf vielen Bildern lächeln. Seit sieben Jahren ist sie „Heimkind“, wie sie sagt und mag es nicht, wenn ihr andere mit Stereo­typen über Kinderheime begegnen. „Sie fragen dann, ob wir Fernsehgucken dürfen oder raus dürfen.“ Dann entgegnet sie, es fühle sich an, wie in einer großen Familie zu wohnen.

Paris, London und Wilhelmshaven heißen die Wohngruppen für Kinder vom Schul- bis ins Jugendalter. Das Wort Kinderheim werde heute kaum gebraucht, wie Einrichtungsleiterin Monika Kießig sagt. „Wobei ich es gerne benutze, weil es davon kommt, Kindern eine Heimat zu geben. Das ist das, was wir machen“ – und zwar schon seit 1905, als die Karmelitinnen vom göttlichen Herzen Jesu das Kinderheim inmitten des heute bunten Kiezes gründeten.

Erstkommunionaktion 2022 – Bonifatiuswerk unterstützt das St. Josef-Haus

Für Unterstützung ist das ­St.-Josef-Haus dankbar. Das weiß auch das Bonifatiuswerk, das mit seiner diesjährigen Erstkommunionaktion das Haus fördert. „Diese Einrichtung zeigt auf beeindruckende Weise, was es heißt, sich füreinander einzusetzen. Passend zum Leitwort unserer Erstkommunionaktion 2022 ‚Bei mir bist du groß!‘ erfahren die Kinder und Jugendlichen in der Haltung der christlichen Nächstenliebe Hilfe und Unterstützung, die sie brauchen – denn jeder Mensch zählt“, würdigt der General­sekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen, die Arbeit vor Ort.

„Wir sind das Zuhause der Kinder, denn ihre Eltern sind nicht in der Lage, ihnen ein gutes Zuhause zu bilden“, sagt Sozialpädagogin Kießig und präzisiert: „Ein zweites Zuhause, das wir versuchen, familienanalog für sie zu gestalten.“ Die Kinder suchten sich Einrichtungen wie St. Josef selten selbst aus. In der Regel seien es die Jugendämter, die feststellen, dass die Kinder bei den Eltern nicht bleiben sollten, weil sie etwa ihrer Entwicklung nicht guttun, weil Gewalt oder Missbrauch im Spiel sei. Der zwölfjährige Justin lebt seit 2020 in St. Josef und hat den Boxraum für sich entdeckt. „Wenn ich sauer bin, kann ich hier meine Wut rauslassen“, erklärt der Fünftklässler. Seine Mutter lebt in einer Einrichtung in Lichtenberg. Er sehe sie nur am Wochenende. Früher, so erzählt er, sei er oft ausgerastet: „Ich habe oft um mich geschlagen.“ Mittlerweile habe er das unter Kontrolle. „Ich habe mich gebessert, damit ich zu meiner Mutter zurückkann.“

Der zwölfjährige Justin boxt gerne seine Aggressionen raus. (Foto: Markus Nowak)
Der zwölfjährige Justin boxt gerne seine Aggressionen raus. (Foto: Markus Nowak)

„Die Kinder wachsen einem ans Herz, denn sie verbringen einen Großteil ihrer Kindheit hier“

Ob das bald geschehen wird? Sozialpädagogin Monika Kießig hat die Erfahrung gemacht, dass sie die Kinder eine lange Zeit begleitet, wie sie es bezeichnet. Sieben und mehr Jahre, wie bei Kimi, seien keine Seltenheit. „Die Kinder wachsen einem ans Herz, denn sie verbringen einen Großteil ihrer Kindheit hier“, sagt Kießig. Es entstehen enge Bindungen und viele halten nach ihrem Auszug Kontakt.

Wie lang das St.-Josef-­Haus Assanat begleiten kann, steht noch in den Sternen. Die Achtjährige ist ein aufgewecktes Mädchen, das mit Puppen spielt und in ihrem Bett gerade eine Höhle gebaut hat, in der sie schläft. Was sie in ihrer Kindheit bereits durchgemacht hat, ist ihr nicht anzumerken und sie selbst erinnert sich kaum daran. Auch hört man ihr nicht an, dass sie als Flüchtlingskind erst vor drei Jahren nach Deutschland gekommen ist. „Die Großen und die Kinder haben immer geredet und ich habe es einfach gelernt“, sagt sie salopp. Ihre afgha­nischen Eltern sind in Griechenland, Kontakt hält sie über Whats­App.

„Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind letztendlich Kinder, die nicht zu Hause groß werden können“, stellt Kießig fest. Von ihnen lebten einige in St. Josef. Ihre Eltern bleiben entweder im Heimatland und schicken die Kinder allein auf die Flucht oder sie werden auf dem Fluchtweg voneinander getrennt, wie im Fall von Assanat. Die anfänglichen Sprachprobleme seien schnell überwunden. Was bleibt, sei aber oft eine Traumatisierung durch die Flucht. Diese versucht das Haus – neben Therapieangeboten – auch durch die Atmosphäre aufzufangen. Was Assanat sich für die Zukunft wünscht: „Ich wünsche mir, dass alle auf der Welt füreinander da sind.“

Markus Nowak

Erstkommunionaktion 2022

Erstkommunionaktion 2022

Kinder helfen Kindern, in diesem Sinne sammeln bundesweit Erstkommunionkinder an ihrem großen Tag für die Kinderhilfe des Bonifatiuswerkes. Ihre Spende ermöglicht Kindern und Jugendlichen in der Diaspora auf vielfältige Weise eine Begegnung im Glauben. Mit ihren Spenden unterstützen die Erstkommunionkinder ambulante Kinderhospizdienste, Kinderdörfer, Wohngruppen für Kinder und Jugendliche mit Behinderung sowie Jugendsozialeinrichtungen. Sie fördern Gemeinschaft und Glaubenserlebnis in Religiösen Kinderwochen (RKW) oder in katholischen Kitas. Im vergangenen Jahr lag die Summe bei rund 1,4 Millionen Euro.

Die diesjährige Erstkommunionaktion des Bonifatiuswerkes steht unter dem Leitwort „Bei mir bist du groß!“. Aufgegriffen wird damit die bekannte Begegnung des Zollpächters Zachäus mit Jesus in Jericho, von der im Lukasevangelium (Kapitel 19, Verse 1–10) berichtet wird. Die Erzählung macht deutlich, dass bei Jesus alle Menschen willkommen sind. Der kleine Zollpächter Zachäus, von seinen Mitmenschen mehr verhasst als geliebt, hat dies am eigenen Leib erfahren, als er auf dem Maulbeerfeigenbaum von Jesus angesprochen wird. Schnell steigt er vom Baum herunter und nimmt Jesus voll Freude bei sich auf. Die Begegnung mit Jesus und das gemeinsame Mahl verändern sein Leben für immer.

Weitere Berichte über die katholische Kirche und das Glaubensleben im Erzbistum Paderborn finden Sie in der aktuellen Dom-Ausgabe.

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