Derzeit kein Friede ohne Waffen? – Interview mit Militärdekan

Soldaten nehmen an einem Gottesdienst im Wiederaufbaucamp der Bundeswehr in Faizabad im Norden Afghanistans am 10. Januar 2010 teil. Foto: KNA-Bild

Herr Schnettker, bleibt die christliche Friedensethik im ­Moment auf der Strecke?

Das glaube ich nicht. Allerdings wird die Friedensordnung, in der wir glaubten zu leben, aktuell massiv durch den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland infrage gestellt. Das war aber beim Syrien-­Konflikt auch schon so. Die Friedensethik ist nicht auf der Strecke geblieben, was problematisch ist, ist ihre Umsetzung, denn die ist eindeutig schwieriger geworden.

Die aktuelle Erklärung der Militärseelsorge lautet: „Frieden muss werden. Jetzt.“ Gerade hat man den Eindruck, dass dieser Frieden mit Waffen geschaffen werden soll. Schauen wir zu wenig nach Alternativen? Wo bleibt „Frieden schaffen ohne Waffen“?

Momentan stellt sich die Frage, wie dieser Krieg enden kann, wie man das schaffen kann, ganz konkret. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten: zum einen die der Sanktionen – wie sie derzeit gegen Russland angewendet werden. Auf der anderen Seite existiert auch das verbriefte Recht zur Verteidigung. Das ist natürlich immer direkt mit der Frage der Gewalt verknüpft – unabhängig davon, ob es darum geht, sich zu schützen, anderen zu helfen oder diesen Krieg zu beenden. In der aktuellen Situation scheint ein Frieden ohne Waffen nicht möglich zu sein, denn ein Aggressor hat einen Angriffskrieg begonnen.

Eine Situation, wie wir sie uns in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr vorstellen konnten.

Eigentlich sahen wir uns in einer Phase, in der wir durch die politische Ordnung – etwa in der EU oder den Vereinten Nationen – verlässliche Absprachen geschaffen hatten. Man dachte, man sei durch wirtschaftliche Interessen und Herausforderungen für alle – wie den Klimawandel – auf einem gemeinsamen Weg. Und dann betritt ein Aggressor die Weltbühne, der durch einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg das pure Entsetzen und große Angst auslöst. Menschen stellen sich die Frage, wohin das noch führt: Bleibt der Konflikt auf Russland und die Ukraine beschränkt oder weitet er sich noch aus? Diese Ängste muss man zulassen, sie kleinzureden funktioniert nicht.

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Was bedeutet es, dass Sie außerhalb der Befehlsstrukturen stehen?

Das ist ein großer Vorteil und letztlich auch Grundvoraussetzung für unsere Arbeit: Wir unterliegen als Seelsorger keiner Befehlsstruktur, wir sind „mittendrin und trotzdem außen vor“. Das macht es den Soldaten leichter, uns anzusprechen. Dazu kommt unser generelles Vorspracherecht bei Vorgesetzten. So hat man die Möglichkeit, bei Problemen Vorgesetzte mit ins Boot zu holen oder Dinge dort anzubringen, wo sich eine Lösung finden lässt.

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Putin gilt als gläubiger Mensch. Was würden Sie ihm als Seelsorger sagen?

Gläubig ist ja interpretierbar, die Frage ist: Woran glaubt dieser Mensch? Im Moment hat man den Eindruck, dass er nur an sich glaubt, und dieser Glaube seine Wahrheit ist. Ich fürchte, man dringt zu ihm nicht mehr durch. Wenn er aber wirklich glaubt, müsste die Frage natürlich lauten, wie er sein Handeln vor seinem Gott verantworten kann. Denn dieser ist schließlich der christliche Gott des Friedens und der Versöhnung.

Mit Monsignore Schnettker sprach Andreas Wiedenhaus

Das gesamte Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Dom

Zur Person

Foto: Bundeswehr

Monsignore Rainer Schnettker wurde 1962 geboren und 1989 zum Priester geweiht. Von 1992 bis 2002 war er Standortpfarrer in Höxter und Augustdorf. Seit 2009 ist er Leitender Militärdekan und seit 2013 Leiter des Katholischen Militärdekanates Köln. Als Seelsorger hat er unter anderem Einsätze im Kosovo und in Kuwait begleitet.

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