Der Wert von Schuld und Reue – Geheimnis einer Kraft

Die Ereignisse um Missbrauch lassen immer wieder nach persönlicher Verantwortung und Schuld fragen. Forderungen nach Konsequenzen sind oft schnell formuliert. Doch was bedeutet Schuld überhaupt für den Einzelnen und was kann daraus folgen? Der Dom hat mit Msgr. Martin Reinert darüber gesprochen.

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Foto: lechenie-narkomanii/pixabay
veröffentlicht am 11.02.2022
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

Von Martin Schmid

Wer hat es nicht bereits erlebt? Man hat etwas getan oder unterlassen, was einer anderen Person oder anderweitig schadete – bewusst und willentlich oder unbewusst. Erkennt man den begangenen Fehler im Nachhinein, fühlt man sich unter Umständen schuldig. „Schuld ist zunächst einmal eine persönliche Erfahrung, ausgelöst durch Fehler“, sagt Martin Reinert, geistlicher Begleiter des Erzbistums und Leiter des Referates Geistliche Begleitung.

„Fehler sind etwas Normales im Leben“, fügt Reinert an. Ganz objektiv betrachtet bedeuteten Fehler, dass man sich in einer bestimmten Situation – der man sich womöglich nicht entziehen konnte – nicht besser zu helfen wusste. Natürlich gebe es äußerlich auch eine objektiv feststellbare Schuld. Aber entscheidend für den Umgang damit sei die Erfahrung des Einzelnen. „Insofern möchte ich Schuld nicht gleich in eine bestimmte Ecke stellen. Es braucht die Erfahrung von Schuld, weil das so unglaublich hilfreich sein kann dafür, dass ich mich weiterentwickle.“

Konsequenzen nicht einfach ausagieren

Das bedeutet Veränderungen angehen, um den begangenen Fehler in Zukunft zu vermeiden. Es gehe aber nicht darum, im Sinne einer modernen Gesellschaft, sofort nach Lösungen zu suchen, sagt Reinert. Oberflächliches „Herumdoktern“ kenne jeder von den Vorsätzen am 1. Januar. Es sei auch nicht nachhaltig, Konsequenzen einfach auszuagieren nach dem Motto: Kann ich jetzt auch nicht ändern, ist halt so, es muss jetzt irgendwie weitergehen.

Vier Schritte für Veränderung

Wirkliche, nachhaltige Veränderung ist ein Prozess, für den Reinert grob vier Schritte sieht. Am Anfang steht das „Erschrecken über sich selbst“. Anschließend müsse man dazu kommen, sich anzunehmen mit und in dem, was passiert ist, auch dann, wenn man sich eigentlich gerne selbst verurteilen möchte. „Frucht aus dem Erschrecken und der Selbstannahme ist dann das, was ich echte Reue nennen würde“, sagt Reinert. Reue sei die Kraft für die Suche nach Lösungen.

Ohne Bekenntnis geht es nicht

Doch bevor Lösungen gefunden werden können, steht der dritte Schritt: ein Bekenntnis nach außen. Es sei wichtig, dass man ausspricht, was schiefgelaufen ist. Jetzt könne man weitergehen. Aus den beiden ersten Punkten, Erschrecken und Annahme, komme die Frage, wer bin ich und wer möchte ich eigentlich sein? „Die Antwort auf diese Frage, verbunden mit dem tiefen Wunsch, es besser zu machen, aber auch trotz allem geliebt zu sein von Gott, vielleicht sogar Verzeihung zu erfahren, geben den Schub für das, was Christen Vorsatz und Umkehr nennen.“

„Schulderfahrung macht Sinn“

„Schulderfahrung macht Sinn“, sagt Reinert. „Es wird uns nicht gelingen, ohne Schulderfahrungen auszukommen. Abgesehen von Maria sind so gut wie alle Menschen in der Umgebung Jesu Menschen mit Schulderfahrung.“

Zur Person:

Monsignore Martin Reinert ist Leiter und Anprechpartner des Referats Geistliche Begleitung im Erzbischöflichen Generalvikariat. Er begleitet auch selbst Menschen und kann auf große seelsorgliche Erfahrung zurückgreifen.

Lesen Sie auch das Editorial von Claudia Auffenberg zum Thema Wahrheit

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