Wer bist du, woran glaubst du? – Im Zeichen der Ökumene

Der Gesellschaft hätte die Ökumene gerade jetzt eine Menge zu sagen, sagt Berufsökumeniker Prof. Wolfgang ­Thönissen.

Prof. Wolfgang ­Thönissen. (Foto: Claudia Auffenberg)
Prof. Wolfgang ­Thönissen. (Foto: Claudia Auffenberg)
veröffentlicht am 04.02.2022
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Die letzten Tage des Januar stehen kirchlicherseits immer im Zeichen der Ökumene. ­Interessiert sich dafür eigentlich noch jemand? Es sind wenige, sagt Prof. Wolfgang ­Thönissen, aber der Gesellschaft hätte die Ökumene gerade jetzt eine Menge zu sagen.

Paderborn. Gebetswoche für die Einheit der Christen, ökumenische Bibelwoche, im offiziellen Jahreskreis der Christen taucht sie noch auf, die Ökumene, das Miteinander der christlichen Konfessionen, aber im richtigen Leben? Prof. Wolfgang Thönissen muss es wissen, er ist „Berufsökumeniker“, wie er selbst sagt, er hat sein Leben lang Ökumene betrieben und das auf allen Ebenen: Er hat Vorträge in Gemeinden gehalten, er lehrt sie an der Theologischen Fakultät in Paderborn, forscht und entwickelt sie weiter im Johann-Adam-Möhler-­Institut, berät die Bischofskonferenz und den Vatikan zu ökumenischen Fragen.

Interesse an Ökumene ist abgeebbt

Auch er stellt fest: Das Interesse an ökumenischen Fragen ist zumindest vor Ort abgeebbt. Er merkt es an seinem Kalender. Früher sei er fast wöchentlich unterwegs gewesen, um in Gemeinden Vorträge zu halten. „Seit etwa fünf Jahren werde ich nicht mehr eingeladen“, sagt er, „auch nicht mehr zum 31. Oktober, was immer ein wichtiger Termin für mich war.“ Daraus schließt er, dass das Thema in den Gemeinden „weitgehend eingeschlafen ist“. Vieles allerdings, sagt er, sei heute so selbstverständlich geworden, dass es gar nicht mehr als ökumenisches Handeln auffällt. Er spricht von einer Ökumene der Selbstverständlichkeit. Die Protestanten haben das Wallfahren entdeckt, die Katholiken die Bibel oder die Herrnhuter Losungen. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, die wohl auch als Frucht des ökumenischen Gespräches der vergangenen Jahrzehnte zu verstehen ist. 

Hat sich also in absehbarer Zeit die ökumenische Aufgabe erfüllt und man könnte das Möhler-­Institut schließen? Nein, sagt Thönissen, zum einen sind die großen Fragen nach dem gemeinsamen Abendmahl noch da und es gibt noch immer Menschen, die das massiv betrifft. Die dürfe man nicht alleinlassen. Zum einen bleiben die Konfessionen erhalten, da brauche es jemanden, der das Wissen bewahrt. Und schließlich wächst der Ökumene seit einiger Zeit von einer ganz anderen Seite eine neue Aufgabe zu, die immer größer und gesellschaftlich relevanter wird und die ihn selbst etwas überrascht.

Miteinander reden ohne sich die Köpfe einzuschlagen

„Zu uns kommen neuerdings Schiiten und Sunniten, also muslimische Konfessionen, und fragen uns: Wie macht ihr das? Wie funktioniert das Gespräch zwischen Protestanten und Katholiken?“ Die christlichen Ökumeniker also als eine Art Streit-Lehrer, denn inzwischen haben die Christen unterschiedlicher Konfessionen gelernt, dass man miteinander reden kann, ohne sich die Köpfe einzuschlagen und ohne den anderen zu sich rüber zu ziehen. Katholiken bleiben Katholiken, Protestanten bleiben Protestanten und alle sind Christen. Was in der Tat für hiesige Verhältnisse so selbstverständlich klingt, ist es offenbar andernorts nicht.

Und auch hierzulande war es nicht immer so. Im 17. Jahrhundert hatte man aufgehört, mit­einander zu reden, es gab keine Formate mehr, keine Gremien mehr, in denen das gemeinsame Gespräch hätte stattfinden können. Und so war der Boden für den großen Flächenbrand bereitet. Ein kleiner Regionalkonflikt in Böhmen löste den Dreißigjährigen Krieg aus. Erst im 20. Jahrhundert begann bei einer Konferenz, die ausgerechnet am Wannsee stattfand, das ökumenische, wissenschaftliche Gespräch. Einer der Initiatoren war damals der Paderborner Dompropst Paul Simon. Dort erzählten Protestanten und Katholiken einander, die einen sprachen über Gnade, die anderen über Rechtfertigung. Und siehe da: „Man erkannte, der andere ist gar nicht der, für den ich ihn gehalten habe“, sagt Thönissen. Längst nämlich hatten sich die eigenen Grundlagen verändert. Erst im Gespräch mit dem anderen fiel es auf. Und noch etwas wurde deutlich: Der andere kommt mit seiner Position in meiner vor! Es gibt also Gemeinsamkeiten.

Jedes Gespräch beginnt mit dem Zuhören

Aufeinander hören und versuchen, zu verstehen, welche Beweggründe der andere hat, das sind Methoden, die die Ökumeniker über Jahrzehnte verinnerlicht haben und nun weitergeben könnten. „Das ist ein Verstehensmodell für eine Gesellschaft, die doch gerade daran krankt, dass man sich die Positionen nur gegenseitig vorträgt“, sagt Thönissen. Vorträge halten sei aber noch kein Gespräch. Jedes Gespräch, jede Verhandlung beginne mit dem Zuhören. Denn wer zuhört, redet selbst nicht. „Wenn ich bereit bin, meine Auffassung zurückzustellen, dann wächst etwas.“ Davon ist Thönissen überzeugt. Sicher, ein solches Gespräch kann man nicht verordnen, es sei ein Ereignis, aber wer dazu nicht bereit sei, spiele nun mal mit dem Feuer. „Die Geschichte lehrt uns: Wenn nicht mehr geredet wird, wird am Ende geschossen“, sagt Thönissen. Insofern seien die bitteren Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges heilsam gewesen.

von Claudia Auffenberg

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