Adveniat-Weihnachtsaktion 2021 – Francisco und seine Töchter

Unter dem Motto „ÜberLeben in der Stad““ rückt Adveniat mit seiner diesjährigen Weihnachtsaktion die Sorgen und Nöte der armen Stadtbevölkerung in den Blickpunkt. Schwerpunktländer sind Mexiko, Paraguay und Brasilien.

Schwester Maria Paula Arza (53) von der Familien-Pastoral zu Besuch bei Müllsammler Francisco Lopes (49) und seinen Töchtern Maria do Céu (11), Maria Rita (13), und Maria Beneditta (16).
veröffentlicht am 23.12.2021
Lesezeit: ungefähr 7 Minuten

Wie Schwester Paula in der brasilianischen Metropole Manaus drei Mädchen eines armen Vaters vor Menschenhändlern und Drogenbossen gerettet hat. Unterstützt wird die Familienpastoral der Ordensschwester vom Lateinamerika-­Hilfswerk Adveniat.

Als Francisco Lopes mit seinen drei Töchtern in die Millionenstadt Manaus kam, wusste er nicht, wohin. Nach der Trennung von seiner Frau, die schwere psychische Probleme hatte, war Francisco das Sorgerecht für die Kinder zugesprochen worden: Maria do Ceú (11), Maria Rita (13) und Maria Beneditta (16). Gemeinsam mit ihnen verließ er den Ort Tefé, in dem sie zuvor gelebt hatten.

Anfangs wohnte die kleine Familie im Haus von Franciscos Mutter. Aber dort war auch Franciscos Bruder, der alles daransetzte, Francisco mit seinen drei Töchtern aus dem Haus zu vertreiben. Die vier zogen in die Favela „Invasão dos Buritis“, ein Armenviertel am Stadtrand von Manaus. Das Sagen hat dort eine Drogengang.

Drogenhandel, Schießereien, Prostitution

Francisco ist Müllsammler. Schon früh morgens verlässt er das Haus, um Pappe, Blech, Kunststoffverpackungen und Altmetall auf den Straßen zu sammeln. Mit einem Handkarren bringt der 49-Jährige die Wertstoffe zu einer Sammelstelle und bekommt dort ein paar Real pro Kilo. Um genug Geld zum Leben zusammenzubekommen, muss er lange arbeiten. Deswegen kehrt er erst spät nach Hause zurück. Seit ihm bei einem Fußballspiel, bei dem er Schiedsrichter war, ein Spieler in den Rücken gesprungen ist, leidet Francisco unter Rückenproblemen.

Die drei Marias, seine Töchter, verbrachten also viel Zeit alleine in der Favela. Sie bekamen mit, was dort geschah: Drogenhandel, Schießereien, Prostitution. Einmal sahen sie, wie eine Frau von einem bewaffneten Jugendlichen ausgeraubt wurde. Ein anderes Mal wurde ein Polizist getötet und mit dem Kopf nach unten begraben. „Mir war nicht wohl dabei, meine Töchter alleine zu lassen“, sagt Francisco. „Sie sahen viele falsche Dinge. Aber was sollte ich tun? Ich bin arm und hatte keine Wahl.“

Die Situation der Mädchen ist äußerst bedrohlich

Als die Ordensschwestern der Familienpastoral in Manaus von Francisco und seinen drei Töchtern hörten, war ihnen sofort klar: Die Situation der Mädchen ist äußerst bedrohlich. In Brasiliens Favelas suchen sich Kriminelle Mädchen aus, die ihnen gefallen. Es ist lebensgefährlich, diesen Männern nicht zu gehorchen. Hinzu kommt der Menschenhandel: Immer wieder verschwinden Kinder und junge Frauen aus Brasiliens Armenvierteln. „Wir mussten unbedingt handeln“, erzählt Schwester Maria Paula Arza.

Sie besorgte zunächst eine Wohnung außerhalb der Favela. Die Familienpastoral übernahm die Mietkosten für Francisco und seine Töchter. Dann erwarb sie ein kleines Grundstück in einem weniger problematischen Viertel und finanzierte den Bau eines Häuschens. Dorthin zog Francisco mit seinen Töchtern Anfang 2020. „Die Schwestern haben mir eine große Last von der Seele genommen“, sagt er.

Maria Rita, die mittlere seiner Töchter, erzählt, dass sie und ihre Schwestern in der Favela nachts Geister gesehen hätten. „Einmal, als der Vater spät nach Hause kam, fuhr eine Karosse mit vielen Pferden und einem dunklen Kutscher am Haus vorbei. Er kommt nun nicht mehr“, sagt die 13-Jährige. „Wir fühlen uns hier sicherer.“

Pläne für eine bessere Zukunft

Weil Francisco immer noch seiner anstrengenden Arbeit als Müllsammler nachgeht, hat Schwester Maria Paula die drei Mädchen in Onlinekurse in Informatik und Englisch vermittelt. Denn seit Beginn der Corona-­Pandemie fällt die Schule aus. Schwester Maria Paula brachte ihnen zudem Kleidung und Bücher aus Spenden mit. Letztere verschlingen die Mädchen neugierig. Maria Rita zeigt stolz das Buch, das sie gerade liest. Es heißt „Philosophie für Kinder“.

Vater Francisco hat mittlerweile begriffen, wie wichtig Bildung für die Mädchen ist. Er ist stolz darauf, dass er nun die Onlinekurse für sie bezahlt. Dazu verwendet er einen Teil der Hilfsgelder, die die Regierung in der Pandemie an bedürftige Brasilianer zahlt.

Franciscos Töchter schmieden Pläne für eine bessere Zukunft. Maria Beneditta, die Älteste, spricht schon ein paar Brocken Englisch und will einmal Biologin werden. Zum Haus der Familie gehört auch ein Garten, in dem Bananen, Zucchini und Kürbisse wachsen. Manchmal gärtnert Vater Francisco dort gemeinsam mit seinen Töchtern.

„Ich bin sehr stolz auf sie“, sagt Francisco. Dankbar ist er Schwester Paula. Für ihn und seine drei Töchter ist sie die rettende Hand, wie einst Nikolaus. Einer Legende nach warf der Bischof von Myra einem armen Vater heimlich drei Geldbeutel durchs Fenster, damit dieser seine drei Töchter verheiraten und so vor der Prostitution bewahren konnte. Als der arme Mann herausfand, dass es Nikolaus war, der ihm das Geld gegeben hatte, sagte er: „Du hast meine Töchter vor einer traurigen Zukunft bewahrt. Dafür werden wir dich nie vergessen.“

Adveniat fördert Zukunft, Bildung und Selbstbestimmung

Heute geht es nicht mehr da­rum, junge Frauen möglichst schnell zu verheiraten, sondern darum, ihnen eine Zukunft, Bildung und Selbstbestimmung zu geben. Genauso wie Nikolaus haben die Schwestern der Familienpastoral schnell und selbstlos gehandelt und für Franciscos Töchter eine Tür aufgestoßen. Er sagt: „Ich weiß nicht, was ohne die Schwestern aus uns geworden wäre. Sie haben uns ganz viel neue Hoffnung gegeben.“

Weitere Informationen zur Adveniat-Weihnachtsaktion 2021

80 Prozent der Menschen in Lateinamerika und der Karibik leben bereits heute in den Städten. Und die Landflucht hält weiter an. Doch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft wird häufig enttäuscht. Das Leben der Indigenen, Kleinbauern und Klimaflüchtlinge am Stadtrand ist geprägt von Armut, Gewalt und fehlender Gesundheitsversorgung. Und wer arm ist, kann für seine Kinder keine gute Ausbildung bezahlen. Mit seinen Projektpartnern, wie zum Beispiel Ordensleuten und pastoralen Mitarbeitern, durchbricht das Lateinamerika-­Hilfswerk Adveniat die Spirale der Armut: durch Bildungsprojekte in Pfarrgemeinden insbesondere auch für Frauen und Kinder, Menschenrechtsarbeit und den Einsatz für faire Arbeitsbedingungen.

Unter dem Motto „ÜberLeben in der Stadt“ rückt Adveniat mit seiner diesjährigen Weihnachtsaktion die Sorgen und Nöte der armen Stadtbevölkerung in den Blickpunkt. Schwerpunktländer sind Mexiko, Paraguay und Brasilien. Die Eröffnung der bundesweiten Adveniat-­Weihnachtsaktion fand am ersten Advent, dem 28. November 2021, im Bistum Münster statt. Die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands ist für Adveniat und die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt. Spendenkonto bei der Bank im Bistum Essen, IBAN: DE03 3606 0295 0000 0173 45 oder unter: ­www.­adveniat.­de

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