Queersensible Pastoral – Die Regenbogenfahne reicht nicht

Ein diözesaner Arbeitskreis „Queersensible Pastoral“ wird Anfang kommenden Jahres seine Arbeit aufnehmen. Pfarrer Bernd Mönkebüscher aus Hamm spricht über die Ziele und die Frage, was queere Menschen von Kirche erwarten.

veröffentlicht am 22.12.2021
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Ein diözesaner Arbeitskreis „Queersensible Pastoral“ wird Anfang kommenden Jahres seine Arbeit aufnehmen. Pfarrer Bernd Mönkebüscher aus Hamm ist Mitglied des neuen Gremiums. Im Interview spricht er über die Ziele und die Frage, was queere Menschen von Kirche erwarten. Mit Bernd Mönkebüscher sprachen Claudia Auffenberg und Andreas Wiedenhaus.

Herr Mönkebüscher, warum jetzt dieser Arbeitskreis?

Arbeitskreise „Regenbogenpastoral“ (oder wie verschieden sie sich nennen) gibt es bereits in einer ganzen Reihe von Bistümern. Auslöser für Paderborn war im Frühjahr dieses Jahres eine digitale Tagung im Bistum Essen zu Segensfeiern für gleichgeschlechtlich Liebende. Einer der Teilnehmer war Dr. Andreas Heek, Koordinator der „Arbeitsgemeinschaft LSBTIQ*-­Pastoral in den deutschen Diözesen“. Weil es einen solchen Arbeitskreis in unserem Erzbistum damals noch nicht gab, haben wir beide anschließend einen Gesprächstermin mit Erzbischof Becker vereinbart, bei dem wir unser Anliegen in sehr offener Atmosphäre vorgetragen haben. Die Entscheidung, dieses Gremium ins Leben zu rufen, basiert nicht darauf, dass es so etwas in anderen Bistümern schon gab, sondern weil der Erzbischof damals wie jetzt auch wieder betont hat, wie wichtig er „das Thema“ ansieht.

Blickt man auf die Diskussionen um die Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare, die es vor wenigen Monaten noch gab, steht allerdings schnell die Frage nach der Glaubwürdigkeit einer solchen Initiative im Raum.

Nicht nur das! Ich habe gerade die Weihnachtspost vom Erzbistum an die Priester und Diakone bekommen: einen Brief, in dem an einer Stelle der Arbeitskreis positiv erwähnt wird, zum anderen ein Buch von Kardinal Paul Josef Cordes als Geschenk, in dem ein Kapitel überschrieben ist „Homosexualität ist zutiefst gott-­widrig“. Diese Art von Doppelbotschaft macht deutlich, in welchem Spannungsfeld wir uns bewegen: zum einen der Anspruch, eine offene Kirche zu sein – etwas, was ich als Anliegen des Erzbischofs wahrnehme und worum sich viele mühen – auf der anderen Seite aber auch das Erbe einer – dem heutigen auch theologischen Erkenntnisstand in so manchem nicht mehr entsprechenden – kirchlichen Lehre, die Menschen Unrecht tut und sie als Sünder verurteilt und sich nicht wirklich für sie und ihr Leben interessiert.

Wie lange kann man mit diesem Widerspruch als Kirche noch leben?

Diese Diskrepanz teilen ja viele Menschen! Die Diskussionen beim Synodalen Weg zeigen, wie sehr dieser Zwiespalt auch von Mitarbeitenden der Kirche erkannt wird und sie zu zerreißen droht. Das Thema an sich beschäftigt die Kirche ja auch schon länger, aber in dieser Schärfe und Notwendigkeit hat sich das in den letzten Jahren noch einmal massiv verstärkt, so jedenfalls meine Wahrnehmung. Man kann natürlich sagen, man spricht nicht über Sexualmoral. Das hat die Kirche in den letzten Jahren getan: geschwiegen, vielleicht auch, weil viele Amtsvertreter von der Lehre nicht mehr überzeugt sind.

Die im Zuge der Missbrauchsverbrechen in Auftrag gegebene MHG-­Studie hat so manche Anfrage an die Sexualmoral neben anderen Themen aber massiv und überfällig wieder ins Wort gebracht. Darüber hinaus hat im März das Nein aus Rom zu Segensfeiern für homosexuelle Menschen die kirchliche Lehre in Erinnerung gerufen. Jetzt zeigt sich, dass Schweigen nicht mehr funktioniert.

Nicht wenige sind der Ansicht, dass die Kirche ihre Sexualmoral überdenken und unter Berücksichtigung neuer theologischer und humanwissenschaftlicher Erkenntnisse verändern muss. Von daher wäre es ein deutliches Zeichen, wenn der Synodale Weg entsprechende Voten verabschieden würde, die die Zeichen auf Veränderung stellen. Vorschläge von ­Moraltheolog­_­innen und ­Theolog­_­innen anderer theologischer Disziplinen gibt es seit Jahren. Das gerade im Bonifatius-­Verlag erschienene Buch „­Katholisch und Queer“ enthält viele Leidensgeschichten queerer Menschen in der Kirche. Das lässt doch nicht kalt. Da wird deutlich, dass es mehr als Veränderung braucht, nämlich die Einsicht, was das Ernstnehmen der kirchlichen Sexualmoral bei nicht wenigen Menschen angerichtet hat.

Wie müsste denn eine Pastoral für queere Menschen aussehen?

Zuerst müssen diese Menschen einmal sichtbar werden dürfen. Noch immer gibt es Äußerungen von Pfarrern oder Gemeindemitgliedern, die sagen, dass es „so jemand“ in ihrer Gemeinde nicht gibt. So wie Kardinal Meisner einmal erklärt hat, in seinem Priesterseminar gäbe es keine homosexuellen Priesteramtskandidaten. Man kann natürlich ein Klima schaffen, in dem sich Menschen gar nicht an die Öffentlichkeit trauen. Die Aktionen mit den Regenbogenfahnen haben für eine Sichtbarkeit an den Kirchen gesorgt. Zumal es ja nicht nur um die homosexuellen Menschen allein geht: Sie haben eine Familie, Freundinnen und Freunde, Bekannte, Verwandte. Und letztlich betreffen die Diskussionen um die kirchliche Sexualmoral doch alle – nicht nur die gleichgeschlechtlich Liebenden: denn das Lehramt sagt, dass gelebte Sexualität nur in einer kirchlich gültig geschlossenen Ehe zwischen Frau und Mann sein darf!

Aber was genau ist queer-­sensible Pastoral?

Es gibt einen Auftrag, den das Bistum unserem Arbeitskreis erteilt hat: Zum einen ist das die Sichtbarmachung queerer Menschen und ihre Lebens­situation. Da muss man sich einmal die Zahlen vor Augen halten: Man sagt, dass rund fünf Prozent der Gesellschaft queer sind. Wenn ich auf meine beiden Pastoralverbünde mit insgesamt knapp 28.000 Menschen schaue, sind das rund 1.400 Menschen. Gleichgültig, ob das alles „Kirchgänger­innen“ sind: Sie gehören dazu wie alle Getauften. Wahrgenommen werden sie allerdings so gut wie nicht. Eine Glaubensgemeinschaft muss sich daran messen lassen, wie sie mit Minderheiten umgeht. Weiter wird es darum gehen, vorhandene Angebote für diese Gruppe von Menschen zu bündeln und diese bekannter zu machen. Ein Ziel ist es zum Beispiel, ­Ansprechpartner­_­innen in den Dekanaten zu finden, die mit der Thematik vertrauter sind und Kontakte aufzunehmen versuchen.

Viele Gläubige klagen, dass Seelsorge kaum noch stattfindet, und jetzt diese Initiative für eine Minderheit. Könnte das für Unverständnis sorgen?

Die Meinung, dass kaum noch Seelsorge stattfindet, teile ich überhaupt nicht! Es sei denn, Menschen verstehen unter Seelsorge, dass der Pastor an jedem Kaffeetrinken teilnimmt – das ist allerdings nicht mehr leistbar, wäre aber auch ein sehr begrenzter Blick auf Seelsorge. Ich erlebe eher, dass oft die immer gleichen Menschen ganz viel Aufmerksamkeit brauchen und wir uns um die immer gleichen ­Themen und Menschen drehen: der ­Status quo des ewig Gleichen …

Aber Seelsorge wird schon vermisst: Menschen machen die Erfahrung, dass für sie in ihrer Not niemand da ist!

Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen. Not kann man nur wahrnehmen, wenn sie sich äußert! Ich glaube, wenn solche Not-Signale gesendet werden, gibt es auch Reaktionen. Wer das als ­Seelsorger­_­in miss­achtet, hat den falschen Beruf! Um noch einmal den Blick auf queere Menschen zu richten: Bei ihnen gibt es viele Verletzungen, die sie schon lange mit sich herumtragen. In solchen Situationen sind Äußerungen wie die von Kardinal Cordes alles andere als hilfreich! Familien sind tief gespalten, was jetzt gerade zu Weihnachten wieder deutlich wird, wenn etwa Partnerinnen oder Partner zu Feiern nicht mitkommen dürfen oder verschwiegen werden, sie ausgeladen oder he­rablassend behandelt werden: All das sind Erfahrungen von queeren Menschen!

Drehen wir die Perspektive einmal: Was erwarten Menschen, denen Kirche oft mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung entgegengetreten ist, noch von dieser Institution?

Im Katechismus ist von „Mitleid, Ehrfurcht und Takt“ gegenüber homosexuellen Menschen die Rede. Wenn Kirche die letzten beiden Worte ernst nehmen würde, könnten einige Bischofskonferenzen sich nicht so äußern, wie sie es heute noch tun, etwa das US-­amerikanische Bistum Marquette, das in diesem Sommer verlauten ließ: Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen oder beliebigen sexuellen Beziehungen außerhalb der Ehe dürfen nicht getauft, gefirmt oder in die Kirche aufgenommen werden, „solange die Person nicht bereut und die Beziehung beendet“. Kirche würde sich sogar stärker für sie einsetzen und ihre Stimme erheben, solange etwa in Nigeria wie in vielen weiteren Ländern Afrikas gleichgeschlechtliche Liebe unter Strafe steht. Menschen erwarten, dass sie gesehen und akzeptiert werden, wie sie sind, leben, fühlen und lieben. Weil es etwas ist, was ihnen – theologisch gesehen von Gott – in die Wiege gelegt wird.

Im Gleichnis von den Talenten heißt es, dass man diese nicht vergraben soll. Aber von queeren Menschen wird genau das erwartet: das Mitgegebene ungenutzt lassen, nicht einbringen mit aller Kraft und allem Potenzial, das in Sexualität und Liebe lebt und die Welt und das Leben bereichert. Die Kirchenlehre ist da unklar. Wenn man Gott als Schöpfer sieht, hat er mir diese „Veranlagung“ mitgegeben. Nicht nur mitgegeben: So bin ich. Auch die Unterscheidung der Kirche zwischen homosexuell sein und homosexuell leben wird dem Menschen meines Erachtens nicht gerecht. Die Lehre der Kirche nehme ich mit vielen anderen – warum sonst wäre es etwa Thema in einer der Forengruppen beim Synodalen Weg – an dieser Stelle sehr als unklar und unlogisch wahr.

Vorbehalte gegen Arbeitskreise sind in der Kirche ja weit verbreitet. Warum engagieren Sie sich dort?

Als wir mit unserem Anliegen zum Bischof gingen, war mein vorrangiges Ziel nicht, bei diesem Arbeitskreis dabei zu sein. Das Thema liegt mir als schwuler Mann am Herzen. Und gern arbeite ich mit an einer offenen Kirche, aber auch an einer, die ihr eigenes Tun und ihre eigene Lehre auf den Prüfstand stellt. Inwiefern geben wir vorrangig und letztlich der Liebe Raum? Inwiefern glauben wir Menschen, was sie erleben und fühlen und wie sie sich selbst entdecken? Diesen Arbeitskreis im Generalvikariat zu verorten, ist meiner Meinung nach eine Gratwanderung: in einem Gefüge, das oft als weltfremd und weniger als hörend denn als diktierend wahrgenommen wird. Da steht man schnell vor der Frage, wie das gehen soll: Mit der Lehre oder an der Lehre vorbei?

So ein Arbeitskreis kann ja auch ein Feigenblatt sein.

Allerdings – nach dem Motto: „Wir haben das jetzt auch!“ So ein Regenbogenfähnchen – wenn es nicht zu groß ist – macht sich momentan ganz gut. Aber ein erster intensiver Austausch der sieben Menschen im Arbeitskreis hat gezeigt: Feigenblatt will von ihnen niemand sein. Ich kann mich an eine Äußerung einer Beteiligten erinnern, in der es hieß: „Unterhalb der Menschenrechte geht gar nichts!“ Wir sehen uns klar auf der Seite der Menschen, die Kirche bisher zu wenig im Blick hatte.

Die Mitglieder des neuen Arbeitskreises „Queersensible Pastoral“ (vorne, v. l.): Pfarrer Bernd Mönkebüscher, Indra Wanke (Leitung) und Melina Sieker; (hinten, v. l.) Leonie Jedicke, Pastor Lars Hofnagel, Jana Hansjürgen und Dorothee Holzapfel. (Foto: Maria Aßhauer/Erzbistum Paderborn)

Lesetipp: Queere Menschen und die Kirche – ein Konfliktverhältnis. Betroffene berichten in einem neuen Buch aus dem Bonifatius-­Verlag, und zwei Bischöfe haben ganz andere Antworten als der Vatikan.

Das Buch ist erhältlich unter: https://www.bonifatius-verlag.de/shop/katholisch-und-queer/

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