„Bleiben wir offen für Träume“

Eröffnung des Liborifestes erneut unter Corona-Bedingungen

Gleich ist es geschafft: Der Schrein wird im Hochchor des Doms aufgestellt. (Foto: Andreas Wiedenhaus)
Gleich ist es geschafft: Der Schrein wird im Hochchor des Doms aufgestellt. (Foto: Andreas Wiedenhaus)
veröffentlicht am 26.07.2021
Lesezeit: ungefähr 7 Minuten

Immerhin: Das Wetter pflegt die Tradition. Einmal nämlich, so lautet eine der Weisheiten, einmal muss es zu Libori in die Pötte regnen. Kurz nach der Erhebung der Reliquien regnet es, aber wo um alles in der Welt sind die Pötte? Ausgerechnet im 500. Jahr seines Bestehens ist der Pottmarkt nicht da, wo er hingehört, nämlich rund um den Dom, sondern zweigeteilt irgendwo im Westen der Stadt. Selbst als Paderbornerin muss man erstmal gucken, wo das genau ist. „Libori light“ hat die Stadt überall plakatiert und das klingt nun mal sehr nach Diät. Und über allem liegt die bange Frage: Ist dies Corona oder doch schon die Zukunft?

Denkwürdiges Liborifest

Eine eigenartige Stimmung herrscht schon in den Tagen vor dem Fest in der Stadt. Ja, sicher, viele freuen sich, dass wenigstens etwas stattfindet, aber man spürt zugleich, dieses Etwas hat wenig mit Libori zu tun. Libori, das ist doch diese einzigartige Kombination, dieses eben auch räumliche Beieinander von Kirche, Kirmes und Kultur. Eigentlich kommt man aus dem Dom, fällt quasi gleich in die nächste Bierbude, dann Putzlappen und Gewürze kaufen, Waffel essen, tausend Leute getroffen und ab ins Riesenrad. Das, das ist Libori. Doch im Jahr 2 der Pandemie, in Tagen der steigenden Inzidenzwerte und wechselnden Corona-Regeln, feiern Bistum und Stadt ein „wiederum denkwürdiges Liborifest“. So formuliert es Erzbischof Hans-Josef Becker zu Beginn der Vesper, in der die Reliquien des hl. Liborius aus dem Altar in der Krypta in den Hochchor des Doms gebracht werden. Normalerweise ist dies auch ein Gesamtkunstwerk aus Liturgie, Tradition, Musik, das zum Gelingen dringend das Volk braucht. Diese dichtgedrängte Menschenmenge, über deren Köpfen der Schrein durch den Dom schwebt.

Nun, der Schrein ist da, aber die dichtgedrängte Menschenmenge eben nicht. 330 Leute dürfen rein, noch – muss man sagen, denn seit Montag gilt wieder Inzidenzstufe 1 und die bringt altbekannte Einschränkungen zurück. Anders als im vergangenen Jahr darf die Gemeinde wieder singen. Beim ersten Lied setzt der Gesang etwas zögerlich ein, man spürt eine gewisse Verunsicherung im Sinne von „Ach so, wir dürfen ja wieder…“.

Wenig Besucher vor dem Dom

Nicht viel los ist an diesem Samstagnachmittag vor dem Dom. Während drinnen die Vesper läuft, sitzen draußen auf dem Domplatz ein paar Menschen auf den Bänken in der Sonne. Bernhard Goesmann und seine Frau gehen auf die Treppen am Diözesanmuseum zu. „Wir kommen aus Altenbeken,“ erzählt er. „Wir wollten mal schauen, wie das mit Libori-Light aussieht, was stattfindet und wie das besucht ist, einfach mal die Stimmung einfangen.“ Bernhard Goesmann kommt gebürtig aus Altengeseke. Libori habe für ihn in seiner Kindheit keine große Rolle gespielt. Erst in seiner Zeit im Internat in Wadersloh sei er auf Paderborner gestoßen, für die Libori das Ereignis im Jahr war. „Wir hatten zu Hause unsere eigenen Feste. Wir wussten wohl, dass in Paderborn was los ist, aber das war erstmal weit weg.“ In seiner Zeit als Gemeindereferent in Altenbeken sei seine Verbindung zu Libori enger geworden. „Für die heutige Generation ist Libori eher ein Fest unter vielen. Da steht die eigene Familie und die Urlaubsplanung häufig im Vordergrund.“

Am Sonntag ist der Domplatz deutlich leerer und noch einmal wird schmerzlich spürbar: Mit Libori hat das alles wenig zu tun. Auch im Dom sitzen weniger Gläubige. Rund 250 schätzen Mitglieder der Domgilde, in den beiden benachbarten Kirchen verfolgen insgesamt rund 80 Gläubige, das Geschehen auf Leinwänden.

Liborileitwort: „Grenzenlos Libori“

„Grenzenlos Libori“, ist das Leitwort, unter das das Erzbistum sein diesjähriges Patronatsfest gestellt hat. „Wir sind in den vergangenen Monaten an Grenzen gestoßen, leiden an Grenzen“, sagt Erzbischof Becker in seiner Predigt am Sonntag. Dem gelte es die grenzenlose Liebe Jesu entgegenzusetzen. Dennoch: „Wir wollen nicht euphorisch feiern, als ginge uns die Flutkatastrophe und die Pandemie nichts an“, sagt er. Dann spricht er über Träume, darüber, dass eine Gesellschaft Träume und Visionen brauche, um nicht in einem Pragmatismus zu versinken, der den Menschen zum Rückzug im eigenen Schrebergarten halte und ihm somit vorgaukle, er habe die Sache im Griff. Auch die Kirche, ja, nicht mal er selbst sei davor gefeit, bekennt Becker. „Wieviel Institution brauchen wir, wie viel vertragen wir, ohne dass uns der Geist ausgeht?“ Dies sei sein 20. Liborifest als Erzbischof und er sei immer froh, wenn es laufe, sagt er. Doch dann blicke er in die Bibel und lese diese vielen Geschichten, in denen der Geist den Horizont der Menschen erweitere. „Wo kämen wir hin, wenn wir diese Traumgeschichten nicht hätten?“ fragt Becker, „ohne sie wären wir doch nicht hier!“ Aber wie nährt man seine Träume, seine Visionen in Zeiten, die einem teils brutal vor Augen führen, dass man eben nichts im Griff hat?

Auszug aus dem Hohen Dom zu Paderborn: Erzbischof Hans-Josef Becker (Mitte), Weihbischof Matthias König (l.) und Weihbischof Dr. Dominicus Meier OSB auf dem Weg in die Sakristei zum Ende des Pontifikalamtes am vergangenen Sonntag. (Foto: Patrick Kleibold)

„Bleiben wir offen für Träume und bereit, uns überraschen zu lassen.“

Erzbischof Hans-Josef Becker

Wie schon im vergangenen Jahr kann die Prozession mit dem Schrein zum Rathaus nicht stattfinden. Eigentlich gibt es dort den Segen über die Stadt. Als Zeichen der Verbundenheit spricht daher auch in diesem Jahr der Paderborner Bürgermeister Michael Dreier die Fürbitten. Die erste galt den Flutopfern, eine weitere den Kindern und Jugendlichen, die unter den Einschränkungen der Pandemie besonders gelitten haben. 

„Wo gebetet wird, wird gekauft und wo gekauft wird, wird gebetet.”

Hart getroffen hat Corona auch die Schausteller und Pottmarktbeschicker. Einer von ihnen ist Thomas Philipp, er ist Sprecher der Interessengemeinschaft der Pottmarktbeschicker. „Ich hatte Glück“, erzählt er. „Ich habe während der Corona-Krise Arbeit bei einem Spargelbauern bekommen und fahre nebenher LKW. Diese Jobs werde ich auch erstmal behalten, wir wissen ja nicht, wie es weitergeht.“ Der diesjährige Pottmarkt fällt bedeutend kleiner aus. Von regulär 120 Ständen konnten dieses Jahr wegen der geringeren Fläche nur 42 vergeben werden. Es sei aber kein großes Problem gewesen die Standflächen zu verteilen, da sich auch weniger beworben hätten. Trotz allem freut sich Thomas Philip, wieder hier zu sein: „Für mich ist Libori meine zweite Heimat.“

Nebenan hat Willi Koch aus Franken sein Quartier bezogen. Er ist auch Mitglied der Interessengemeinschaft. „Wir sind der Stadt wirklich sehr sehr dankbar für ihr Entgegenkommen. Wir zahlen keine Standgebühren und müssen auch nicht für die Sicherheit sorgen.“ Libori sei einmalig. Er kenne keinen anderen Markt, wo die Händler wirklich von überallher kommen. Auch er verbindet mit Libori viele Erinnerungen und zitiert den früheren Weihbischof Hans-Leo Drewes: „Wo gebetet wird, wird gekauft und wo gekauft wird, wird gebetet.”

Eine ausführlichere Berichterstattung zu Libori finden Sie in der kommenden DOM-Ausgabe. Hier geht es zum E-Paper und zum Probe-Abo.

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