„Absolution verteile ich nicht“

Zeitzeuge Horst Selbiger sprach auf Einladung der TU Dortmund über sein Leben

Horst Selbiger war bereits 2019 zu Gast bei der TU Dortmund. Foto: Hengesbach/TU Dortmund
veröffentlicht am 09.06.2021
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

von Wolfgang Maas

Dortmund. „Die Zeit der Zeitzeugen geht zu Ende.“ Aus dem Mund von Horst Selbiger hallt dieser Satz nach. Denn der 93-Jährige ist jemand, der die Zeit des Nationalsozialismus erlebt und durchlitten hat. Umso glücklicher war Prof.Egbert Ballhorn vom Institut für Katholische Theologie der TU Dortmund, dass er den Berliner für einen Vortrag gewinnen konnte. „Fragt uns, wir sind die Letzten“ lautete das Motto des Abends.

Für Horst Selbiger, der 2019 bereits Gast der TU Dortmund war, war das Webseminar eine Premiere. Im weißen Hemd, die Haare nach hinten gekämmt, begrüßte der Autor die Teilnehmenden in seinem Wohnzimmer.

Immer wieder während der gut 90-minütigen Veranstaltung stockte seine Stimme. Man merkt schnell: Was damals geschehen ist, lässt den Mann noch immer nicht los. Und es ist seine Wortwahl, die den Vortrag so intensiv macht. Selbiger wählt starke Begriffe– geprügelt, geschunden, vergast– und er nutzt häufig Aufzählungen. Dabei wird die Stimme immer lauter, um dann wieder in eine Stille zu münden.

Mehr als historische Fakten

Dabei fing seine Erzählung mit historischen Fakten an– wie der Machtübernahme durch Hitler. Vom Judenstern und von Lebensmittelkarten ist die Rede– das hat man früher in der Schule schon gehört. Doch hier berichtet kein Geschichtslehrer, sondern einer, der dabei war. Wenn der Berliner von der sogenannten Reichspogromnacht erzählt, hat man ein plastisches Bild vor Augen– von führenden Nazis, die vor der Tür stehen, von berstendem Glas und zerstörten Möbeln.

Auch Selbigers Familie– sein Vater war ein angesehener jüdischer Zahnarzt– verlor in dieser Nacht alles. Und es kam noch schlimmer. Als Jugendlicher musste Selbiger Zwangsarbeit verrichten. Dazu kam die wachsende Angst vor der Vernichtung in einem Konzentrationslager. „61Träger des Namens Selbiger werden ermordet“, so der Zeitzeuge. Die Älteste war 85 Jahre alt, das jüngste Familienmitglied gerade „sechs Monate und zwei Tage“. Für den späteren Journalisten war klar: „Ich stand am Abgrund der Menschheitsgeschichte.“

Doch da gab es auch noch die schönen Momente. In der jüdischen Mittelschule lernt er Ester kennen, das „Mädchen mit den langen dunklen Haaren und den ausdrucksstarken Augen“. Hinter ihr seien alle Jungen hergewesen, sagt Selbiger verschmitzt. „Es war eine wunderbare Zeit des ersten Verliebtseins. Nur die Außenwelt spielte nicht mit.“

Als immer mehr Bekannte und Nachbarn verschwinden, schwören sich Ester und Horst: „Wer dieses Inferno überlebt, soll der Nachwelt davon erzählen.“ Ester überlebte den Holocaust nicht. Und ihr Freund „brauchte 70 Jahre, bis ich es erzählen kann“.

Selbiger findet sich nach dem Krieg in einer zerstörten Welt wieder. Kein Schulabschluss, keine Ausbildung, ausgemergelt von jahrelanger harter Zwangsarbeit, unterernährt– so stand er im zerstörten Berlin. Kein HappyEnd für einen Überlebenden der Hölle. Er ging in die DDR, 1964 wieder in die BRD. Doch Gerechtigkeit habe er in keinem System erfahren.

Nach seinen Ausführungen herrschte zunächst ergriffene Stille. Dann antwortete er auf die Fragen der Zuhörenden, darunter viele Studierende der Theologie. Wie sieht sein Glaube an Gott heute aus? „Nach Auschwitz kann ich nicht mehr an Gott glauben. Ich bin Atheist geworden.“ Dennoch solle und dürfe jeder glauben, an was er möchte.

Warum er mit seiner Familie nicht geflohen ist, war ebenfalls eine Frage aus dem Plenum. Noch bis 1938 sei sein Vater davon ausgegangen, dass er als geachteter ehemaliger Frontsoldat nicht betroffen sei. Eine fatale Fehleinschätzung– doch 1938 war es bereits zu spät für eine Flucht. Viele Zuhörerinnen und Zuhörer wollten zudem wissen, ob Horst Selbiger den Deutschen jemals verzeihen könne. „Wer Schuld auf sich geladen hat, soll auch dafür büßen. Absolution verteile ich nicht.“ Der 93-Jährige sagt das mit fester Stimme. Verbittert wirkt er nicht, aber bestimmt. Hoffnungsvoll blickt er dagegen auf die nächste Generation. „Ich denke, dass die Jugend auf einem guten Weg ist.“

Info

Der Abend mit dem Zeitzeugen Horst Selbiger war eine Veranstaltung, die an das Gedenkjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ erinnert.

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