28.04.2021

Das solidarische Dorf

Simon Harhues vor dem historischen Hauptgebäude der solidarischen Dorfgemeinschaft Schloss Tempelhof, die sich auch als „Zukunftswerkstatt für alternatives Leben“ beschreibt.

Kreßberg. Seit 2017 wohnt Simon Harhues aus Münster in einer solidarischen Dorfgemeinschaft in Baden-Württemberg– ökologischer Landbau, gemeinsame Küche, eigene Bäckerei und Schule inklusive. Geprägt hat ihn auch seine Zeit in der Pfarrei St.Mauritz, Münster.

von Marie-Theres Himstedt 

Gelebte Idylle, Aussteigerkommune oder experimentelles Wohnen und Arbeiten? Die Gemeinschaft Schloss Tempelhof in Kreßberg, zwischen Stuttgart und Nürnberg, liegt irgendwo dazwischen. 150 Menschen, davon 50 Kinder, leben hier nach dem Solidaritätsprinzip auf 30 Hektar, davon sind 26 Hektar landwirtschaftliche Anbaufläche. Mittendrin der gebürtige Münsteraner Simon Harhues.

„Eigentlich bin ich durch Zufall hier gelandet“, sagt der junge Mann mit Bart und langem Zopf vor dem Computer-Bildschirm in seinem WG-Zimmer. 2007 ging es für sein duales Informatik-Studium von Münster nach Passau. In zehn Jahren ist er dann studien- und berufsbedingt zwölf Mal umgezogen. Die Frage „Wie will ich eigentlich leben?“ ist immer mal wieder aufgetaucht, und nach zwei Jahren Gesprächen, Praktika und intensivem Austausch mit den Dorfbewohnern hat er sich auf dem Tempelhof niedergelassen.

Ein umfangreiches Kennenlernverfahren, dem sich jeder Neue stellen muss, lag damit hinter ihm. „Grundsätzlich leben hier ganz normale Leute mit ganz normalen Berufen“, sagt der 33-Jährige. In seiner WG wohnt noch ein alleinerziehender Vater mit seinen Töchtern, der bei der Hausmeisterei des Dorfes angestellt ist. 32000 Euro müssen alle einmalig in die Genossenschaftskasse einzahlen, 10000 Euro gibt es im Falle eines Austritts zurück. Dafür ist die Miete günstig. Für das Bio-Essen in der Dorf-Kantine zahlen die meisten einen selbst gewählten Solidar-Beitrag um die 350 Euro im Monat. Die Bewohner können aber auch zu Hause kochen.

Ökologische Selbstversorgung, digitales Arbeiten und achtsamer Umgang miteinander– das Dorf mit eigener Bäckerei, Gärtnerei, einem Geschäft, Hühnern, einer Imkerei, einem Kindergarten und einer Schule lebt vor allem vom gemeinsamen Entscheiden, das über Basisdemokratie hinausgeht.

„Das kann auch anstrengend sein“, weiß Simon Harhues, der die Dorfgemeinschaft als Moderator in den regelmäßigen Treffen unterstützt. Denn bei den Entscheidungsprozessen, die die Belange aller Bewohner betreffen, werde immer auch der Langsamste mitgenommen. Ein einziges Veto kann einen Prozess stoppen, und es wird neu diskutiert und abgestimmt. „Bis die Schule gebaut wurde, sind zum Beispiel zwei Jahre vergangen“, berichtet Simon Harhues. Dafür stand am Ende aber auch eine Entscheidung, die von allen mitgetragen wurde.

„Wir wollen hier keine Insel sein“, betont er. Vorbild vielleicht, Zukunftswerkstatt für alternatives Leben auch, aber keine abgeschottete Kommune nur für Aussteiger. Mit ihrer unter dem Aspekt der Permakultur geführten Landwirtschaft zum Beispiel weckt die Dorfgemeinschaft auch das Interesse von Forschung und Agrarvertretern.

Alle Mitglieder der Gemeinschaft leisten ein „Commitment“, eine Selbstverpflichtung für das Gemeinwohl, auch solche, die außerhalb des Dorfes arbeiten wie der IT-Experte: „Einige putzen die Kantine oder unsere ,Kulturkapelle‘, unser Veranstaltungszentrum.“ Er selbst kümmert sich vier Stunden die Woche um die PCs und technische Infrastruktur. Außerdem arbeitet er ehrenamtlich mit den Kindern an der Dorfschule, die sich unter anderem an den Leitlinien der Reformpädagoginnen Rebeca Wild und Maria Montessori orientiert.

Vereinfacht gesagt steht dahinter der Gedanke, die Kinder in einer vorbereiteten Umgebung beim eigenständigen Lernen zu begleiten. Simon Harhues erzählt begeistert von einem Beispiel: „Ein Jugendlicher kam mit seinem Anliegen auf mich zu, ob wir einen 3-D-Drucker bauen könnten, also einen computergesteuerten Drucker, der dreidimensionale Produkte erstellen kann. Das hat zwar etwas gedauert, aber jetzt läuft er“, berichtet er nicht ohne Stolz. Die Schule begleitet die Kinder bis zum Realschulabschluss.

Eigentlich könnte Harhues mit seinem IT-Studium, unter anderem in Wirtschaftsinformatik, richtig viel Geld verdienen in seinem Job bei einem 6000 Mitarbeiter starken Konzern. Doch er hat seine Arbeit auf eine Drei-Tage-Woche reduziert. „Was ist denn der Preis dafür, dass du so leben kannst?“, wurde er neulich auf einem Online-Abend des Bildungswerkes der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) im Bistum Münster gefragt. Die KAB stellte in der Vortragsreihe mit unterschiedlichen Referenten die Frage nach einer zukunftsfähigen Gesellschaft, die Ehrenamt, Erwerbsarbeit und Familienarbeit gleichwertig anerkennt.

Für Simon Harhues ist die Sache klar: „Ich verzichte nicht– ich gewinne freie Zeit. Für andere und für mich.“ Das sei so vielleicht nur möglich, weil er in einer Branche mit einem hohen Lohnniveau tätig sei. „Da bin ich mir meiner Privilegien bewusst.“ Die damit einhergehende Flexibilität von Homeoffice und Teilzeit sei aber Fluch und Segen zugleich.

An seinen freien Tagen checkt er zwischendurch Dienstmails, um auf dem Laufenden zu bleiben. „Es ist eine Balance zwischen Geben und Nehmen.“ Warum er sich für dieses Leben entschieden hat? „Nach meinem Bachelor habe ich mich gefragt: Wie bekomme ich wieder mehr ,Mensch‘ in mein Studium?“ Das reine fachbasierte Arbeiten reichte ihm nicht. Eine Haltung, die auch von seinen Eltern geprägt wurde. Seine Mutter leitet das Bildungswerk der KAB im Bistum Münster.

Im Abitur belegte er die Leistungskurse Physik und Erziehungswissenschaften. „Ich möchte Dinge gerne umfassend verstehen“, sagt er über sich und diese ungewöhnliche Kombination. „Ich habe auch immer schon gerne mit Menschen gearbeitet“, fügt er hinzu. In seiner damaligen Gemeinde Christus König/Erpho in Münster, heute St.Mauritz, leitete er Messdienergruppen, organisierte Ferienlager mit und hatte gute Kontakte zur Effata-Jugendkirche. „Eine Kirche, die sich der Schöpfungsbewahrung verschreibt, da kann ich auch heute noch mitgehen“, meint er.

Spiritualität sei in seiner jetzigen Lebensphase nicht sein größtes Thema, „aber die Erlebnisse und die progressive Art von Pfarrer Hubertus Krampe sind mir in guter Erinnerung geblieben“, sagt er. In der Gemeinschaft Schloss Tempelhof schätzt er vor allem die Vision der Vielfalt, wo unterschiedliche Weltanschauungen gleichberechtigt und friedlich nebeneinander stehen. „Wir vertreten kein geistiges oder politisches Dogma“, sagt er. Die Gemeinschaft habe sich sechs weiteren Werten verschrieben. Er zählt auf: „Gemeinschaft im Wir“, in dem der Einzelne gestalterisch frei ist, das „All-Leader-Prinzip“, das jeden Menschen mit seinen Fähigkeiten anerkennt, Nachhaltigkeit, eine solidarische Ökonomie und Verantwortung sowie eine achtsame Kommunikationskultur.

Lästern ist beispielsweise tabu: „Hört sich für Außenstehende komisch an, aber wir versuchen zum Beispiel über Dritte, wenn wir über sie reden, so zu sprechen, als ob die Person dabei wäre.“ Wenn er scherzhaft gefragt wird: „Na, wie geht’s in deiner Sekte?“, kann Simon Harhues damit umgehen: „Es spiegelt mir zurück, wie unsere Gemeinschaft vielleicht von außen gesehen wird.“ Dann bringt er schon mal das Beispiel vom Car-Sharing. „Gemeinsam ein Auto nutzen, das kennst du auch aus deiner Stadt, das machen wir hier auch. Und zusätzlich machen wir hier auch noch ,Waschmaschinen-Sharing‘.“

Er ist überzeugt: „Wir müssen dahin kommen, mit Ressourcen schonender umzugehen.“ Dahinter steht für ihn die Frage: „Wie geht das mit den Menschen? Und wie kann es gut gehen?“ Eine Frage, auf die er offensichtlich in der Gemeinschaft Schloss Tempelhof eine Antwort gefunden hat.

Hintergrund

Die Gemeinschaft Tempelhof hat ihren Standort in Kreßberg, in der Nähe von Schwäbisch Hall, zwischen Stuttgart und Nürnberg. Auf einem ehemaligen Adelssitz mit Lustschloss aus dem 17.Jahrhundert betrieb die Diakonie bis in die 1990er-Jahre ein Kinderheim und später eine Behinderteneinrichtung auf dem Gelände. 2010 kauften die Gründungsmitglieder aus München die Anlage. Das Kommunikationsprinzip basiert unter anderem auf den Theorien des US-amerikanischen Psychiaters und Therapeuten Scott Peck (1936–2005). Nähere Informationen unter: www.schloss-tempelhof.de

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