„Wegweiser in einer dunklen Zeit“

100 Tage nach der Amtseinführung: US-Präsident Joe Biden und sein katholischer Glaube

Der Glaube spielt im Leben des amtierenden US-­Präsidenten (r.) eine große Rolle: Das Bild zeigt ihn am vergangenen Sonntag bei der Konfirmation seines Enkels. Foto: Picture-Alliance
veröffentlicht am 21.04.2021
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Washington. „Die Soziallehre der katholischen Kirche ist für mein politisches Handeln Richtschnur.“ Das sagt kein Geringerer als Joe Biden jr., 46. Präsident der USA, Sohn irischer Katholiken. Die Soziallehre stimme mit den Werten der US-Verfassung überein: Freiheit, Gleichheit und Zuwendung zum Nächsten. Der 78-jährige Biden bezeichnet den Glauben als „Wegweiser in einer dunklen Zeit“.

von Klaus Prömpers

Der prägt seinen Zugang zum Kampf gegen Rassismus, gegen Armut, gegen Klimawandel, für soziale Gerechtigkeit und für die Aufnahme und Integration von Geflüchteten. So erklärte er auch Papst Franziskus seine Pläne, als der ihm nach dem Wahlsieg telefonisch gratulierte.

Am Tag der Vereidigung des zweiten katholischen US-Präsidenten nach John F. Kennedy vor 60 Jahren war sichtbar, wie wichtig Präsident Biden Glauben und Kirche sind. Er begann den Tag mit einer Messe in der Washingtoner Kirche Matthäus. Sein Heimatpfarrer segnete den neuen Präsidenten und Vizepräsidentin Kamal Harris, eine Baptistin, nach der Vereidigung vor dem Kapitol. Im Angesicht der mehr als 400000 Toten durch die COVID-19-Pandemie zitierte Biden in seiner Ansprache aus Psalm 30: „Wenn man am Abend auch weint, am Morgen herrscht wieder Jubel.“

Bidens Wunsch: Das Land wieder einen

Er berief sich auf Kirchenvater Augustinus: „Ein Volk ist die Vereinigung einer vernünftigen Menge, geeint durch einträchtige und allgemeine Teilnahme an Dingen, die sie schätzt.“ Teil seines Versuches, das unter der Vorgängerregierung durch Donald Trump tief gespaltene Land wieder zu einen.

Als Erstes ist ihm wichtig, aus der Pandemie herauszukommen und die US-Wirtschaft wieder anzukurbeln, damit die größer gewordene Schere zwischen Armen und Reichen sich nicht noch weiter vergrößert. Der Präsident verlängerte die Aufenthaltsbewilligung für 800000 ohne Papiere und ohne Eltern eingewanderte Kinder, Trump wollte sie möglichst bald in ihre Herkunftsländer zurückschicken. Dafür lobte ihn am zweiten Tag im Amt die US-amerikanische Bischofskonferenz. Die Bischöfe boten ihm in der Frage der Immigranten ihre Unterstützung an; die wird er brauchen, denn das Problem wird täglich größer. Er kehrte ins Pariser Klimaabkommen zurück, sicher mit einem Seitenblick auf die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus.

Gänzlich konfliktfrei ist das Verhältnis von Joe Biden zu seiner Kirche nicht: Der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz, Los Angeles’ Erzbischof Gomez, gratulierte zur Amtseinführung mit Worten, die sich wie eine Klage lasen: „Für die Bischöfe der Nation ist die andauernde Ungerechtigkeit der Abtreibung die überragende Priorität. Wir können nicht schweigen, wenn Jahr für Jahr eine Million ungeborenen Lebens zur Seite geschafft werden.“ Chicagos Kardinal Cupich kritisierte noch am gleichen Tag diese Stellungnahme per Twitter als zu scharf und in der Bischofskonferenz nicht abgestimmt. 

Bereits vor der Wahl hatten mehrere Bischöfe gefordert, Katholik Joe Biden müsse wegen seiner Haltung zur Abtreibung exkommuniziert werden. Deshalb dürften gläubige Katholiken ihn auf keinen Fall wählen. 1,2-Millionen-Mal wurde ein Video auf Youtube geklickt, in dem Pfarrer James Altmann aus La Crosse, Wisconsin, erklärte: Wer den Demokraten Biden wähle, komme in die Hölle. Der Bischof von Pittsburgh, David Kubik, widersprach und forderte die Gläubigen auf, auch die Themen „Rassismus, Menschenhandel, Todesstrafe oder die Not der Armen und der Flüchtlinge“ bei der Wahlentscheidung zu berücksichtigen.

In der Mitte der Gesellschaft angekommen

Ein nächster Test wird das Pfingstwochenende sein. Alljährlich feiert die größte katholische Universität der USA, Notre Dame in Indiana, ihre Abschlussfeier der Studenten. Wird Joe Biden dort die Festrede halten?

Mit rund 80 Millionen stellen Katholiken in den USA praktisch ein Viertel der Bevölkerung. Schon im Januar begann der Streit: Darf die katholische Universität den Präsidenten und Katholiken einladen, da er doch die Praxis der Abtreibung toleriert? Dennoch: Mit Joe Biden als zweitem katholischen Präsidenten sind die Katholiken endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen – mit allen Unterschieden in Einzelfragen.

Zur Person

Klaus Prömpers, Jahrgang 1949, war bis 2014 ZDF-Korrespondent in New York, davor in Wien und in Brüssel. Bis 1999 war er Redakteur im Studio Bonn und dort zum Beispiel für die Sendung „Bonn direkt“ verantwortlich.

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