„Weil Mama diesen Leuten hilft“

Die deutsche Sozialarbeiterin Jenny Rasche bei armen Roma-Familien in Rumänien

Trostlos: eine typische Roma--Siedlung am Rande irgendeiner rumänischen Stadt. Wer sich in Rumänien für Roma einsetzt, muss mit harter Kritik rechnen. Gerade Lokalpolitiker sehen ein solches Engagement häufig nicht gern. Das musste auch Jenny Rasche erfahren, doch mittlerweile wird ihre Hilfe anerkannt. Foto: KNA
veröffentlicht am 14.04.2021
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Sibiu (KNA). Ja, es stimmt. Rumänien ist ein ziemlich christlich geprägtes Land, mit ungezählten Klöstern, Kapellen und Kirchen. Auch die im EU-Vergleich vielen Gottesdienstbesucher zeigen, wie eng verbunden Rumänen trotz der Jahrzehnte des Kommunismus mit ihrem Glauben leben.
von Benedikt Vallendar
Doch der Eindruck kann auch täuschen– etwa wenn es um die Volksgruppe der Roma geht. „Von christlicher Nächstenliebe ist dann nur noch wenig zu spüren, und das durch alle sozialen Schichten“, beklagt die deutsche Sozialarbeiterin Jenny Rasche. Ablehnung, Naserümpfen und manchmal offener Hass begegnet Roma auf Schritt und Tritt; und oft auch jenen, die versuchen, ihnen zu helfen.
Rasches älteste Tochter etwa, die in Sibiu (Hermannstadt) ein Gymnasium besucht, fand lange Zeit keine Freunde, weil „Mama diesen Leuten hilft“, wie sie oft zu hören bekam. Seit fast 20 Jahren lebt Jenny Rasche mit Ehemann und Familie am Stadtrand von Sibiu in Siebenbürgen und leistet dort Sozialarbeit für Benachteiligte. Bezahlt wird sie von einer Schweizer Stiftung.
Wiederholt legten ihr Lokalpolitiker nahe, das Land zu verlassen. Rasche gilt als unangepasst; eine rothaarige Querdenkerin mit bunt tätowierten Unterarmen und einem Universitätsabschluss in Theologie. 
Druck aus Brüsselsorgt für Bewegung
Was als private Reise begann, ist heute ein eingetragener Verein mit fest angestellten Fachkräften, Kinderheimen und Unterstützern aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Längst hat Rasche im Landkreis Sibiu Aufgaben übernommen, die eigentlich Sache des Staates wären. Der begann erst in jüngerer Zeit, soziale Verantwortung zu übernehmen; wohl auch wegen des Drucks aus Brüssel. „Vor allem hat die Politik erkannt, wie wichtig Bildung und Ausbildung sind“, sagt Rasche. Dutzende Roma konnte sie in den vergangenen Jahren an Betriebe vermitteln, wo sie ein Handwerk oder etwas im Haushaltsbereich erlernen. Einige wenige haben es auch aufs Lyzeum geschafft, das rumänische Gymnasium.
Immerhin: Die Stimmen derer, die Rasche am liebsten wieder in Deutschland sähen, seien leiser geworden, sagt sie. Immer mehr rumänischen Politikern dämmert, dass ihnen die junge Deutsche einen Spiegel vorhält, in den sie nur ungern schauen wollen. Viele Roma seien nach jahrzehntelanger Diskriminierung traumatisiert, gefangen in einem Teufelskreis aus mangelnder Bildung, Drogenmissbrauch und archaischen Denkmustern, in denen Frauen auf das möglichst frühe und zahlreiche Gebären reduziert würden.
Heute geht es im vereinseigenen VW-Bus zu einem Einsatz am Stadtrand; über gut asphaltierte Straßen und vorbei an schicken Villen; neben Parks und schmucken Einfamilienhäusern, abgesichert durch Alarmanlagen und spitzzackige Stahlzäune. Auch in Rumänien gibt es eine Mittelschicht. Menschen, die ihren Wohlstand zeigen, verteidigen und sich offen abgrenzen von den Roma. Nach halbstündiger Fahrt biegt der Bus in eine nicht asphaltierte Siedlung. Dank Allradantrieb bleibt das Fahrzeug auch im Matsch in der Spur. Aus Schornsteinen steigt Rauch auf; ein strenger Geruch aus Kohl, Abgasen und Tierkot hängt in der Luft. Hinter einem Hügel führt die Straße zu einem ärmlichen Gehöft, vor dem zerlumpte Kinder mit einer Ziege spielen. 
„Hallo zusammen“, sagt Rasche auf Rumänisch, streicht einem Jungen über den Kopf und stapft durch die Pfützen. Eine bunt gekleidete Frau steht in der Tür. Trotz ihrer erst 21 Jahre hat sie schon vier Kinder zur Welt gebracht; in der Siedlung fast die Norm. Das Elend, in dem die Familie lebt, offenbart sich beim Betreten der kleinen Behausung. Auf einer verrußten Feuerplatte stehen Essensreste. Es riecht nach schmutziger Wäsche.
Viele Hütten ohnesanitäre Einrichtungen
Auf weniger als 20 Quadratmetern leben neun Personen; an der Decke blüht Schimmel. „Was dazu führt, dass Männer ihre Kinder verprügeln und weitere gezeugt werden, um die sich nachher keiner kümmert“, beschreibt Jenny den Alltag in dieser Siedlung– und dass es so an „vielen Orten Rumäniens“ aussehe, fügt sie leise hinzu, den Tränen nahe.
In der Hütte gibt es keine Sanitäreinrichtungen. Im Winter kauert die Familie um den glühend heißen Ofen, auf dem auch gekocht wird, während es von oben hineintropft. Und doch gibt es auch ein paar Lichtblicke. Stolz sei sie, sagt Rasche beim Abschied, dass sie und ihre Helfer seit 2003 mehr als 100 feste Unterkünfte für Roma-Familien errichtet hätten. Weitere seien in Planung.

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