Ein besonderer Geburtstag

Orgelkonzert nähert sich in Hamm dem Originalklang von Johann Sebastian Bach an

Die hingerissenen Besucher spendeten lange Standing Ovations. Foto: Körtling
veröffentlicht am 07.04.2021
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

Hamm. Zum 336.Geburtstag von Johann Sebastian Bach hatte sich Dekanatskirchenmusiker Johannes Krutmann eine Beschränkung auferlegt: Er verzichtete auf die vielen Möglichkeiten der Goll-Orgel in der Liebfrauenkirche und orientierte sich am historischen Vorbild. Kurz gesagt: Er ließ Bachs Werke so erklingen, wie sie seine Zeitgenossen hörten.

von Peter Körtling

Im Rahmen einer musikalischen Andacht näherte er sich der überlieferten Disposition der Silbermann-Orgel von 1720 an, die in der Dresdener Sophienkirche stand. An diesem Instrument hatte Bach selbst am 14.September 1731 das überlieferte und hier bewusst klassisch intonierte Konzert gespielt.

Die geringe Dimensionierung des Pedals mit nur vier Registern oder die ungleichstufige Temperierung wurden dabei von Krutmann ebenso beibehalten wie das Maximum von zehn gleichzeitig gespielten Registern. So blieb der ganz große, inzwischen gewohnte, Pomp aus. Doch die hervortretende Schärfe beeindruckte.

Die gespielten Werke waren das Allabreve D-Dur BWV 589, die Fantasie– auch Pièce d’Orgue genannt– G-Dur BWV 572, das Präludium und Fuge h-Moll BWV 544, Variationen zum Choral „Sei gegrüßet, Jesu gütig“ BWV 768, die Andante d-Moll aus dem Concerto nach italiaenischen Gusto, BWV 971, sowie das Präludium und Fuge G-Dur BWV 541. 

Einige von ihnen, wie das Concerto nach italiaenischen Gusto, wurden erst später endgültig von Bach fertiggestellt. Doch war dieses Werk insgesamt damals wie heute zu hören. Besonders zu erwähnen ist dabei auch, dass viele Forscher das Leipziger Konzert als den Anlass sehen, zu dem das Präludium und Fuge in h-Moll überhaupt komponiert wurde.

Beeindruckend ohne Rausch

Die zurückgenommene Spielweise beeindruckte, denn ohne den heute üblichen, rauschhaften Charakter führte es zurück zum Wesentlichen: Das Allabreve D-Dur gestaltete sich klar, fast streng. Diesen geradezu  akademisch-feierlichen Auftakt hatte Bach gut gewählt, um die von ihm ergriffene Fortschreibung der Kompositionstechnik nach und nach aufzuzeigen.

Nach der Eröffnung folgte die „Fantasie“, nach dessen einstimmiger Eröffnung im Mittelteil die ausführliche Vorstellung des vollen Werkes erfolgte. Die exquisite Harmonik in vollgriffiger, fünfstimmiger Satztechnik beeindruckte bis zu den virtuosen Schlusskaskaden. Trotz der eleganten Leichtigkeit des Klangs wurde die Musik leichter verfolgbar. Der Wechsel vom strukturierten Beginn zum beeindruckenden Finale endete trotz der Einschränkung in einem atemlos machenden Spannungsbogen.

Zum Präludium und Fuge in h-Moll wurde, statt des üblichen Orgelplenums, eine eher kammermusikalische Registrierung mit Äqual-Verdoppelungen gewählt. Gerade deshalb kamen in dem expressiven Werk die empfindsamen und dramatischen Momente voll zur Geltung und ließen sich besser unterscheiden als bei der heute möglichen und oft geradezu prachtvoll-überladenen Intonierung. 

Bei den Varianten zum Choral zeigte sich eine Vielfalt, die Bach klar als den großen Meister nachwies. Im Fall der Andante d-Moll wiederum fiel die seinerzeit unübliche Registrierung eines langsamen Satzes im lyrisch-modernen Stil auf. So hatte Bach selbst schon den Zuhörern seiner Zeit einen ganzen Entwicklungsbogen in einem Konzert geschenkt. Beim Abschließenden Präludium und Fuge G-Dur hatte der Meister ein älteres Werk so überarbeitet, dass auf die Norddeutsche Tokkaten-Eröffnung der italienisch-konzertante Stil folgte.

Die rund 80 Besucher in der Liebfrauenkirche waren so beeindruckt, dass sie, unter Einhaltung der Abstände, nach wenigen Sekunden aufsprangen und lange lauten Applaus spendeten. „Ich habe den Eindruck, das Experiment ist aufgegangen“, sagte Krutmann anschließend lächelnd. „Eine wirklich außergewöhnliche Erfahrung“, nannte Pfarrer Ralf Dunker das Konzert.

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