Was ist Gottesdienst?

Dom-Reihe zu Liturgie: Wie sich die Erlösung „vollzieht“

Bergsteiger auf dem Gipfel der Zugspitze. Was sie dort erleben, soll auch in der Liturgie spürbar sein, die gemäß dem Konzil „culmen et simul fons“, Gipfel und zugleich Quelle im Tun der Kirche ist. Foto: Hermann Traub/Pixabay
veröffentlicht am 18.02.2021
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Wer „Gottesdienst“ hört, denkt in der Regel an „Messe“. Verständlich, denn lange war sie die gängige, teilweise die einzige Gottesdienstform, die in den Gemeinden gefeiert wurde – sonntags wie werktags. Oft kommen erst unter den Vorzeichen des Priestermangels und der Umstrukturierungen auch andere Gottesdienstformen, wie z. B. die sogenannte Wort-Gottes- Feier, in den Blick, die dann aber oft nicht als vollwertige Gottesdienste wahrgenommen werden, sondern als Ersatzlösungen. Aber offenbar gibt es verschiedene Gottesdienstformen. Welche sind das? Und was macht überhaupt einen Gottesdienst zu einem Gottesdienst?

Um zu verstehen, was Gottesdienst ist, bildet aus heutiger Sicht das Zweite Vatikanische Konzil den Bezugspunkt. Und das Konzil findet große Worte für die Liturgie (Fachbegriff für Gottesdienst), wenn es sie bezeichnet als den „Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt“. Und weiter heißt es, von der Liturgie „fließt uns wie aus einer Quelle die Gnade zu“. (Liturgiekonstitution, Nr. 10)

Gottesdienst als „Quelle und Höhepunkt“? Das kann schon verwundern, wenn man bedenkt, welche Herausforderungen sich der Kirche gesellschaftlich, aber auch innerkirchlich heutzutage stellen. Sollte die Kirche tatsächlich angesichts dessen nichts Wichtigeres zu tun haben, als sich selbst in ihren Gottesdiensten zu feiern? Hier gibt das Konzil selbst den entscheidenden Hinweis, denn vorher heißt es, dass sich in der Liturgie „das Werk unserer Erlösung“ vollziehe (Nr. 2). Das ist – salopp gesprochen – der „Knackpunkt“, der sich freilich nur erschließt, wenn Gottesdienste in entsprechender Weise gefeiert werden. Was eher Konsens sein dürfte: Im Gottesdienst gedenkt man der Erlösung; man dankt Gott dafür; und man bittet um diese Erlösung auch in Zukunft für sich und andere. Aber „vollziehen“?

Eine Tat aus Liebe

Was „vollziehen“ meint, wird deutlich, wenn man sich auf die Anfänge des Gottesdienstes zurückbesinnt. Beim letzten Abendmahl macht Jesus etwas Besonderes, das über die jüdischen Bräuche hinausgeht: Er deutet das Brechen und Essen des Brotes und das Trinken des Weines aus dem Kelch im Vorgriff auf die Ereignisse des Karfreitags. Was am Karfreitag geschieht, ist nicht einfach die Hinrichtung eines Menschen am Kreuz. Vielmehr sagt Jesus beim letzten Abendmahl, dass er seinen Leib für uns hingibt und sein Blut für uns vergießt. So wird aus seinem Sterben eine Tat aus Liebe. Und der Verzehr von Brot und Wein werden im Mahl der Eucharistie zu der Weise, auf die Jesus uns an dieser Liebe Anteil gibt – eine Liebe, die für uns sogar das eigene Leben verschenkt und durch den Tod geht. Wer an dieser Liebe Anteil erhält, bekommt letztlich Gemeinschaft mit Jesus Christus selbst geschenkt. Die Theologie beschreibt dies mit dem wichtigen, aber ungewöhnlichen Begriff „Pascha- Mysterium“. Gemeint ist damit das, was die Gläubigen in jeder Messfeier an zentraler Stelle als Geheimnis des Glaubens bekennen: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir …“

Insofern vollzieht sich im Gottesdienst das „Werk der Erlösung“, und Kirche feiert sich eben nicht selbst. Dies gilt für alle Gottesdienstformen. Sie umfassen zum einen alle Sakramente, denn Sakramente gibt es nicht an und für sich, sondern immer nur konkret als eine gottesdienstliche Feier – sei es im Rhythmus der Zeit (Eucharistie) oder des eigenen Lebens (Taufe, Firmung, Beichte, Trauung, Weihe, Krankensalbung). Zum anderen zählen aber auch nicht sakramentale Gottesdienste zur Liturgie. Hier gibt es die sogenannten Sakramentalien (Segensfeiern, kirchliche Bestattung), Gottesdienste, die die Heilige Schrift ins Zentrum stellen (Tagzeitenliturgie bzw. Stundengebet, Wort-Gottes- Feier), sowie – je nach Gestaltung – den Bereich der Andachten. Gemeinsam ist allen, dass sie im Sakrament oder durch das Wort der Heiligen Schrift dem Heilshandeln Gottes an den Feiernden Raum geben.

Info

Neue Reihe: Liturgie

Die territorialen und strukturellen Änderungen in der Kirche wirken sich auch auf das aus, was in ihr Quelle und Höhepunkt sein will: die Liturgie. Und nicht erst seit Corona ist zu beobachten, dass Anspruch und Wirklichkeit ziemlich auseinanderklaffen. Aber die Pandemie offenbart auch, wie viele engagierte Menschen es in diesem Feld gibt, wie wichtig vielen in den Gemeinden die Liturgie ist. Deswegen starten wir in dieser Ausgabe eine neue Reihe, die wir in lockerer Folge fortsetzen werden und in der es um die Grundlagen der Liturgie gehen soll. Wer zu Hause in der eigenen Gemeinde, im eigenen Verband einen Gottesdienst vorbereitet, sollte ja nicht nur wissen, wie es geht, sondern um was es überhaupt geht. Dazu will unsere Reihe beitragen. 

Autor ist Prof. Dr. Alexander Saberschinsky. Er lehrt Liturgiewissenschaft an der Katholischen Hochschule NRW in Paderborn und der Kölner Hochschule für Katholische Theologie. Hauptberuflich ist er im Erzbistum Köln als Liturgiereferent tätig.

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