Segensreich

Oh du Fröhliche oder ist es nicht alles zum Heulen?

veröffentlicht am 08.01.2021
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

Da sitzt man nun am zweiten Sonntag nach Weihnachten maskiert und stumm in einer ziemlich leeren und ziemlich kalten Kirche, erschöpft von den vergangenen Monaten der Pandemie und irgendwie auch ermattet von der Feiertagsdauerschleife. „O du fröhliche“ spielt die Orgel, als sei nichts, einem selbst ist eher zum Heulen zumute, weil sich das alles irgendwie falsch anfühlt. Bischöfe, Politikerinnen und Politiker haben in den vergangenen Tagen Gemeinsinn und Solidarität beschworen und gelobt; das Fernsehen zeigt unbegreifliche Bilder aus Winterberg und noch unbegreiflichere aus Bosnien.

Und da kommt einem aus der zweiten Lesung das Wort Segen entgegen: „Gott hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel“, hat jemand im Namen des Paulus an die Gemeinde in Ephesus geschrieben. Übrigens: Wenn man mal kurz googelt, wo dieses Ephesus genau liegt, landet man in einem Urlaubsforum, in dem Leute sich darüber beklagen, dass sie dort, in der Türkei, von Flüchtlingen belästigt werden. Das war aus der Zeit, als man noch reisen konnte.

Das Wort Segen begegnet einem in den Tagen rund um den Jahreswechsel oft und das hat mit den Sternsingern zu tun. Zu Jahresbeginn passiert allgemein wenig, in den Medien ist also viel Platz und zum Glück ist das eine Aktion, die nicht nur punktuell, sondern noch immer flächendeckend stattfindet. Nun muss man sagen, dass die Sternsinger ja den Segen nicht bringen, sondern nur aussprechen, was längst geschenkt ist. Gerade deswegen ist es wichtig, dass der Segen– wenn eben möglich– gebracht wird und nicht irgendwo zu einem Termin abgeholt werden kann. Und so ist es eindrucksvoll zu erfahren, wie kreativ die Leute in den Gemeinden sind, um das zu ermöglichen.

Zu den Besuchen, die coronabedingt flachfallen, gehört auch der im Kanzleramt. Vielleicht könnte dennoch irgendwer dafür sorgen, dass der Schriftzug, den wir auf den Dom-Titel genommen haben, dort zu lesen sein wird. Denn der Segen, so sehr er Geschenk ist, ist auch Antrieb, vielleicht sogar Mahnung. Der Segen ist jedenfalls nichts, was in eine Vitrine gehört und irgendwann bei „Bares für Rares“ feilgeboten wird. „Segen bringen– Segen sein“ lautet schon fast traditionell das Motto der Aktion Dreikönigssingen. Und so möchte man der Kanzlerin sagen: Die Fische im Ärmelkanal sind verteilt, der Brexit also vollzogen, jetzt muss sich endlich jemand um die frierenden Menschen in Bosnien kümmern. 

Ihnen allen wünschen wir von Redaktion und Verlag ein gesegnetes Jahr 2021. Danke für Ihre Zuneigung, die wir immer wieder erfahren und die uns– gerade auch in Pandemie-Zeiten– Woche für Woche ermutigt, eine Dom-Ausgabe zu machen.

Claudia Auffenberg

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