„Die Erde braucht uns nicht.“

Interview mit dem Theologen und Zoologen Dr. Rainer Hagencord

Die Goldammer hat einen markanten Gesang, der ein bisschen nach „Wie, wie, wie hab ich dich liiiieb“ klingt. Fotos: Jan Preller, Wald und Holz NRW
veröffentlicht am 14.08.2020
Lesezeit: ungefähr 5 Minuten

Zu Mariä Himmelfahrt erinnern sich viele an die Heilkraft der Natur und binden Krautbunde, um sie in der Kirche segnen zu lassen. Es gibt ihn also noch, den Respekt vor der Schöpfung. Doch es braucht mehr als ein traditionelles Ritual. Das Artensterben auf der Erde ist dramatisch. Der Theologe und Zoologe Rainer Hagencord fordert, dass die Kirche in Deutschland dieser Katastrophe oberste Priorität gibt. Und dass gerade Christen ihren Lebensstil ändern.

Herr Hagencord, Sie sind Theologe und Zoologe und beschäftigen sich seit Jahren mit dem Artensterben? Was passiert da gerade auf dem Planeten?

Dramatischer geht es nicht. Bereits vor zehn Jahren gab es Prognosen, dass wir im Jahr 2020 wahrscheinlich ein Viertel oder ein Drittel aller Arten, Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen verloren haben. Und genau da stehen wir jetzt. Dramatisch ist die Situation, weil die ganze Welt des Lebendigen bekanntlich miteinander so vernetzt ist, dass mit dem Verlust einzelner Arten ganze Ökosysteme auf unserem schönen Planeten gefährdet sind.

Was bedeutet das für die Menschheit?

Wir Menschen können nur überleben, wenn möglichst viele andere Arten auch leben und sich ausbreiten. Doch es geht nicht nur um uns. Papst Franziskus macht sich für eine Theologie stark, die vom Eigenwert der anderen Kreaturen spricht. Er sagt in seiner Enzyklika Laudato si: „Unseretwegen können bereits tausende Arten nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen noch uns ihre Botschaft vermitteln. Dazu haben wir kein Recht.“ Der Papst macht deutlich, dass sich in jedem Geschöpf die göttliche Wirklichkeit zeigt. Das heißt: Mit dem Verlust der Arten, mit ihrer Ausrottung, bringen wir Gott zum Schweigen.

Das Aussterben welcher Arten bedrückt Sie besonders?

Wenn ich beispielsweise im schönen Münsterland an den Feldern vorbeifahre und bemerke, hier waren doch im letzten Jahr noch die Goldammer und der Kiebitz, dann geht mir ein Stich ins Herz. Das passiert aber auch, wenn ich mich mit dem Insektensterben beschäftige, den vielen Bienen, Libellen und Schmetterlingsarten, die bereits fehlen. Wenn ich dann noch in der Zeitung lese, welche Arten in den Korallenriffen und Regenwäldern vernichtet werden, wird mir angst und bange. Aber ich bemerke auch Zorn und Traurigkeit. Ich glaube, dass wir uns an einer Stelle befinden, an der das Ganze nicht mehr reversibel ist.

Haben Sie eine Idee, warum viele Menschen das Artensterben achselzuckend hinnehmen?

Das macht mich manchmal fast sprachlos. Wir haben spätestens seit Fridays for Future große Bewegungen, die darauf hinweisen, dass dieses Artensterben unsere Grundlagen zerstört. Zugleich beobachte ich aber auch eine Naturentfremdung. Vielen Menschen fehlt inzwischen die Erfahrung, in der Natur unterwegs zu sein und sich inmitten anderer Geschöpfe zu spüren. Wir erleben aktuell die Auswanderung einer ganzen Generation aus der natürlichen Mitwelt in die virtuelle Welt. Viele Menschen nehmen gar nicht mehr wahr, was alles um sie herum schon fehlt.

Wie ließe sich das ändern?

Durch eine erfahrungsorientierte Bildung. Wir sollten Kindern wieder mehr Naturerfahrungen ermöglichen. Wenn Sie mal mit Kindern auf einer Wiese unterwegs sind, wächst bei vielen auch die Lust und die Leidenschaft, mehr zu erfahren und die Tiere zu schützen. Auf eine Katastrophenpädagogik setze ich dagegen nicht. Aus meinen Lehrveranstaltungen weiß ich, dass Bilder von Schlachthöfen oder gerodeten Regenwäldern eher in eine Passivität oder Abgrenzung führen. Natürlich muss auch politisch einiges passieren. Die industrielle Landwirtschaft ist eine der größten Ursache für den Artenschwund.

Inwiefern?

Durch einen immer größeren Druck, möglichst viele Lebensmittel für immer weniger Geld zu produzieren, hat die Profitmaximierung in die Landwirtschaft Einzug gehalten. Den Preis zahlen die nachfolgenden Generationen, die Artenvielfalt, der Boden und das Grundwasser.Sie haben eben Laudato si angesprochen. Haben Sie den Eindruck, dass die Botschaft dieser Enzyklika angekommen ist?Ich erlebe in der reichen Kirche Deutschlands fast ein Verschweigen. So findet der groß angekündigte Prozess des Synodalen Weges statt, ohne auch nur einen Schwenk auf die ökologische Frage zu unternehmen. Dabei ist Laudato si das theologische Lehrbuch zur Krise. Es sollte oberste Priorität haben in einer Kirche, die sich auf den Weg macht, Menschen guten Willens anzusprechen und eine politisch relevante Theologie zu vermitteln. Aber das erlebe ich hier nicht.

Und anderswo?

In Lateinamerika lösen Bischöfe wie Erwin Kräutler mit der Enzyklika unter dem Arm gerade Bewegungen aus. Sie stellen sich auf die Seite der Indigenen und inszenieren Proteste gegen Brasiliens Präsident Bolsonaro. Ausgerechnet in den Ländern, die durch unseren Lebensstil und den kapitalistischen Raubbau am Rand einer Katastrophe stehen, macht sich die Kirche auf den Weg, die Agenda der Enzyklika umzusetzen. Bei uns wird sie weiter verschwiegen. Auch weil die Kirche die Ökosysteme, Tiere, Pflanzen in den letzten Jahrhunderten in ihrer Verkündigung vernachlässigt hat, stehen wir vor einer ökologischen Katastrophe.

Die ganze Reportage können Sie im Dom Nr. 33 nachlesen. Jetzt im unverbindlichen Probeabo den Dom vier Wochen neu entdecken! 

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