Warum es einen Tag gegen Hexenwahn gibt

„Tag gegen Hexenwahn“ am 10. August: Hilfswerk missio startet neue Aktion

Platz in Oyraip, Dorf in der Nähe der Stadt Mendi in der südlichen Hochebene von Papua Neuguinea Hier wurden zwei Frauen, Teno und Betty, als vermeintliche Hexen gefoltert. 2/2017
veröffentlicht am 31.07.2020
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Aachen. Als der sechsjährige Jonathan die vielen Menschen zum Dorfplatz strömen sieht, glaubt er, ein Fest sei im Gange. Neugierig folgt er mit seiner Mutter Christina. Er sieht Männer einen Scheiterhaufen anzünden, Holzpflöcke in den Boden rammen, und hört, wie sie wütend von Hexen reden. Plötzlich greifen sie seine Mutter, fesseln sie an die Pfähle, reißen ihr die Kleider vom Leib und quälen sie mit glühenden Eisen und Buschmessern.

Was der Junge und seine Mutter auf der Website des katholischen Hilfswerkes missio Aachen beschreiben, ist nicht etwa im „finsteren Mittelalter“ passiert, sondern am 10. August 2012 in Papua- Neuguinea. Hunderte schauten zu, darunter auch Polizisten, aber niemand griff ein – bis auf ein paar Kinder, die eine katholische Ordensfrau um Hilfe riefen. Doch die Folterer prügelten auch auf sie ein und schrien: „Verschwinde, sonst werden wir dich auch als Hexe verbrennen.“ 

Das Schicksal von Christina, die nur mit sehr viel Glück überlebt hat, ist für missio der Anlass, den 10. August zum „Internationalen Tag gegen den Hexenwahn“ aufzurufen – 2020 zum ersten Mal. Denn Christina sei kein Einzelfall, betont missio- Präsident Dirk Bingener, sondern Ähnliches passiere in mindestens 36 Ländern der Erde: „Und es betrifft Zehntausende vollkommen unschuldige Opfer. Und gerade, weil das so unvorstellbar ist und zugleich so schrecklich, braucht es viel mehr internationale Aufmerksamkeit.“ 

Die Zunahme von Menschenrechtsverletzungen im Zeichen eines Hexenwahns sähen auch die Vereinten Nationen mit Sorge, so Bingener weiter: „Wir gehen davon aus, dass in den letzten 60 Jahren weltweit mehr Menschen als vermeintliche Hexen getötet wurden als in 350 Jahren europäischer Hexenverfolgung im Mittelalter.“

Gewalt und Machtmissbrauch 

Dabei gehe es in erster Linie um Gewalt und Machtmissbrauch: „Außerdem geht es oft um eine Art Sündenbock: Für Unglücke, einen Todesfall, für eine Pandemie oder eine Naturkatastrophe zum Beispiel, die man sich nicht erklären kann, wird jemand verantwortlich gemacht.“ 

missio veröffentlicht zum „Tag gegen Hexenwahn“ eine Menschenrechtsstudie sowie eine Weltkarte mit den 36 Ländern, aus denen Informationen vorliegen aus den letzten Jahren über Gewalt im Zusammenhang mit dem Vorwurf der Hexerei. Schwerpunkte liegen in Afrika und Südostasien, aber auch vier lateinamerikanische Staaten sind genannt. 

Hexenwahn in allen Weltreligionen

Demnach tritt der Hexenwahn unabhängig von der Religion sowohl in christlich und muslimisch als auch in buddhistisch und hinduistisch geprägten Regionen auf. Die Übersicht basiert auf UN- Daten sowie auf Informationen des Witchcraft & Human Rights Information Network (WHRIN) und von missio- Projektpartnern. 

Partnern wie Therese Mema aus dem Kongo: Dort werden „seit Jahren viele Frauen und Kinder Opfer von Misshandlungen, nachdem sie der Hexerei beschuldigt wurden“. Und die Schweizer Ordensfrau Lorena Jenal, die Christina gerettet und aufgenommen hat, erklärt: „Dieser ‚Tag gegen Hexenwahn‘ ist ein Hilfeschrei, mit dem wir um Unterstützung im Kampf gegen diese Menschenrechtsverletzungen flehen.“ 

Aufklärungsarbeit wichtig

Schwester Lorena setzt auf Aufklärungsarbeit. Gleichzeitig baut sie mit missio ein Zen trum für Opfer der Hexenjagd. Für ihre Arbeit wurde sie unter anderem 2018 mit dem Weimarer Menschenrechtspreis ausgezeichnet.  

Mit dem neuen „Tag gegen Hexenwahn“ will missio ihr und anderen Opfern eine Stimme geben. „Wir wollen aufklären und zeigen: Hexenwahn ist kein Pro blem von gestern und vorgestern“, betont Bingener und sieht auch die Politik in der Pflicht: „Das Thema muss in der Menschenrechtsarbeit stärker beachtet werden, ebenso in der Entwicklungszusammenarbeit. Und jeder und jede von uns sollte darum wissen, sollte die Geschichten der Opfer wahrnehmen.“