Warum genaues Hinschauen so wichtig ist

BDKJ und Erzbistum schulen zum Thema Prävention sexualisierter Gewalt

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Der Theologe und Sexualpädagoge Matthias Kornowski ist beim BDKJ-Diözesanverband zuständig für Präventionsfragen und Pädagogischer Leiter des Referates Bundesfreiwilligendienst. Foto: BDKJ
veröffentlicht am 26.06.2020
Lesezeit: ungefähr 6 Minuten

Lügde, Bergisch-Gladbach, Münster– an diesen Orten wurde Kindern Schreckliches angetan, besser gesagt: Von diesen Orten weiß man es. Es ist eine beklemmende Vorstellung, dass in unserer Gesellschaft Kinder vor brutaler Gewalt nicht sicher sein können, dass sie es ausgerechnet an den Orten, an denen sie sich geborgen wähnen, nicht sind und dass es jetzt gerade, während dieser Text gelesen wird, auch geschieht, womöglich im Nachbarhaus. Was kann man tun? Ein Gespräch mit Matthias Kornowski, Referent für Präventionsfragen beim BDKJ (Foto).

Es ist ein komplexes Thema, sagt er gleich zu Beginn. Ein Täter geht äußerst planvoll vor: „Wenn man sein Verhalten beschreibt, liest sich das wie die Wunschliste für einen guten Gruppenleiter“, so Kornowski. Ein Täter lässt sich viel Zeit, um den Missbrauch vorzubereiten und ein passendes Opfer auszusuchen. Er macht sich beliebt, ist hilfsbereit und zugleich unauffällig– in Münster hat der Beschuldigte eine ganze Kleingartenanlage mit WLAN ausgestattet. Wenn die Sache herauskommt, sind alle völlig erschüttert, weil ihm das niemand zugetraut hätte. Das Opfer findet ein Täter im eigenen Umfeld. „Den bösen fremden Mann, der im Auto vor der Schule wartet, gibt es sicher auch, aber das ist der seltenste Fall“, betont Kornowski, „in der Regel handelt es sich um Beziehungstaten.“ Das heißt: Opfer und Täter kennen und mögen sich. Das Kind vertraut dem Täter, denn bei ihm darf es Dinge, die es zu Hause nicht darf, bei ihm gibt es besondere Süßigkeiten, besondere Spielsachen oder einfach auch Zeit und Zuwendung. „Solche Täter haben ein gutes Gespür für Bedürfnismängel der Kinder.“

Kind ist im Loyalitätskonflikt

Die Nähe zwischen den beiden, die Zuneigung des Kindes verschafft dem Täter leichtes Spiel. Ein betroffenes Kind gerät in einen Loyalitätskonflikt, der vom Täter verschärft wird, in dem er droht: Wenn du was sagst, muss ich ins Gefängnis und du kommst ins Heim. In solch einer Situation sind Kinder für eine gewisse Zeit Meister des Versteckens. Sie lassen sich nichts anmerken. Hinzu kommt die Schamhaftigkeit des Themas, zudem können Kinder oft nicht über das reden, was ihnen widerfährt, weil sie die entsprechenden Wörter nicht kennen, weil sie im Wortsinne sprachlos sind. Und noch etwas kommt hinzu: „Wir als Gesellschaft wollen es nicht sehen“, sagt Matthias Kornowski, „allerdings sind wir auf einem guten Weg.“ Dass jetzt immer mehr Fälle ans Licht kommen, hat nach seinen Worten damit zu tun, dass die Gesellschaft sensibler wird. Sensibler heißt: williger, nicht mehr wegzuschauen. Denn Missbrauch ist nun wahrlich kein neues Thema und auch keins, von dem man noch nie vorher gehört hat. Schon Großeltern und Eltern können doch vom Onkel oder vom Lehrer erzählen, mit dem die Kinder besser nicht allein im Zimmer waren. Und die Tragödie in der Kirche war auch nie so geheim, wie es heute scheint. Immer gab es Menschen, die etwas gewusst haben, aber die breite Öffentlichkeit hat nicht reagiert. 

Bei einem Verdacht das Kind nicht ansprechen

Das ist inzwischen anders, wohl auch dank der Schulungen, die es im kirchlichen Raum gibt. Allein der BDKJ Paderborn hat seit 2013 mehr als 4000 Menschen geschult (siehe Infokasten). In diesen Schulungen lernen die Teilnehmer, die Signale zu erkennen, die Kinder senden. Verhaltensänderungen können auf einen Missbrauch hinweisen, können, müssen aber nicht, das ist das Tückische. „Deswegen sollte man immer auch das Alter des Kindes sehen.“ In einer bestimmten Phase seien sexualisierte Sprüche durchaus normal, sagt Kornowski. Aber: „Wenn ein Kind sagt, dass es nicht nach Hause möchte oder dass der Papa doof zu ihm ist, dann sollte man hellhörig werden.“ Hellhörig, das ist auch so ein Stichwort. „Bis zu sieben Mal muss sich ein Kind einem Erwachsenen offenbaren, bis ihm geholfen wird.“

Was kann man tun?

Wer einen Verdacht hat, sollte auf keinen Fall das Kind darauf ansprechen. Aber was kann man tun? „Ein Gesprächsangebot machen, dem Kind anbieten: ,Wenn was ist, wir können reden‘, oder auch Unterstützung in kleinen Dingen.“ Allerdings empfiehlt Kornowski dringend, sich beraten zu lassen. „Es gibt inzwischen flächendeckend Beratungsstellen, die da helfen können.“ Denn es komme in so einem Moment darauf an, das Kind zu schützen und es nicht ein zweites Mal zu missbrauchen, indem wieder Erwachsene etwas über das Kind hinweg tun.

 

Info

Schon seit 2007 ist das Thema Kindeswohl ein Inhalt von Gruppenleiterschulungen des BDKJ, seit 2010 gibt es explizite Schulungen zur Prävention sexualisierter Gewalt. Pro Jahr schult der Dachverband der katholischen Jugendverbände rund 600 Personen, seit 2013 waren das mehr als 4000. In diesen Schulungen geht es darum, die Teilnehmer für das Thema zu sensibilisieren, also auf Signale zu achten, die Kinder senden, und zugleich nicht in eine falsche Hysterie zu verfallen. 

Kontakt BDKJ

Matthias Kornowski

Referent für Präventionsfragen

Leostraße21

33098Paderborn

Telefon:

05251/2065-207;

E-Mail:

kornowski@bkdj-paderborn

Kontakt Erzbistum Paderborn

Karl-Heinz Stahl

Präventionsbeauftragter im

Erzbistum Paderborn

Telefon: 05251/125-1213

E-Mail:

karlheinz.stahl@erzbistum-paderborn.de