Schuld darf sich sehen lassen

Gedanken zu Lk 12,13-21

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veröffentlicht am 24.10.2019
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

Gott schaut auf unsere Schuld, um sie zu vergeben.

von Ullrich Auffenberg

Sie hatte einen Augenblick lang nicht aufgepasst. Schon war sie mit ihrem Pkw in einer Autobahnauffahrt auf die falsche Spur geraten. Nach wenigen Hundert Metern kollidierte sie mit einem anderen Fahrzeug. Zwei Personen wurden schwer verletzt. Eine starb noch am Unfallort. Sie selbst blieb abgesehen von einigen Blessuren unverletzt.

Kann ein solcher Mensch sich schütteln und einfach weiterleben? Nein! Diese Frau zog sich in sich selbst zurück. Sie traute sich kaum noch auf die Straße aus Angst vor dem Getuschel der Leute: „Das ist doch die, die …“ Immer verfolgte sie das Gefühl: „Ich kann mich nirgendwo mehr sehen lassen; nicht vor den Mitmenschen, nicht vor meiner Familie, nicht einmal vor mir selbst.“ Was sie am meisten quälte, war die Erkenntnis, nicht wiedergutmachen zu können, was geschehen war.

Ab und zu schlich sie sich in eine Kirche, nicht, weil sie besonders fromm war. Hier konnte sie im Halbdunkel des Raumes ihren Tränen freien Lauf lassen.

Diese Frau fiel mir ein, als ich mich in die Gestalt des Zöllners in diesem Evangelium vertiefte. Aus ganz anderen Gründen wird hier auch ein Mensch von seinen Schuld­gefühlen erdrückt. Die Zölle im damaligen Palästina waren in Pacht vergeben. Da­rum waren die Zöllner ständig versucht, die Tarife zu ihren Gunsten zu manipulieren. Sie galten deshalb als Betrüger und wurden von den „anständigen Leuten“ gemieden. Der Zöllner bei Lukas hat diese Sicht der oberen Schicht vollständig verinnerlicht. Er fühlt sich zutiefst schuldig. Sein Grundgefühl ist, dass er sich nicht einmal bei Gott sehen lassen darf. Er verkriecht sich deshalb in die letzte Ecke des Tempels, wagt nicht einmal die Augen zum Himmel zu erheben. Auch ihn plagt die Ausweglosigkeit, weil Wiedergutmachung nicht möglich ist. Wie soll er all die Menschen, die er in einem langen Berufsleben betrogen hat, ausfindig machen und zurückzahlen, was er ihnen genommen hat? Verzweifelt schlägt er sich an die Brust, also auf sein erschüttertes Herz mit der flehentlichen Bitte um Gottes Gnade.

Immer wenn ich während eines Gebetes oder Gottesdienstes an die Brust schlage, dann denke ich an diesen Zöllner und werde mir bewusst: Gott sieht auch mein oft „gebrochenes und zitterndes Herz“. Er sieht die Tränen der Frau, die den Unfall verursachte. Denn „er sammelt deine Tränen in einem Krug“, heißt es im Psalm 51. Wer sich so mit seinen Schwächen, Brüchen und Verzweiflungen vor Gott einfindet – meint der lukanische Jesus –, der findet Heilung, auch wenn er das selbst nie für möglich gehalten hätte.

Aber jene hier als „pharisäisch“ bezeichnete Haltung der Selbstgerechtigkeit und des Hochmutes landet eines Tages bitter auf dem Boden der Realität. Denn am Ende ist Überheblichkeit nichts anderes als der Verzweiflungsakt, eigene Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren. Die Angst, nichts wert zu sein, wird mich immer dazu führen, mich mit anderen zu vergleichen, mich größer zu fühlen, aufzublähen. Diese Ballons zerplatzen unter dem Licht der Gnade Gottes. „Die Hochmütigen zerstreut er“, schreibt Lukas schon im Magnifikat.

Das ist die froh machende Botschaft dieses Evangeliums: Gerade mit deinen Abgründen darfst du dich vor Gott sehen lassen. Er erhebt deine Seele.

Meister Eckhart drückt es so aus: „Suche du nicht Gott. Lass dich von ihm finden.“

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