Unwissend in den Kampf

Dr. Michael Kiefer schilderte den Prozess der Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen

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veröffentlicht am 20.06.2018
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

Detmold. Die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen stand im Mittelpunkt einer Veranstaltung der Reihe „Religionen im Gespräch“ im Café VIVA! in Detmold. Junge Menschen, die sich radikal-­islamischen Gruppen anschlössen, seien oft äußerst religionsfern, erläuterte der Islamwissenschaftler Dr. Michael Kiefer (Osnabrück). Stattdessen konstruierten sie sich selbst einen „Lego-Islam“, den sie mit Informationen aus islamistischen Internetforen oder Webseiten fütterten.

Leider werde aber islamistisch begründeter Terror immer wieder als „der Islam“ verallgemeinert, so Pfarrerin Dr. Katharina Kleine Vennekate, die die Veranstaltung moderierte. Das Gespräch fand im Rahmen einer Veranstaltungsreihe statt, die in Kooperation von Katholischem Bildungswerk Lippe, der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Lippe (GfcjZ), der evangelischen Studierendengemeinde Detmold/Lemgo und der Lippischen Landeskirche organisiert wird.

Gleich zu Beginn betonte Kiefer, dass es über den Islam an diesem Abend nicht gehen solle, auch nicht um den dschihadistischen Islamismus im Allgemeinen. Stattdessen stand die Radikalisierung einer einzelnen Jugendgruppe im Mittelpunkt, die im Frühjahr 2016 einen Sprengstoff­anschlag verübt hatte, bei dem es mehrere Verletzte gab. Die männlichen Täter, die bei der Ausführung allesamt noch minderjährig waren, hatten die schriftlichen Dialoge in einer WhatsApp-Gruppe hinterlassen, die Kiefer und weitere Wissenschaftler des Institutes für Islamische Theologie der Universität Osnabrück gemeinsam mit dem Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld untersuchten.

Das Protokoll umfasst den vollständigen Zeitraum von der Gründung der Gruppe im Januar bis zum Anschlag im April 2016. Ausgedruckt füllen die 5 757 Einträge rund 600 Seiten – für die Forscher ein absoluter Glücksfall. So sei die WhatsApp-Konversation eine authentische Dokumentation der Entstehung der Radikalisierung, erklärte Kiefer.

Die Unterhaltungen in der Gruppe, in der sich die Jugendlichen als „Anhänger des islamischen Kalifats“ bezeichneten, bewegten sich zwischen extremer Radikalität und kindlich naiven Gedanken. Vor allem aber zeigten sie auf, dass die Jugendlichen nur über rudimentäre oder gar keine Islamkenntnisse verfügten, wie Kiefer ausführte. Religiöse Vorbildung etwa durch eine Sozialisation in Moscheegemeinden hatten sie demnach nicht. Stattdessen hätten sie sich ein verkürztes Bild einer Gewalt legitimierenden Religion kon­struiert, das Koran-Zitate aus dem Kontext ihrer Offenbarung gerissen habe: „Sie nahmen sich nur, was sie brauchten, um sich selbst zu ermächtigen und sich mächtig zu fühlen“, erklärte Kiefer. Nach dem sogenannten „Takfir-Prinzip“ hätten sie immer mehr Menschen zu Ungläubigen erklärt, bis sie irgendwann nur noch sich selbst als rechtgläubig betrachteten. Kiefers Fazit: „Der Islam dieser Jugendgruppe zeigte sich in Gestalt einer jugendlichen Gegenkultur, die mit klassischer islamischer Religiosität nicht zu vergleichen ist.“ Schon während des Vortrages gab es immer wieder Fragen aus dem Publikum, auch von jungen Muslimen, die dschihadistische Gruppen auch aus ihren eigenen Heimatländern kennen – genauso wie die traditionelle muslimische Religiosität. Sie bestätigten die Ausführungen von Kiefer.

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