Schuldige Kreatur?

Was uns der Fall Chico sagt

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Dies ist nicht Chico, aber ein ähnlicher Hund. Nachdem Chico zwei Menschen getötet hatte, wurde er Mitte April eingeschläfert. Foto: pixabay
veröffentlicht am 26.04.2018
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

Hundebesitzer schwören ja Stein und Bein, dass ihr bester Freund sehr genau weiß, wann er etwas Verbotenes getan hat, dass er also ein Gewissen hat. Nun hat sich in Norddeutschland eine umfängliche und aufwühlende Tragödie ereignet: Ein Hund tötet zwei Menschen, die er eigentlich vor anderen Menschen schützen sollte. Vergangene Woche wurde Chico eingeschläfert, obwohl sich fast 300 000 Menschen für ihn eingesetzt hatten.

von Claudia Auffenberg

Was war da los? War der Hund schuldig? Können Tiere überhaupt schuldig werden?

Einer, der dazu etwas sagen kann, ist Dr. Rainer Hagencord, Priester und Biologe, Leiter des Institutes für theologische Zoologie in Münster, ein Streiter für die Tiere. War Chico schuldig? Tiere können nicht schuldig werden, sagt er, weil sie nicht frei sind. Doch Schuld hat mit Freiheit zu tun. Er zitiert Thomas von Aquin, den Kirchenlehrer des 12. Jahrhunderts, der formuliert hat, dass Tiere eine Gottunmittelbarkeit haben, die der Mensch nicht mehr hat. „Der Mensch ist von Gott in die Freiheit gesetzt“, sagt Hagencord, „er muss entscheiden, ob er sich von Gott oder vom eigenen Egoismus bewegen lassen will. Diese Fragen haben Tiere nicht.“ Tiere können sich also nicht gegen Gott stellen und werden somit „niemals schuldig“. Niemals, wirklich? Einspruch! Tiere töten doch andere, ist das nicht schuldhaft? Nein, sagt Hagencord. Wenn der Löwe das Ze­bra tötet, dann hat er keine andere Wahl. Aber wir Menschen haben die Wahl. „Wir können heute sagen: Ich esse kein Fleisch mehr. Die Politik könnte sagen: Morgen steigen wir aus der industriellen Landwirtschaft aus.“

Wir tun es aber nicht. Wir lassen zu, dass allein in Deutschland jährlich 58 Millionen Schweine geschlachtet werden, dass 17 Millionen Schweine „weggeschmissen werden“, weil sie es gar nicht bis zum Schlachthof schaffen, dass einige Schweine – laut Statistik 800 pro Tag – nicht ordentlich betäubt werden und in kochendem Wasser aufwachen. Wir nehmen es hin, dass „Mutter Erde schreit“, wie es Papst Franziskus formuliert hat. Aber wenn Chico eingeschläfert werden soll, dann schreit der Mensch.

Rainer Hagencord spricht von einer Scheindebatte, die aber helfen könnte, den Menschen zur Besinnung zu bringen. Dass der angekündigte Tod des Hundes derart aufwühlt, zeigt: Es gibt noch ein Gespür im Menschen dafür, dass da was falsch läuft. Und dafür, was Tiere einem geben können. Sie sind empathisch, sie werten nicht, sie sind nicht nachtragend, sie sind sie selbst und einfach da. Reinhard Mey sang einst: „Es gibt Tage, da wünscht ich, ich wär mein Hund.“ Der Mystiker und Bestsellerautor Eckhart Tolle meint: „Tiere sind Wächter des Seins“ und Jesus sagt: „Seht die Vögel des Himmels, sie säen nicht, sie ernten nicht … euer himmlischer Vater ernährt sie.“ Der Mensch weiß sehr genau, was er an den Tieren hat.

Chico ist ein manipuliertes Geschöpf gewesen, sagt Hagencord, zur Aggression gezüchtet, falsch erzogen, falsch gehalten, „lasst uns nun auf die anderen schauen, die manipuliert werden: die Schweine, die Rinder, die Puten“. Und vielleicht, davon träumt er seit Langem, gibt es tatsächlich mal eine Pfarrgemeinde, die ein Zeichen setzt und zum Pfarrfest aufs Würstchen verzichtet, also nur Vegetarisches auf den Grill legt.

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