„Zutiefst schockiert“

Karsten Haug kritisiert Gewalt und zunehmenden Kommerz im Fußball

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Gemeindereferent Karsten Haug ist durch und durch Anhänger von Borussia Dortmund. Für ihn sind die Gewalttäter keine BVB-Fans. Foto: privat
veröffentlicht am 16.02.2017
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

Karsten Haug ist Gemeindereferent im Pastoralen Raum Pfarrei Heilige Drei Könige im Dortmunder Norden. Er gehört zu den Initiatoren der BVB-Gottesdienste in der Dreifaltigkeitskirche, dem Gründungsort des Vereines. Im Interview mit Matthias Nückel nimmt Haug zu den Angriffen auf Leipziger Fans und zum Kommerz im Fußball Stellung.

DOM: Herr Haug, die Angriffe auf Leipzig-Fans beim Bundesligaspiel in Dortmund schlagen immer noch Wellen. Haben Sie im Stadion davon etwas mitbekommen?

Haug: Von den Ereignissen vor dem Stadion mit dem Angriff auf Fans von Leipzig, vor allem auch auf Familien mit Kindern, habe ich erst am Sonntagmorgen aus dem Radio erfahren. Als ich dann später die Szenen im TV sah, war ich zutiefst schockiert, auch peinlich berührt, weil es „Anhänger“ meines Vereines waren. Für mich sind diese auf jeden Fall keine BVB-Fans.

Es gab ja nicht nur die tätlichen Angriffe. Im Stadion wurden auch Plakate gezeigt, in denen RB Leipzig und sein Sponsor verbal attackiert wurden – bis hin zur Aufforderung zum Selbstmord. Wie sind solche „Proteste“ zu bewerten?

Sicherlich kann man sich kritisch mit dem „Konstrukt RB Leipzig“ auseinandersetzen. Viele Fans sehen gerade in diesem Verein keine echte Tradition, sondern eine reine Geschäftemacherei. Der Fußballsport wird benutzt, um eine Marke strategisch gut zu positionieren. Allerdings erleben wir ja in fast allen Sportbereichen eine Kommerzialisierung. Dies beginnt auch schon in den unteren Fußballligen. Ich bin der Ansicht, dass das ständige Streben nach mehr Profit, das Erobern neuer Marketingmärkte (siehe auch die Bestrebungen der FIFA und UEFA) irgendwann den Ball zum Platzen bringt und die Menschen sich von dem „schönsten Sport der Welt“ abwenden. Das Plakat gegenüber Sportdirektor Ralf Rangnick mit Aufforderung zum Suizid fand ich einfach nur menschenverachtend, geschmacklos und völlig daneben. Da wird die menschliche Würde, die uns ja von Gott geschenkt ist, mit Füßen getreten.

Fußball und im Grunde der gesamte Sport ist Kommerz. Neigen manche Fans dazu, dies bei ihrem eigenen Verein gern zu übersehen?

Es ist schwierig. Auf der einen Seite möchte der Verein gewisse Traditionen wahren, auf der anderen Seite ist er gezwungen, immer neue Märkte zu erschließen, um im Geschäft zu bleiben. Dies kann durchaus zu Konflikten und Differenzen zwischen Vereinsführung und Fans führen. 2015 überklebten die BVB-Verantwortlichen legendäre Zitate von Adi Preißler, um weitere Werbeflächen zu erschließen. Dies führte zu einem wahren Shitstorm und einige Tage später entschuldigten sich die Initiatoren bei den Fans.

Alle Verantwortlichen machen sich nun Gedanken darüber, wie man das Gewaltpro­blem in den Griff bekommen kann. Welchen Beitrag kann die Kirche leisten? Wird vielleicht ein BVB-Gottesdienst das Thema Gewalt haben?

Ich könnte mir schon vorstellen, dass das Thema „Gewalt“ mal in einem BVB-Gottesdienst aufgegriffen wird, um damit deutlich zu machen, dass die Gründer wirklich nur das faire Fußballspiel im Sinn hatten. Einige Gründer stiegen sogar im ersten Weltkrieg aus den Schützengräben und feierten mit den gegnerischen Franzosen das Weihnachtsfest und spielten anschließend einen gepflegten Kick. Vielleicht kann es in der Dreifaltigkeitskirche am Borsigplatz – der Gründungskirche des BVB – auch mal ein Forum zu Werten und Traditionen im Fußballsport geben.

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